Mittwoch, 01. Oktober 2014

Für Patienten

Lächeln, lachen, flirten. Das erotische Gefühl genießen.

Lächeln, lachen, flirten. Das erotische Gefühl genießen.

04.05.2012
Von: Rainer H. Bubenzer, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 19230
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Sexuelle Aufklärung: Mehr Kompetenz im Liebesspiel

Die Ziele der sexuellen Aufklärung werden bei Jugendlichen offensichtlich häufig nicht erreicht.


Ein inniger Kuss – und schon schwanger? In der Generation unserer Großmütter waren derart irrationale Ängste keine Seltenheit. Und heute? „Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig viele Frauen – auch jüngeren Jahrgangs – über ihren Körper, über Sexualität oder Verhütung wissen“, berichtet die Hamburger Frauenärztin Dr. Anneliese Schwenkhagen aus ihrer gynäkologischen Praxis.


Fehlendes Wissen, mangelnde Aufklärung und für Frauen unbefriedigende Sexualität: in vielerlei Hinsicht ein Dilemma! Aus Sicht der Frauenärztin kann dies nur durch mehr Kompetenz und mehr Aufklärung gelöst werden.

Statt sexuelle Aufklärung – Vorurteile und Ängste

Die in den 60er-Jahren beginnende „sexuelle Revolution“ bedeutete für viele Frauen eine Befreiung der Sexualität aus den Fesseln von Fortpflanzung und ständiger Angst vor einer Schwangerschaft. Viele Faktoren waren an diesem Wandel beteiligt: Emanzipationsbewegung, Sexualwissenschaft, Aufklärung in Medien und Schulen, Einführung der Pille, Liberalisierung der Abtreibungsparagrafen und rechtliche Gleichstellung der Frau.


Aber auch die zunehmende Präsenz sexueller Themen und Bilder in Kino, Zeitschriften oder Fernsehen spielten – und spielen noch immer – eine Rolle. „Doch trotz all dieser Veränderungen läuft im Bereich der Sexualität heute irgendetwas schief“, findet Evelyn Laue, Expertin für Mädchen-Schwangerschaften vom Statistischen Bundesamt in Köln, „fast jedes Jahr nimmt beispielsweise die Zahl der Schwangerschaften bei Mädchen und jungen Frauen unter 18 Jahren zu.“

Über Verhütungsmaßnahmen schlecht aufgekärt

Nur jede dritte Frau nutzt moderne Antibabypillen zur Verhütung – also nur etwa 6 von 18 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter greifen auf diese Methode zurück; diese Zahl stagniert übrigens seit Jahren. Insgesamt verhüten nur rund 10 Millionen Frauen. Obwohl etwa 1,5 Millionen von ihnen mit ihrer Verhütungsmethode nicht zufrieden sind, werden neu eingeführte Verfahren – beispielsweise Vaginalring oder Verhütungspflaster
kaum angenommen.


Erschreckend findet Laue auch, dass die Anzahl der Abtreibungen bei Minderjährigen fast jährlich weiter ansteigt. Über die Ursachen kann die Statistikerin nur spekulieren: Liegt es an Versäumnissen bei der elterlichen oder schulischen Aufklärung oder vielleicht an der früher beginnenden sexuellen Aktivität der jungen Frauen?

Sexuelle Aufklärung: Ziele nicht erreicht

„Wesentliche Ziele der sexuellen Aufklärung seit den 70er-Jahren wurden nicht erreicht“, resümiert der Kaarstener Arzt und Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein und sieht damit sogar sein Lebenswerk gefährdet. Er ist seit 1969 als Sexualaufklärer der deutschen Jugend in der Zeitschrift „Bravo“ unter der Rubrik „Dr. Sommer“ bundesweit bekannt.


Die im Jahr 2007 veröffentlichte sozialwissenschaftliche „Dr.-Sommer-Studie“ kommt zum erschreckenden Schluss: „Deutsche Jugendliche sind heute nicht besser aufgeklärt als Generationen vor ihnen.“ Zwar glaubt kaum noch jemand, dass Selbstbefriedigung das Gehirn zerfrisst oder chronische Krankheiten auslösen könne. Viele denken aber immer noch, Homosexualität sei eine Krankheit – was mit tief sitzenden Vorurteilen zu tun haben mag.


Die grundlegende Unwissenheit von Mädchen und Jungen, von Frauen und Männern in puncto ihres eigenen Körpers und der biologischen Funktionen zeigt jedoch ein systematisches Versagen der Aufklärungsbemühungen in der Bundesrepublik auf. Viele Kids haben sogar erhebliche Wissenslücken bei der „praktischen Empfängnisverhütung“ oder beim Schutz vor Aids. So macht sich fast jeder zweite Jugendliche überhaupt keine Gedanken über HIV.

Sexuelle Selbstverwirklichung nur bei aufgeklärten Frauen?

Doch: „Wenn Sexualaufklärung ihre Ziele erreicht, wenn Wissen und Kompetenz vorhanden sind, gehen viele junge Frauen aufgeklärt, selbstbewusst, eigenverantwortlich und zielgerichtet mit ihrer Sexualität um, zeigen aktuelle Untersuchungen“, stellt die Aachener Sexualwissenschaftlerin Dr. Ulrike Brandenburg fest. Sie stützt sich dabei auf eine Online-Umfrage mit dem Titel „Smart Sex“*.


