Sonntag, 23. November 2014

Für Patienten

24.07.2010
Von: kol
Artikel Nummer: 16261
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Größte Suchtgefahr beim Automatenspiel

„20 Jahre spielte Michael Jung an Geldspielgeräten und wurde dabei immer verschlossener. Schließlich fand eine Therapeutin Worte, die ihn berührten und den Weg aus seinem Gefängnis finden ließen.“ So lautet ein Stück aus der Lebensgeschichte eines Glückspielsüchtigen, wie sie auf der Homepage der nordrhein-west­fälischen Landesfachstelle Glücksspielsucht nachzulesen ist.


Die Anzahl pathologischer Spieler kann nur geschätzt werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht von etwa 1,1 % der Bevölkerung aus, also rund 600 000 Menschen. Das größte Suchtpotenzial beinhalten Spiele, bei denen der Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt. In erster Linie sind das Geld-Gewinnspiel-Automaten, die es in Spielhallen und Gaststätten gibt.

Bundesweit über 200 000 Geldspielautomaten

Im Jahrbuch Sucht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) von 2009 beschreibt Professor Dr. Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen die Auswirkungen: „Spieler an gewerblichen Geldspielautomaten bilden in den Therapieeinrichtungen nach wie vor mit Abstand die größte Gruppe. Bei 77,5 % der Klienten wurde ein pathologisches Spielverhalten in Bezug auf Geldspielautomaten diagnostiziert.“
Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 212 000 Geldspielautomaten, davon 120 000 in Spielhallen. Das Problem: Automaten zählen im rechtlichen Sinne nicht zum Glücksspiel und sind somit auch nicht den strengen Kontrollmechanismen des Glücksspielstaatsvertrages von 2008 unterworfen.

Suchtexperten und auch Politiker drängen deswegen darauf, das hohe Suchtpotenzial von Geldspielgeräten besser zu kontrollieren. Die Gesundheitsministerkonferenz forderte 2009 von der Regierung, die Gewerbeordnung durch bundesgesetzliche Regelungen entsprechend zu ändern. Es sei notwenig, „die Mindestspieldauer zu verlängern, den Einsatz, den Verlust, aber auch den Gewinn zu verringern und die Möglichkeit der freiwilligen Spielersperre zu schaffen“.

Automatenaufsteller sehen Verbesserungen

Weil sich die gewerblichen Automatenaufsteller ständigem Druck ausgesetzt sehen, haben die Spitzenverbände der deutschen Unterhaltungsautomatenwirtschaft jetzt ein „Sozialkonzept für das gewerbliche Spiel in Spielstätten und Gaststätten“ veröffentlicht. Die Branche verweist darauf, dass es seit Jahren ein Maßnahmensystem gibt, um die Risiken des Geldgewinnspiels zu begrenzen. Der Wirtschaftszweig sei sogar mit „häufig freiwilligen, selbstverpflichtenden Maßnahmen, die später Gesetz wurden, wegweisend für die allgemeine Entwicklung der Suchtprävention gewesen“, heißt es.

Als Beispiele werden auf den Automaten aufgedruckte Hinweise zum Mindestalter der Nutzer von 18 Jahren angeführt, das mit der BZgA entwickelte Info-Telefon und die Schulung des Spielstättenpersonals, damit dieses problematisches Spielverhalten frühzeitig erkennen lernt. Positiv zu bewerten sei auch, dass Alkohol in Spielhallen untersagt ist und Automaten nur in Zweiergruppen mit Sichtsschutz aufgestellt werden, um die Nutzung mehrerer Geräte gleichzeitig zu erschweren.

Mindestalter, Info-Telefon – das reicht noch nicht

Eine weitere Maßnahme sei, dass die Geräte nach einer Stunde Spiel automatisch für fünf Minuten abschalten und die Einsätze pro Spiel auf 20 Cent pro fünf Sekunden, die Gewinne auf zwei Euro pro fünf Sekunden begrenzt sind. „Offenbar haben sich die gesetzlichen Regelungen zu legalen Spielangeboten in Deutschland bewährt“, heißt es bei der Automatenwirtschaft, denn Deutschland liege mit seinem Prozentsatz pathologischer Spieler international gesehen am unteren Ende des Spektrums.

BZgA-Direktorin Professor Dr. Elisabeth Pott ist nicht so optimistisch. Sie bestätigt zwar, dass das Bewusstsein über die Gefahren des Glücksspiels wächst, allerdings biete das Glücksspielverhalten „weiterhin Anlass zur Sorge“: „Insbesondere junge Männer sind gefährdet, glücksspielsüchtig zu werden.“

 

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