Dienstag, 29. Juli 2014

Fürs Praxisteam

Besser informiert per E-Mail und valider Datenanalyse

Med 3.0, der Erfahrungsbericht eines Hausarztes.

15.03.2012
Von: Michael Reischmann, Foto: Dr. Wettig
Artikel Nummer: 19053
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Besser informiert per E-Mail und valider Datenanalyse

Wer seit Jahrzehnten als Hausarzt tätig ist, kann ein Buch darüber schreiben. Das hat auch der Wiesbadener Kollege Dr. Dieter Wettig gemacht. Sein Werk „Med 3.0“ ist ungewöhnlich.


Dr. Wettig ist seit 1989 in eigener Praxis tätig. Eine Besonderheit ist: Der Kollege arbeitet alleine, ohne Helferinnen. Dennoch verspricht er auf seiner Praxis-Homepage: „Nach vorheriger Terminvereinbarung, möglichst per E-Mail, beträgt die Wartezeit meistens weniger als fünf Minuten.“


Wie intensiv er das Instrument E-Mail nutzt, um sich mit Patienten z.B. über Blutdruck-, Blutzucker-, Blutgerinnungswerte auszutauschen oder Bewegungstrainings und Gewichtsreduktionsversuche zu begleiten, macht der Arzt in seinem Buch mit Beispielen anschaulich.

E-mail statt Sprechstunde?

Offenbar gelingt es ihm, Patienten oder ihre Angehörigen zu einem strukturierten E-Mail-Verkehr zu erziehen. Vorteil für beide Seiten: Telefon- oder direkte Gespräche sind zeitaufwendiger und lassen sich nicht so einfach dokumentieren wie der elektronische Informationsaustausch.

Heilen mit dem Placebo-Effekt

Zur Homöopathie ist Dr. Dieter Wettig mittlerweile kritisch eingestellt. Gleichwohl begrüßt er den Placebo-Effekt. Damit die notwendige Aufklärung dem Patienten nicht die Illusion raubt, lautet sein kollegialer Formulierungs-Tipp: „Wenn eine medikamentöse Behandlung wirklich unumgänglich ist, sollten Sie in geeigneten Fällen zunächst ein pflanzliches oder homöopathisches Komplex-Mittel versuchen oder physiologische Kochsalzlösung spritzen und dem Patienten sagen, dass es ein sehr gutes Mittel ist, das schon sehr vielen Patienten sehr gut geholfen habe und dass das Mittel keinerlei Nebenwirkungen habe, wenn man mal von einem möglichen Bluterguss bei einer Injektion absieht.“


Auf diesem fußen auch etliche anonymisierte Fälle, die der Kollege in seinem Buch schildert. Diese sind zum Teil erschreckend. Beispielsweise die Geschichte von Frau K., die im Pflegeheim vor sich hindämmerte. Das Krankenhaus hatte ihr im Entlassungsbrief 14 Medikamente, aufgeteilt in 30 Einzeldosen für morgens, mittags und abends, empfohlen.

Zu oft werden zu viele Medikamente verordnet!

Dabei wären 13 negative Wechselwirkungen zu beachten gewesen – „jede einzelne davon war potenziell gefährlich“, schreibt Dr. Wettig. Frau K. hatte Glück. In einer anderen Klinik wurde dieser Arzneimittelmix auf das Unverzichtbare reduziert. Nach drei Tagen konnte die Patientin wieder aufstehen und nach einer Woche aus eigener Kaft und mit Appetit in den Speisesaal des Pflegeheims gehen.


Falsche Diagnosen, fehlende Aufklärung, schlechte Behandlungen, miserabler Informationsaustausch, unwillige Patienten, Verschwendung solidarisch einkassierter Gelder – Dr. Wettigs Buch ist ein provokanter Erfahrungsbericht voller Belege aufgrund eigener Erfahrung, kollegialer Gespräche, des Schriftwechsels mit Beteiligten sowie der Fachliteratur.

Unbedingt Beipackzettel lesen und beherzigen!

„Nach meiner Erfahrung ist jeder zweite Krankenhausentlassungsbrief fehlerhaft“, schreibt er. Auch bei einem Viertel der Diagnosen in den Hausarztpraxen hat er solche Zweifel. Patienten sollten unbedingt die Beipackzettel ihrer Medikamente studieren, schärft der Hausarzt ein.


Sein Service in der Praxis: die Nutzung einer Arzneimitteldatenbank zur individuellen Analyse von Verordnungen und Selbstmedikation. Das können Patienten im Internet auch direkt tun: www. apotheken-umschau. de/Arzneimittel-Check Anhand der Arzneimittelrichtgrößen und der permanenten Regressbedrohung erklärt Dr. Wettig auch, warum Kassenpatienten nicht stets die Therapie erwarten dürfen, die für sie am besten wäre.

Psychotherapeuten ohne aussagekräftige Berichte

Bei „Patienten mit normalen Lebensproblemen und leichten Störungen“ werde dagegen „viel zu viel Medizin und Psychotherapie betrieben“, meint er. Sein Rat zur Behandlung von Angst – aber auch grundsätzlich – lautet sportliche Aktivität, sprich: Ausdauertraining.


Als Hausarzt stört ihn, dass von 182 Bitten an Psychotherapeuten, ihm einen Behandlungsbericht zuzusenden, 148 ohne Antwort blieben. In 18 Fällen waren es „nutzlose Aufzählungen kurzer Diagnosen In den Jahren 1989 bis 2009 gaben nur 16 Berichte „etwas her“.

Alle Unterlagen über medizinische Maßnahmen kopieren!

Mehrfach erinnert der Hausarzt seine Leser daran, sich nach Behandlungen und Klinikaufenthalten „immer Kopien aller Unterlagen“ geben zu lassen. Diese sollten sie unbedingt in einer Akte sammeln und bei Bedarf vorlegen. Das helfe wesentlich bei weiteren oder späteren Behandlungen sowie beim Ausfüllen von Anträgen für Leistungen.


Dr. Wettig macht sich deshalb auch für die elektronische Gesundheitskarte stark – sofern es mit ihr künftig gelingt, die heute im Medizinbetrieb verstreuten Patientendaten für akute Behandlungen besser nutzbar zu machen.


Quelle: Dr. Dieter Wettig: MED 3.0 Handbuch für Kranke und Noch-Gesunde, ReDiRoma-Verlag, 296 Seiten, 14,95 Euro, als pdf für eBooks: 3,99 Euro




 

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