Freitag, 19. September 2014

Für Patienten

22.04.2006
Von: Dr. Renate Leinmüller
Artikel Nummer: 8600
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Beschwerden in den Wechseljahren

Hannelore hat einen guten Job in einer Anwaltskanzlei. Ihre 48 Jahre sieht man ihr nicht an, sie hat ihren Job im Griff. Wenn da nicht die peinlichen Situationen wären: Mitten in der Besprechung ein roter Kopf, ein Schweißausbruch, Flecken unter den Achseln – die klassischen Zeichen für die Wechseljahre. „Nimm doch Hormone“, rät eine Freundin, „meine Hitzewallungen sind dadurch weg.“ Hannelore ist unsicher, in der Zeitung wurde im Zusammenhang mit der Hormontherapie sehr negativ berichtet. „Ist die Angst vor Hormonen begründet?“, will sie von den Experten der Medical Tribune wissen.


„Nicht, wenn sie richtig eingesetzt werden“, davon ist Privatdozent Dr. Alexander Römmler vom Hormonzentrum München überzeugt. „Hormone sind kein Allheilmittel, sondern hochwirksame Botenstoffe, die im Körper die biologischen Prozesse richtig ablaufen lassen. Viele akute Beschwerden der Wechseljahre sind mit einer individuell angepassten Hormonbehandlung sehr gut zu lindern oder sogar ganz zu beseitigen. Wichtig ist es, den Körper nicht mit Hormonen zu überschütten.

Das Ziel ist vielmehr, den Hormonabfall, der die Beschwerden verursacht, auszugleichen – am besten mit körperidentischem Östrogen und dem Gelbkörperhormon Progesteron.“ „Die großen Studien, die überwiegend mit Negativschlagzeilen durch die Presse gegangen sind, waren wichtig“, erklärt der Gynäkologe. „Sie haben klar gemacht, dass Hormone nicht nach dem ‚Gießkannenprinzip‘ einzusetzen sind. Sie haben einen nachweislichen Nutzen, aber auch Nachteile – wie jede medikamentöse Behandlung.“

Hormonkonzentration nur so hoch wie nötig

Vor der Verordnung von Hormonen werden deshalb heute sehr genau ungünstige familiäre Anlagen (etwa Brustkrebs oder Thrombosen) und persönliche Risiken wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel- und Blutgerinnungsstörungen, Diabetes und Übergewicht ermittelt. „Es ist auch klar geworden, dass wir Hormone so früh wie möglich einsetzen müssen, wenn wir die schützenden Effekte der Östrogene auf Blutgefäße und Knochen nutzen wollen.

Bereits bestehende Schäden werden kaum ‚repariert‘.“ Ein ganz wichtiger Punkt für den Experten ist der Einsatz körperidentischer Hormone statt synthetischer bzw. chemischer Produkte oder Östrogene tierischen oder pflanzlichen Ursprungs. „Die natürlichsten Hormone sind die körpereigenen“, betont Römmler.

Diese sollten am besten über die Haut zugeführt werden. Denn bei der Einnahme von Tabletten entstehen im Vergleich zu den Mitteln, die auf die Haut aufgetragen werden, sehr viel höhere Hormonkonzentrationen im Blut. „Das ist medizinisch unnötig, sogar risikobehaftet – und für viele Nebenwirkungen verantwortlich.“ Der Gynäkologe nennt in diesem Zusammenhang das Brustspannen, die erhöhte Gefahr von Thrombosen und auch die Zunahme der so genannten Brustdichte, was die Auswertung von Mammographien erschwert. Wenn das natürliche Östrogen aber über die Haut zugeführt wird, können gezielt genau so viele Hormone aufgetragen werden, wie zum Ausgleich des Mangels notwendig sind. Deshalb kommt es auch nicht zu den bekannten unerwünschten Wirkungen.

Hormon-Gel kann in der Menge angepasst werden

Dr. Römmler bevorzugt in seinem Hormonzentrum Östradiol-<ls />Dosiergel, das auf die Haut aufgetragen werden kann. Bei dieser Anwendung sind unerwünschte Hautreaktionen seltener als bei Pflastern. Noch wichtiger ist für ihn jedoch die Tatsache, dass das Gel als einzige Zubereitungsform über die täglich aufgetragene Menge eine individuelle und möglichst niedrige Dosierung erlaubt: Tritt beispielsweise Brustspannen auf, sollte die über die Haut zugeführte Östrogendosis reduziert werden. Kommt es dagegen weiterhin zu Hitzewallungen, kann die Hormonmenge dem Bedarf angepasst werden.

Eine reine Östrogenbehandlung bei Wechseljahresbeschwerden führt allerdings zu einem gesteigerten Wachstum der Gebärmutterschleimhaut und damit zu einem erhöhten Krebsrisiko. Deswegen werden Östrogene mit einem „Gegenspieler“ kombiniert, um die Schleimhaut in regelmäßigen Abständen – wie bei der Monatsblutung – abzubauen.

