Sonntag, 31. August 2014

Für Patienten

20.05.2008
Von: Manuela Arand
Artikel Nummer: 12645
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Riskante Botschaften im Kampf gegen Aids

Medikamente statt Präventionskampagnen? Die Deutsche AIDS-Hilfe warnt davor, die Aufklärungsarbeit zu vernachlässigen. Das Risiko sei zu groß.


Aufklärungskampagnen zur Vorbeugung gegen Aids bringen wenig, besser gleich Medikamente geben. Diese – hier vereinfacht formulierte – These ist seit einiger Zeit in den Reihen derer, die sich mit dem Thema Aids beschäftigen, zu hören. Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hält solche Aussagen für völlig abwegig und sogar für gefährlich. Was der DAH Sorgen bereitet, ist, dass auch manch bekannter HIV-Spezialist einer neuen Nachlässigkeit das Wort redet. Die Argumentation: Weil die neuen Aids-Medikamente die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze senken, müssten Infizierte beim Sex keine Kondome mehr benutzen, um ihren Partner zu schützen.

Aktuell kein Grund zur Entwarnung

Eine gefährliche Interpretation von Tatsachen. Was stimmt: Durch neue Therapiestrategien ist man – zumindest zeitweise – in der Lage, die Vermehrung von HI-Viren so stark zu unterdrücken, dass kaum noch Erreger im Blut kreisen. Da eine bestimmte Virusmenge nötig ist, um eine Infektion auszulösen, sinkt das Ansteckungsrisiko bei sehr geringen Virusmengen folglich praktisch auf null. Aber leider garantiert das günstige HIV-Testergebnis von heute noch lange nicht, dass es nächsten Monat genauso ausfallen wird. Bisher versagt noch jede Aids-Therapie irgendwann: Die HIViren beginnen sich wieder zu vermehren – und das Ansteckungsrisiko
steigt.

Angehörige von Risikogruppen vorsorglich mit Aids-Medikamenten zu behandeln, um der Ansteckung vorzubeugen, wie manche Experten vorschlagen, hält DAH-Geschäftsführer Dr. Luis Escobar Pinzón für unausgereift. Denn die Behandlung müsste langfristig erfolgen, solange das Risiko bestehe – angesichts der Nebenwirkungen der Medikamente und der Kosten könne das kein allgemein taugliches Konzept für Deutschland sein. Und auch die sogenannte Postexpositionsprophylaxe – also die Einnahme von Aids-Medikamenten zum Beispiel nach sexuellem Kontakt mit einem Infizierten – tauge allenfalls in einzelnen Fällen, nicht aber als Routinemaßnahme. Zu unangenehm sind die Nebenwirkungen. Voraussetzung ist ohnehin, dass mit der Behandlung spätestens 72 Stunden nach dem vermeintlichen Risiko begonnen wird (mehr Informationen dazu auf einer Internetseite der DAH: www.hivreport.de). Solche Strategien können die Prävention ergänzen, aber niemals überflüssig machen, stellt Dr. Escobar Pinzón klar. Ohne die Präventionskampagnen hätte die Aids-Epidemie in Deutschland deutlich mehr Opfer gefordert und wäre nicht weitgehend auf die klassischen Risikogruppen – homosexuelle Männer und Drogenabhängige – beschränkt geblieben.

Kampagnen für Schulkinder kompatibel

Deutsche Präventionsarbeit hat international Modellcharakter, viele andere Länder orientieren sich daran. Nach wie vor sind die Infektionszahlen bei uns niedrig. Pro Jahr werden pro Million Einwohnern immer noch weniger als 30 HIV-Infektionen neu diagnostiziert – in anderen europäischen Ländern sind es deutlich mehr, so in Portugal 250 neue Fälle pro Million oder in der Schweiz etwa 100 Fälle. Doch Statistiken täuschen bisweilen: Die Tatsache, dass die Zahl der HIV-Positiven in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen sei, müsse auch auf die Fortschritte bei der Behandlung zurückgeführt werden, meint der DAH-Experte. Wenn HIV-infizierte Menschen länger leben, rechnet er vor, steigt ihre Zahl und damit automatisch die Wahrscheinlichkeit, sich beispielsweise bei einer sexuellen Zufallsbegegnung anzustecken. Ein Versagen der Prävention vermag Dr. Escobar darin nicht zu erkennen: „Je besser ein HIV-Positiver therapiert ist und damit eine sehr geringe Viruslast hat, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung. Viel mehr Sorgen macht uns, dass viele Positive überhaupt nicht von ihrer Infektion wissen und dadurch nicht behandelt werden. Deshalb haben wir in den letzten Jahren verstärkt zum Test bei Homosexuellen und Bisexuellen aufgerufen – was übrigens auch zu den gestiegenen Neudiagnosen beigetragen hat.“ Auf jüngere Menschen oder „hippe Großstadtbewohner“ mögen die Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) mit ihren bonbonbunten Kondomen abgedroschen und nicht besonders originell wirken. Dabei muss man aber bedenken: In hohem Maße ist es diesen Kampagnen zu verdanken, dass die Menschen heute selbstverständlich mit Kondomen umgehen – auch wenn die meisten sie immer noch nicht mögen. Außerdem müssen Kampagnen der Bundeszentralen so gestrickt sein, dass sie dort gezeigt werden können, wo beispielsweise auch Schulkinder sie wahrnehmen. Immerhin hat man sich kürzlich getraut, auch mal ein Kondom zu zeigen, das über eine Banane oder eine Gurke gezogen war. Die Aids-Aufklärung für spezielle Risikogruppen wie etwa homosexuelle Männer übernimmt die DAH, hier kommen auch drastischere Slogans und Bilder zum Einsatz. Hierzu Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe: „Wir wissen es schon lange und Wissenschaftler bestätigen: Unsere Zielgruppen müssen mit einer expliziten Sprache und sexualisierten Bildern angesprochen werden.“ So treten erstmals in einer Kampagne auch HIV-positive Männer als Vermittler der Präventionsbotschaften auf. Falsche Vorstellungen über Betroffene sollen so korrigiert werden. Dabei bedient sich diese Kampagne einer ganz anderen Sprache als die der BzgA – eben der Zielgruppe angepasst.

 

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