Dienstag, 29. Juli 2014

Infotainment

22.05.2012
Von: Dr. Frauke Höllering
Artikel Nummer: 19397
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Unsere Menschlichkeit erstickt in Formularen

Warum Dr. Frauke Höllering vor lauter Bürokratie sogar den Blickkontakt zu ihrem Patienten vergisst.


Irgendwie war mir mulmig beim Blick auf den Kalender, und ich wusste zuerst gar nicht, warum. Mein nächster Patient war ein liebenswerter Diabetiker in den Fünfzigern. Sein einziges (mir bekanntes) Laster: Trotz einer COPD konnte er die Finger nicht von den Zigaretten lassen.


Hatte ich keine Lust, ihn zu sehen, weil ich meine eigene „Jetzt-müssen-Sie-aber-wirklich-mit- dem-Rauchen-aufhören-Litanei“ fürchtete? Nein, das war es nicht, wenngleich ich auch den Punkt „Nikotin“ auf dem DMP-Bogen am liebsten umschifft hätte – denn ich ging mir wegen des notwendigen Genörgels selbst auf den Wecker. Der Grund für mein schlechtes Gefühl war der Termin: 6 Formulare galt es auszufüllen!


„Moin!“, begrüßte ich meinen Patienten. „Heute haben wir eine ganze Menge vor. Ich hoffe, Ihre Frau wartet diesmal nicht im Auto auf Sie?“ Er lächelte: „Nein, dafür ist es wirklich zu ungemütlich draußen“. Na, so ein Glück, dachte ich, außerdem wäre sie wahrscheinlich verhungert, bis wir fertig sind.

DMP Diabetes, DMP COPD, Gesundheitscheck, Hautkrebsscreening ...

In der „guten alten Zeit“ hätte ich nun den Schreibtisch mit den nötigen Formularen komplett abgedeckt. Dem PC sei Dank brauchte ich dem Chaos aus Zetteln, Stiften, Akten und Büroklammern nicht noch mehr hinzufügen, sondern nur eine neue Seite der elektronischen Akte aufzuschlagen.


„Heute sind die DMP für Diabetes und COPD dran“, erinnerte ich mit betonter Munterkeit, um mir auch selbst Mut zu machen. „Dazu kommen diesmal Gesundheitscheck und Hautkrebsscreening. Natürlich machen wir die Krebsvorsorge wieder mit, wenn Sie einverstanden sind, und heute müssen wir uns auch mal über die Möglichkeit einer Vorsorge-Darmspiegelung unterhalten."



Ich hätte mich nicht gewundert, wenn mein Patient nun einen Kitkat-Riegel ausgepackt hätte. Aber schließlich tut man das als braver Diabetiker nicht, auch dann nicht, wenn es mal wieder länger dauert. So wühlte ich mich mit ihm durch die Anamnese, sprang vom Checkbogen über den für die Krebsvorsorge zu den DMP-Bögen. Hoffend, dass der Blutdruck noch in einem annehmbaren Bereich lag (bisher hatte ich den armen Mann ja nur verbal strapaziert), nahm ich Maß und trug das Ergebnis in alle Bögen ein.

Aufbäumen gegen Sankt Bürokratius tut mir richtig gut

Jetzt kam ich in Fahrt: Schnell in den Mund schauen und sorgfältig Gesicht, Ohren und Kopfhaut inspizieren, den Patienten bitten, sich oben herum freizumachen, währenddessen zurück zum PC sprinten und schon mal einen unauffälligen Befund fürs Hautkrebsscreening eintragen (den ich bei Bedarf wieder rückgängig machen würde), wieder hin zum Patienten, abhorchen und Oberkörper inspizieren, zurück zum PC, letzte Anamnesefakten nachtragen, während er sich oben an- und unten ausziehen sollte, Krebsvorsorgefragen stellen und eintragen.


Zurück zum Patienten: Inspektion von hinten im Stehen, rauf auf die Liege, Abdomen palpieren, Rest betrachten, Pulse, Neurologie, rektale Untersuchung, alles ging wie am Schnürchen. Während der gute Mann sich wieder anzog, komplettierte ich den Krebsvorsorgebogen und holte mir das Ergebnis des Lungenfunktionstests auf den Schirm. Zügig wühlte ich mich durch die entsprechenden DMP-Fragen.


Aber dann: Wo waren noch die Aufklärungsbögen zur Darmkrebsvorsorge gespeichert? Mein genialer Zeitplan geriet ins Schleudern. Während ich im Computer suchte, begann ich meinen Vortrag über den Sinn der Vorsorgekoloskopie.


