Donnerstag, 23. Oktober 2014

Für Patienten

11.12.2006
Von: Thomas M.
Artikel Nummer: 9657
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Die Blutgerinnung selbst messen macht unabhängig

Thomas M. leidet unter Vorhofflimmern, einer häufigen Herzrhythmusstörung. Als Folge trat bei ihm ein Schlaganfall auf. Damit es nicht noch einmal so weit kommt, ist die lebenslange Behandlung mit blutverdünnenden Medikamenten notwendig. „Medical Tribune – von Ärzten für Sie“ hat der 65-Jährige seine Geschichte erzählt.


„Dass ich etwas am Herzen haben könnte, hätte ich nie gedacht. Ich habe immer gesund gelebt, habe auf mein Gewicht geachtet, bin viel Fahrrad gefahren und habe nie geraucht. Natürlich, ab und zu habe ich mal ein Glas Rotwein getrunken, oder auch zwei – aber das soll ja gut für das Herz sein.

Eines Nachts bin ich plötzlich aus dem Schlaf hochgeschreckt. Mein Herz hat bis zum Hals geklopft, ist gestolpert. Nach ein paar Minuten war der „Spuk“ vorüber. „Na, worüber hast du dich denn im Traum so aufgeregt?“, habe ich mich gefragt und bin wieder eingeschlafen. Sorgen, dass hinter dem Herzstolpern etwas Ernstes stecken könnte, hatte ich nicht. Schließlich war ich regelmäßig zum Check-up bei meinem Hausarzt gewesen. „Für einen 65-Jährigen sind ihre Arterien top“, hatte Dr. Müller noch vor zwei Wochen bei einer Routine-Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern gemeint.

"Langsam gewöhnte ich mich an das Herzstolpern"

Beruflichen Stress hatte ich auch nicht. Fast auf den Tag genau drei Monate vor dieser Nacht war ich nach vierzigjähriger Tätigkeit als Ingenieur in der Automobilindustrie in den Ruhestand gegangen. Ich hatte damals viele Pläne, mich endlich richtig um den Garten zu kümmern und im nächsten Sommer meinen langjährigen Traum zu verwirklichen: Zusammen mit meiner Frau die Donau entlangradeln.

Am nächsten Morgen beim Frühstück war es wieder da: das Stolpern, das Herzklopfen bis zum Hals. Dann plötzlich ein Engegefühl in der Brust, das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ein Herzinfarkt? Meine Frau wollte den Notarzt rufen. Ich habe sie beschwichtigt: „Es ist schon wieder vorbei, Doris.“ Sie hat aber nicht locker gelassen und den Hausarzt angerufen. Das EKG war normal. „Ihr Herz ist völlig gesund.“ Gott sei Dank – kein Herzinfarkt, habe ich gedacht. Dr. Müller hat mich dann aber doch zum Kardiologen überwiesen. „Vorsichtshalber“, wie er sagte.

Eine Woche musste ich auf den Termin warten. An das Herzstolpern hatte ich mich in dieser Zeit fast schon gewöhnt. Nur wenn ich nachts nicht schlafen konnte – das hat mir zu schaffen gemacht. Dann kamen die Gedanken, ob ich vielleicht eine andere Herzkrankheit haben könnte. Auch insgesamt fühlte ich mich nicht so richtig gut. Beim Rasenmähen blieb mir schnell die Luft weg. Und beim Fahrradfahren musste ich bergauf oft schieben.

Der Kardiologie hat erst ein EKG geschrieben und dann noch eine Ultraschalluntersuchung vom Herzen gemacht. Die Diagnose: „Sie haben Vorhofflimmern.“ Das hatte ich noch nie gehört. Der Kardiologe hat es mir dann erklärt: Beim Vorhofflimmern ziehen sich die Herzvorhöfe nicht rhythmisch zusammen, sondern zittern rasend schnell. Ihre Bewegungen sind so schnell, dass sie kaum wahrnehmbar sind. Das ist das „Flimmern“. In unregelmäßigen Abständen werden Impulse zu den Herzkammern weitergeleitet, die sich dann zusammenziehen. „Diese unregelmäßigen Kontraktionen spüren Sie als Herzstolpern“, erklärte der Kardiologe. Ich fand das beunruhigend. Er versicherte mir, dass diese Herzrhythmusstörung nicht lebensbedrohlich sei. „Viele Menschen in ihrem Alter leiden daran.“

Gegen das Herzstolpern verschrieb er mir einen Betablocker. „Damit schlagen ihre Herzkammern regelmäßig, selbst wenn die Vorhöfe flimmern.“ Zusätzlich sollte ich Marcumar einnehmen, um die Bildung von Blutgerinnseln in den flimmernden Vorhöfen zu verhindern. „Gerinnsel aus dem Herzvorhof können in das Gehirn geschwemmt werden und dort einen Schlaganfall auslösen.“ An diesen Satz des Kardiologen sollte ich mich erst viel später wieder erinnern. Damals dachte ich nur: Marcumar? Das ist doch Rattengift! Mal sehen, was Dr. Müller dazu sagt. Gleich am nächsten Tag bin ich zu ihm gegangen. „Wenn Sie sich so vor Marcumar scheuen, können wir es auch mit Aspirin versuchen.“ Täglich sollte ich eine niedrige Dosis davon einnehmen. „Das verdünnt Ihr Blut genauso gut.“

"Plötzlich fühlte ich, dass mein rechter Arm taub wurde."

