Freitag, 19. September 2014

Für Patienten

18.09.2010
Von: MW
Artikel Nummer: 16374
  • Es können nur eingeloggte Benutzer Kommentare verfassen
  • Empfehlen Sie diesen Artikel per E-Mail weiter
  • Artikel drucken

Hasenpest im Braten versteckt

Gut gemeinte Tierrettungsversuche, flotte Jagdgesellschaften oder auch nur der Genuss eines leckeren Bratens – die Möglichkeiten, sich mit der Hasenpest anzustecken, sind hierzulande vielfältig.


Francisella tularensis, der Erreger der Tularämie, ist in vielen Wirtstieren der nördlichen Hemisphäre heimisch. Dies bezeugen bereits die vielen synonymen Krankheitsbezeichnungen wie Hasenpest, Wasserrattenfänger-Krankheit oder Pferdefliegen-Fieber.

Vom Siebenschläfer in den Finger gebissen

Genauso vielfältig sind die Übertragungsmöglichkeiten, wie Professor Dr. Hermann Feldmeier vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Berliner Charité exemplarisch an drei Fällen zeigt:

  • Ein 59-jähriger Physiker wollte bei einer Wanderung in der Schweiz einen auf dem Weg liegenden Siebenschläfer aufheben und wurde von dem undankbaren Tier in den Finger gebissen. Zwei Tage später erkrankte er mit hohem Fieber, Kopfschmerzen und Myalgie. Später entwickelte sich ein schmerzhaftes Geschwür an der Bissstelle mit kubitaler Lymphknotenschwellung.
  • Ein älteres Ehepaar erkrankte nach einer Berlinreise mit grippeähnlichen Symptomen sowie maxillären und nuchalen Lymphknotenschwellungen. Erst nach Punktion der Lymphknoten kam man auf die Diagnose Tularämie. Als Infektionsquelle wurde ein wohl nicht ganz durchgegarter Hasenbraten in einem Restaurant identifiziert.
  • Nach einer Hasentreibjagd erkrankte gleich die ganze Jagdgesellschaft mit entsprechenden Sym-ptomen. Hier waren die Erreger in infektiösen Aerosolen unterwegs, die beim Reinigen der ausgenommenen Hasen entstanden und den Zuschauern in die Nase strömten.

Francisella tularensis ist ein Erreger mit ungewöhnlichen „Attitüden", der auch heute noch viele Rätsel aufgibt, schreibt der Mikrobiologe. Das Verbreitungsgebiet des Erregers ist streng auf die nördliche Hemisphäre beschränkt (30.–71. Breitengrad). Dabei sind aber nur wenige Gebiete betroffen – in Europa vor allem Teile Schwedens und Russlands. Manchmal kommt es jedes Jahr am gleichen Ort zu Endemien – dann wiederum ist der Erreger hier über Jahrzehnte wie vom Erdboden verschluckt.

Einzigartig sind auch die verschiedenen Infektionswege. Die Übertragung kann durch das Häuten infizierter Tiere und den Genuss von unzureichend erhitztem Fleisch erfolgen, über kontaminiertes Trinkwasser, infektiöse Aerosole oder auch über blutsaugende Schmarotzer wie Zecken und Pferdefliegen. Für eine schwere Infektion beim Menschen reichen bereits zehn Erreger aus.

Zehn Erreger reichen für schwere Infektion

Trotzdem ist die Erkrankung in Deutschland eher selten. Die Inkubationszeit ist sehr variabel (wenige Tage bis Monate). Typisch ist ein relativ abrupter Beginn mit grippe-ähnlichen Symptomen und regionaler Lymphadenopathie. An eine Tularämie sollte man bei solchen Symptomen immer denken, wenn die Anamnese einen Infektionsweg nahelegt. Aus Wundmaterial oder Lymphknotenaspirat kann der Erreger per PCR nachgewiesen werden.

Therapiert wird nach wie vor mit Streptomycin. Eine gute Alternative ist Gentamycin, evtl. kombiniert mit Ciprofloxacin. Stark vergrößerte Lymphknoten sollten punktiert und drainiert werden, damit der Eiter abfließt. Prophylaktisch sollten Hasen- und Wildbraten nur gut durchgebraten genossen werden.

Hermann Feldmeier; FTR 2010; 17: 82–85

 

Artikel kommentieren

 

Um einen Artikel zu kommentieren müssen Sie sich einloggen. Falls Sie noch kein Login haben können Sie hier einen Zugang erstellen.

 
Geben Sie bitte Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich anzumelden.

 

Mehr zum Thema

 

Stichworte