Untersucht wurde dabei, wie Frauen ihre Sexualität gestalten, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen. Die Ergebnisse der vom Kölner Meinungsforschungsinstitut „psychonomics“ durchgeführten Umfrage bei 7900 Frauen zwischen 15 und 40 Jahren zeigen weiter, so Brandenburg: „70 Prozent der befragten Frauen inszenieren ihre Sexualität innerhalb der Partnerschaft völlig entspannt und übernehmen auch gerne den aktiv gestalterischen Part.


Beispielsweise schafft fast die Hälfte der befragten Frauen einen Rahmen für Zweisamkeit. Sie nehmen sich mit ihren Partnern Zeit und lassen sexuelle Lust entstehen. Auch was die Verhütung anbelangt, möchten Frauen ihre Sexualität selbstbestimmt und entspannt genießen.

Stress durch mangelnde sexuelle Aufklärung

Doch dabei geraten sie immer wieder in Stresssituationen: Fast jede Fünfte der Befragten fühlt sich laut Umfrage beim Thema Verhütung gestresst; 87 Prozent wünschen sich von ihrem Partner, dass er diesbezüglich genauso viel Verantwortung übernimmt. Bei einer Studie handelt es sich aber offenbar um eine nicht repräsentative Stichprobe, an der vor allem jüngere, moderne und eben gut aufgeklärte Frauen teilgenommen haben. Denn: 90 Prozent der Befragten gaben an, problemlos mit ihrem Partner über Sexualität sprechen zu können.

Über sexuelle Bedürfnisse sprechen

Die Kommunikation in der Partnerschaft glückt jedoch nach den Erfahrungen vieler Experten nicht immer so gut. So berichtet die Hamburger Psychologin und Glücksforscherin Prof. Dr. Eva Wlodarek: „Eines der größten Probleme im Zusammenhang mit Sexualität ist die Unfähigkeit vieler Frauen, mit dem Freund, dem Partner oder dem Ehemann über Sex und die sexuellen Bedürfnisse zu sprechen.“


Insgesamt, so Wlodarek, messen Frauen der Sexualität und der persönlichen Verwirklichung – auch der sexuellen – eine hohe Bedeutung bei. Doch bis dies eine Lebensoption für alle Frauen ist, wird noch – anders als in der Ära der „sexuellen Revolution“ erwartet – viel Zeit vergehen. u


* unterstützt vom Pharmaunternehmen Organon, www.femaleaffairs.de

 

Sexualaufklärung - ohne Scheu und Tabu

 

  • Die Geschlechtsreife setzt oft viel früher ein als angenommen:Ein fester Zeitpunkt zur Aufklärung, beispielsweise – wie früher empfohlen – um das 14. Lebensjahr herum, erscheint nicht ratsam. Das Aufklärungsalter muss vielmehr individuell gewählt werden.

 

  • Eltern sollten sich vorab selbst über alle wichtigen Sachverhalte informieren – z.B. über hormonelle Verhütungsmittel.

 

  • Wichtige Frage: Sind die Inhalte der Sexualaufklärung beim Jugendlichen „angekommen“? Wurde beispielsweise verstanden, dass Kondome auch vor Geschlechtskrankheiten schützen?

 

  • Jedes Aufklärungsgespräch sollte ein klar definiertes Thema haben: etwa Verhütung, körperliche Beschwerden oder Geschlechtskrankheiten und deren umgehende Behandlung.

 

  • Es kann sinnvoll sein, dass ein Mädchen beim ersten Frauenarztbesuch unaufgefordert Fachinformationen vom Arzt erhält, beispielsweise über Verhütungsmethoden und die regelmäßigen medizinischen Untersuchungen bei Einnahme der Antibabypille.

 

Quelle: Rose Riecke-Niklewski, Günter Niklewski: Eltern-Handbuch. Stiftung Warentest, Berlin, 2000.

 

 

 

 

Vermeidbare Lustkiller beim Sex

 

  • keine oder zu wenig gemeinsame Zeit
  • ungeklärte, ungeregelte Verhütung
  • unausgesprochene Wünsche und Phantasien
  • kein Mut, etwas Neues zu wagen
  • zu viel Stress
  • wenig Selbstbestimmung, wenig Eigenverantwortlichkeit, zu viel Passivität


Quelle: „Smart Sex“-Umfrage, 2007

 

 5 Tipps für Eltern, die ihre Kindern ernst nehmen wollen
 

  1. Sie  sollten sich selbst fragen, wie Sie in Ihrer Kindhei toder Jugend am liebsten aufgeklärt worden wären. Dashilft bei der Sexualaufklärung der eigenen Kinder.
  2. Verlassen Sie sich nicht auf den Sexualkunde-Unterricht in der Schule!
  3. Aufklärung lässt sich nicht im Rahmen eines einzigen Gespräches realisieren.
  4. Kompetente Aufklärung ist auch eine Hilfe beim Erwachsenwerden und wichtig für die Entwicklung des Selbstbewusstseins Ihrer Kinder.
  5. Vorsicht: Um Peinlichkeiten zu vermeiden, behaupten Kinder gerne, dass sie die angesprochenen Sachverhalte bereits kennen.

 
Quelle: Rose Riecke-Niklewski, Günter Niklewski: Eltern-Handbuch. Stiftung Warentest, Berlin, 2000

 

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