Die nächste Zeit fühlte ich mich wohl. Wir waren ganz in Urlaubsvorbereitungen vertieft. Einen Tag vor der Fahrt wollte ich mir am Computer die Reiseroute ausdrucken. Plötzlich bemerkte ich ein Taubheitsgefühl im rechten Arm und rechten Bein und sah Doppelbilder. Ich wollte aufstehen und meine Frau rufen. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Intensivstation. Meine Frau saß an meinem Bett. „Du hattest einen Schlaganfall“. Einen Schlaganfall? Ich? Ich wollte etwas sagen, ihre Hand nehmen. Es kamen aber nur unverständliche Wortfetzen heraus. Meinen rechten Arm konnte ich nicht mehr bewegen.

Die nächsten Wochen lernte ich mühsam, meinen rechten Arm und mein rechtes Bein wieder zu benutzen. Es dauerte lange, bis die vielen Worte in meinem Kopf wieder Sinn ergaben. Nur langsam gelang es mir, neuen Mut zu fassen.

Im Hintergrund war aber immer die Angst vor einem erneuten Schlaganfall. „Wer schon einmal einen Schlaganfall wegen Vorhofflimmern hatte, ist stark gefährdet, einen zweiten zu erleiden“, hatte mir der Arzt in der Reha-Klinik erklärt. „Um Marcumar kommen Sie jetzt nicht mehr herum.“ Aspirin sei jetzt nicht mehr ausreichend. „Es verhindert zwar, dass die Blutplättchen zusammenklumpen, aber nicht, dass das Blut gerinnt und sich Thromben bilden, die sich lösen und zum Schlaganfall führen können.“

Nach meiner Entlassung hat mein Hausarzt die Behandlung mit Marcumar fortgeführt. Alle sechs Wochen musste ich jetzt zur Kontrolle der Gerinnungswerte. Die Werte müssen in einem engen Bereich liegen. Denn bleibt das Blut zu dick, ist die Behandlung nutzlos – es könnte sich wieder ein Gerinnsel bilden. Wird das Blut aber zu stark verdünnt, können schon bei leichten Verletzungen schwere Blutungen auftreten.

Die Angst vor den Blutungen machte mir zu schaffen. Ich bewegte mich nur noch vorsichtig durchs Leben. Aufs Fahrrad habe ich mich gleich gar nicht mehr getraut – obwohl ich wusste, wie gut mir ein bisschen Sport getan hätte. Meinen Traum von einer Fahrradtour entlang der Donau hatte ich mittlerweile ganz abgeschrieben. Wo sollte ich auch unterwegs meine Gerinnungswerte messen lassen?

Dann kam der Tag, der mein Leben völlig verändern sollte. Zufällig stieß ich im Internet auf eine Selbsthilfegruppe für Schlaganfallpatienten. Der Treffpunkt war ganz in unserer Nähe. Nach einigem Zögern nahm ich am nächsten Treffen teil.

"Ich war sehr überrascht, wie viele Menschen mein Schicksal teilten."

Einer Frau vertraute ich meine Angst vor Komplikationen durch die Marcumartabletten an. „Was?“, sagte sie „Sie haben noch nichts von Gerinnungs-Selbstmanagement gehört?“ Sie erzählte, dass sie ihre Gerinnungswerte zu Hause einmal in der Woche selbst misst. Wenn es nötig sein sollte, das heißt, wenn die Gerinnungswerte, die sogenannten INR-Werte, schwanken, würde sie ihre Marcumardosis selbst ein wenig anpassen. Das habe sie in einer Schulung gelernt. „Nur ein kleiner Piks in den Finger, das ist alles.“ „Nie mehr diese schmerzhaften Blutentnahmen aus der Vene alle sechs Wochen?“, habe ich gefragt. „Nein, das ist nicht mehr nötig. Und ich fühle mich absolut sicher – zu Hause und unterwegs.“

Gleich am nächsten Tag habe ich Dr. Müller nach dem Gerinnungs-Selbstmanagement gefragt. In einem spezialisierten Schulungszentrum wurde ich dann zum „Manager meiner Blutgerinnung“ ausgebildet. Jetzt messe ich meine Werte schon seit einem Jahr selbst. Seitdem habe ich keine Angst mehr vor Komplikationen. Das Gerinnungs-Selbstmanagement hat mir meine Unabhängigkeit und meine Lebensfreude zurückgegeben.

So funktioniert das Gerinnungs-Selbstmanagement

Für die Gerinnungs-Selbstkontrolle wurden spezielle Messgeräte (z. B. CoaguChek®) entwickelt. Die Messung mit solchen Geräten dauert nur zwei Minuten. Eine Blutentnahme aus der Vene ist nicht erforderlich, ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe reicht. Die Messgeräte sind handlich und einfach zu bedienen. Voraussetzung, um diese Geräte zu erhalten, ist eine Schulung, in der man lernt, wie man sie bedient und wie man die Medikamentendosis anspasst. Arztbesuche zur Gerinnungswert-Bestimmung sind dann nur noch in größeren Abständen notwendig. Wenn Sie am Gerinnungs-Selbstmanagement interessiert sind, sollten Sie zunächst mit Ihrem Arzt sprechen. Nur er kann entscheiden, ob diese Methode für Sie in Betracht kommt. In Deutschland praktizieren schon über 120.000 Patienten die Selbstkontrolle.

 

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