Körperidentisches Progesteron ist sicherer

Dazu wurden und werden Substanzen eingesetzt, die chemisch hergestellt werden, so genannte synthetische Gestagene. Diese Kombination hat sich in den großen Studien leider als wenig vorteilhaft herausgestellt: Sie erhöht das Brustkrebsrisiko – zwar nur gering, aber unzweifelhaft. Der Münchener Hormonexperte zieht deshalb das körperidentische Progesteron den synthetischen Gestagenen vor. Das Gelbkörperhormon Progesteron, das für eine Schwangerschaft unabdingbar ist, aber auch beim Ausgleich eines Hormonmangels, ist der Gegenspieler des Östrogens im Körper der Frau. Für diese Kombination ist in einer umfangreichen französischen Untersuchung mit fast 70 000 Frauen kein erhöhtes Brustkrebsrisiko beobachtet worden (siehe Kasten).

„Diese neuen Fakten vom Menopause-Weltkongress sind eine wirklich gute Nachricht für die Frauenärzte und für die Frauen“, betont Römmler, der seit Jahren auf natürliches Progesteron in mikronisierter Form, also in sehr kleinen Kristallen, setzt. Das körperidentische Hormon Progesteron weist nämlich noch weitere Vorteile auf: Es verstärkt nicht die in den Wechseljahren oft auftretenden depressiven Verstimmungen, sondern es hellt vielmehr die Stimmung auf, wirkt angstlösend und ist – wenn es abends eingenommen wird – auch schlaffördernd (siehe Kasten).

„Wenn also ein ausbalancierter natürlicher Hormonersatz mit Östrogen, das über die Haut aufgenommen wird, und mikronisiertem Progesteron erfolgt, ist die Angst vor Hormonen unbegründet“, bringt Römmler seine Meinung auf den Punkt.

Progesteron fördert den Schlaf

Probleme mit dem Einschlafen kennen Frauen gerade auch in den Wechseljahren. Dass die abendliche Gabe von Progesteron den Schlaf verbessert, nützen Frauenärzte schon lange aus. Seit Kurzem ist jetzt auch der wissenschaftliche Beweis erbracht, dass dadurch die Wachzeiten in der ersten Nachthälfte um rund ein Drittel vermindert werden. Wie Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München nachgewiesen haben, sind die Verbesserungen am stärksten im ersten Drittel des Nachtschlafes. Es kam zu weniger Übergangsphasen zwischen Schlafen und Wachsein, und die wichtigen Traumphasen nahmen zu. Der ausgeprägte schlaffördernde Effekt des abendlichen Progesterons war für die Psychiater selbst "überraschend".

 

Kein größeres Brustkrebsrisiko

Französische Frauen bevorzugen schon seit langem die Zufuhr von natürlichen Hormonen und führen Östrogene bevorzugt über die Haut zu. In einer großen Spezialsprechstunde für Frauen in den Wechseljahren wurde ersmals beobachtet, dass auch bei langfristiger Kombination mit natürlichem, mikronisiertem Progesteron das Brustkrebsrisiko nicht ansteigt.

Auch eine groß angelegte wissenschaftliche Studie* mit fast 70.000 Frauen in Frankreich zeigte schon in der Zwischenauswertung Vorteile für Progesteron als Kombinationspartner. Die jüngste Auswertung sichert diese Daten weiter ab: Die Frauen werden inzwischen seit 7,7 Jahren beobachtet, im Mittel nehmen sie seit 5,5 Jahren Hormone ein. Für die Gruppe die reine Östrogene anwendet, wurde jetzt ein etwas erhöhtes Brustkrebsrisiko bestätigt, in Kombination mit synthetischen Gestagenen lag es am höchsten. In Verbindung mit natürlichem Progesteron konnten die Wissenschaftler dagegen keine Steigerung nachweisen. Diese Ergebnisse wurden beim Menopause-Weltkongress in Buenos Aires als kleine Sensation gewertet.

*E3N - Etude Epidemiologique des femmes de la Mutuelle Generale de l'Education Nationale

 

Was Frau bei Beschwerden selbst tun kann - und sollte

Körperliche Aktivität kann Beschwerden entgegenwirken:

  • strafft Muskulatur und Bindegewebe
  • regt den Knochenstoffwechsel und den Kreislauf an
  • beugt Übergewicht vor bzw. hilft Übergewicht abzubauen
  • Verlangsamt die natürlichen altersbedingten Abbauvorgänge im Organismus
  • wirkt Alterserkrankungen und damit Wechseljahresbeschwerden entgegen

Ausgewogene Ernährung kann die Beschwerden lindern:

  • viel frisches Obst und Gemüse
  • wenig gesättigte Fette, dafür mehr ungesättigte und Omega-3-Fettsäuren
  • fettarme Milchprodukte als Eiweißquelle
  • reichlich Flüssigkeit (2 Liter am Tag), z.B. Wasser, ungesüßter Tee
  • ausreichend Vitamine,
  • Mineralstoffe und Spurenelemente
  • am besten gar kein Nikotin und nur wenig Alkohol

Wenn eine Behandlung mit Hormonen ansteht:

  • Bei einer sorgfältigen Untersuchung sollten auch Risikofaktoren von behandelnden Gynäkologen oder Endokrinologen erfragt werden.
  • Lassen Sie sich den Unterschied von natürlichem Gestagen erklären.
  • Besprechen Sie mit Ihrem Arzt die Anwendungsmöglichkeiten von hormonhaltigen Präparaten.
  • Gehen Sie regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen.
 

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