Donnerstag, 31. Juli 2014

Für Patienten

03.07.2006
Von: was
Artikel Nummer: 9082
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Deckung für unsere Fußball-Jungs

Das sollte wirklich jeder Fußballer wissen: Auch bei den harten Jungs gibt es Schwachstellen – und damit sollten sie vorsichtig umgehen. Auf der 2. Fußball- und Sportmedizin-Konferenz der FIFA haben sich die Spezialisten geäußert.


Der Kopf

Im Fußball kommt es immer wieder zu spektakulären Kopfverletzungen – das Bild des Bremer Torwarts Andreas Reinke, der mit starken Gesichtsblutungen in die Knie ging, ist noch in Erinnerung. „Aber ernsthafte Gehirntraumata sind selten“, betonte Professor Dr. Jiri Dvorak, Vorsitzender des Medical Assessment and Research Centres (F-MARC) der FIFA. In Studien unter Amateuren machten Gehirnerschütterungen nur 2 bis 4 Prozent aller Verletzungen aus. Sie würden aber häufig nicht ernst genommen, weil sie nur in 10 bis 30 Prozent der Fälle mit Bewusstlosigkeit einhergehen, warnte der Neurologe. Beim geringsten Verdacht aber, etwa aufgrund von Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Balance- oder Sehstörungen, muss ein Kicker sofort eingehend neurologisch untersucht werden.

Die in den USA angebotenen Schaumstoffprotektoren, die wie ein Band um den Kopf liegen, sind nach Untersuchungen des Biomechanikers Dr. Nicholas Shewchenko aus Ottawa nur bedingt tauglich. Zwar bieten sie Schutz, wenn zwei Fußballer mit dem Kopf zusammenkrachen. Knallt aber einer dem anderen den Ellenbogen an den Schädel – mit 38 Prozent die häufigste Ursache von Kopfverletzungen –, dann bringen die Protektoren den Labortests zufolge wenig bis nichts.

In der Praxis hat sich außerdem herausgestellt, dass die Verletzungs-häufigkeit mit Kopfschutz zunimmt, besonders bei Kindern. Die Spieler fühlen sich dann sicherer und gehen ein größeres Risiko ein. Wirklich wirksam wäre nur eine Änderung der Fußballregeln, sagte der FIFA-Experte. Es müsste untersagt werden, dass Spieler nahe am Gegner ihre Ellenbogen „ausfahren“, wenn sie hochspringen, um mit dem Kopf die Flanke oder den Eckball zu erreichen.

Das Schienbein

Ein Tritt gegen das Schienbein – und dann auch noch mit Stollen-bewehrten Fußballschuhen –, das tut richtig weh. Es kann sogar zum Schienbeinbruch kommen, so wie in der letzten Saison bei Daniel Jungwirth von Erzgebirge Aue im Punktspiel gegen Kickers Offenbach. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, weil ihre Knochen noch nicht ausgewachsen sind. Deshalb schreibt die FIFA vor, dass bei offiziellen Spielen in allen Spielklassen Schienbeinschützer getragen werden müssen. Doch in Freundschaftsspielen und besonders im Training wird in Sachen Unterschenkelsicherheit oft geschlampt, sogar bei Profis. Als sich z.B. der belgische Nationalspieler Baart Goor, damals in Diensten von Hertha BSC, im Jahr 2004 während des Trainings eine Fraktur zuzog, trug er keinen Schutz.

Das Sprunggelenk

Umgeknickt, oberes Sprunggelenk verstaucht. Dann ist ein Spieler reif für die Auswechselung. Viele versuchen, sich gegen dieses Missgeschick durch steife Sprunggelenk-Bandagen zu schützen. Doch hilft das? In einer südafrikanischen Studie wurde der Effekt einer semirigiden Orthese, also einer halbsteifen Stütze für das obere Sprunggelenk, über eine ganze Spielzeit geprüft. 256 Spieler hatten zuvor bereits eine oder mehrere Verstauchungen erlitten, 246 Studienteilnehmer waren davon bisher verschont. Das überraschende Ergebnis: Bei Kickern, die bis dato am Sprunggelenk noch kei-nen Schaden genommen hatten, war es für die Häufigkeit der Verletzungen egal, ob sie mit oder ohne Knöchelschutz spielten. Ganz anders bei Spielern, die sich schon mal eine Verstauchung geholt hatten: Mit den Orthesen kam es bei ihnen statistisch pro 1000 Spielstunden nur zu 0,14 Sprunggelenk-Verstauchungen, ohne Gelenkstützen zu 0,86.

Rein mechanisch scheinen die Stützen nicht zu wirken, meinen die Experten vom F-MARC. Dann müssten sie ja bei allen Spielern die Anzahl der Verstauchungen vermindern. Aber sie wirkten wohl über einen unbewussten Lagewahrnehmungssinn des Körpers. Denn nach einer Verletzung sind die Kontrolle der Körperhaltung, der Positionssinn und die Gleichgewichtsreflexe reduziert. Mögli-cherweise haben Tapes und Orthesen bei früher verletzten Sportlern auch einen Erinnerungseffekt, der dazu führt, dass sie mit dem betroffenen Gelenk vorsichtiger sind – so lautet eine ältere Hypothese. Auf jeden Fall raten die F-MARC-Spezialisten, dass Fußballer nach einer Verstauchung so lange Orthese oder Tape tragen sollen, bis sie ein ausreichendes Training absolviert haben.

Die Muskeln

Ein Kicker rennt los, plötzlich greift er sich an den Oberschenkel und bricht zusammen: Muskelzerrung. Für ihn ist das Spiel zu Ende. Verletzungen der Oberschenkelmuskulatur machen bis zu 30 % aller Fußballverletzungen aus, erklärte Professor Dr. Roald Bahr vom Olso Sports Trauma Research Center. Besonders die unter dem Begriff „Hamstrings“ zusammengefasste rückseitige Muskulatur der Hüfte bis zum Oberschenkel ist häufig betroffen. Typischerweise erwischt es die Sportler bei der exzentrischen Muskelarbeit, also bei muskelstreckender bzw. Bewegung abbremsender Arbeit. Davon ausgehend wurde untersucht, ob ein einfaches exzentrisches Krafttraining die Verletzungsrate vermindert. In einer Studie über zwei Jahre entwickelten jene Fußballer, die das entsprechende Training absolvierten, 65 Prozent weniger Oberschenkelzerrungen. Ein Streching-Programm hatte auf die Häufigkeit dieser Verletzung dagegen keine Auswirkung.

 

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