Glücklicherweise schaute ich zwischendurch hoch und fing den irritierten Gesichtsausdruck meines Gegenübers auf: „Sie wollen mir einen Schlauch in den Darm schieben lassen und schauen mich nicht einmal an, während Sie das vorschlagen?“, sagte der Blick. Ich schämte mich zutiefst und nahm die Finger von der Tastatur. Ich schaute ihm fest in die Augen und berichtete ihm von den guten Erfahrungen, die ich mit dieser Untersuchung gemacht hatte. Wie viele Patienten buchstäblich gerettet wurden, weil ein fieser kleiner Polyp noch vor der Entartung oder erst kurz danach entfernt wurde.

Eine interessante Krankheit? Nein, noch ein Formular

Zehn Minuten später verließ er die Praxis ohne das vorgeschriebene Merkblatt, aber mit einer Überweisung zum Gastroenterologen. Dieser kleine zivile Ungehorsam, dieses letzte Aufbäumen gegen Sankt Bürokratius tat mir gut. Sogar die Recalls hatte ich selbst eingegeben, weil  ich gerade so in Schwung war.


Beflügelt empfing ich den nächsten Patienten. Welche medizinischen Herausforderungen, welche  spannenden Themen würde er mitbringen? „Ich wollte Sie bitten, dieses Formular für mich auszufüllen!“, sagte er.

 

Kommentare

Thomas Helber - 17.06.2012, 23:39

Sehr geehrte Frau Kollegin,
mit Vergnügen lese ich gerne ihre Artikel in der MT. Dieser Artikel "Ich ersticke meine Menschlichkeit in Formularen" hat mich etwas zusammen zucken lassen.
1) Kenne ich genau diese Problematik - Eintrag in den PC und Abwenden vom Patienten - recht gut und habe mir angewöhnt, bei wichtigen Gesprächsinhalten den PC als das zu betrachten, was er ist: ein Schreibgerät. Also ein totes Ding. Das ich zur Dokumentation und zum Nachschlagen benötige. Meine Patienten habe dafür Verständnis, dass ich in den Rechner schaue mit den Worten "Das habe ich nun doch nicht im Kopf, das muss ich im Computer nachsehen". Die eigentliche Dokumentation mache ich aber entweder nach der Konsultation oder ich habe eine Mitarbeiterin mit im Zimmer, die mir während des Patientengesprächs die Dokumentation ab nimmt.
2) Bin ich doch sehr erstaunt, dass Sie das (oder die) DMP-Formular(e) und die anderen Formulare selbst ausfüllen. Auch wenn ich - wie Sie hier ersehen - selbst recht gut und flüssig im 10-Finger-System schreiben kann: Meine Sprechzeit ist mir viel zu kostbar, um sie mit dem Ausfüllen von Formularen zu "verplempern". Das machen meine - zugegebener Maßen sehr erfahrenen - Mitarbeiterinnen !! Auch das DMP Diabetes, KHK, COPD wird von ihnen vollständig vorbereitet, lediglich die (gesamten aktuell eingenommenen) Medikamente kontrolliere ich stets selbst. Ansonsten vertraue ich auf meine Helferinnen, die mir jeden fraglichen Befund zeigen. Es ist doch viel einfacher, das Tasten der Fußpulse den Mitarbeiterinnen ein paar Mal zu zeigen, bis sie das beherrschen, ebenso den Sensibilitätstest. Dann bekomme ich nur noch die fraglichen Befunde zu sehen, das genügt doch wirklich !!

Meine Mitarbeiterinnen sind zuverlässig, da von mir gut geschult und für jede Frage von ihnen habe ich ein offenes Ohr - und freue mich ausdrücklich über Fehler meinerseits, die sie aufdecken. Zum Wohle unserer Patienten und der Praxis.

Liebe Frau Höllering - lassen Sie "diesen Schreibkram" kostengünstiger von Ihren Mitarbeiterinnen ab arbeiten, und konzentrieren Sie sich auf das, was Ihren medizinisch-ärztlichen Sachverstand wirklich benötigt !!

Meine Vorgehensweise zum G-Check: Patient hat einen Termin, helferin nimmt Blut ab, 2-4 Tage später ist der Untersuchungstermin. Bei mir stets mit EKG (der Einfachheit halber). Der Patient wird von der Helferin gewogen, Größe gemessen, ("wir wollen das heute einmal ganz genau machen") am EKG von der Helferin "abgelegt" (wir haben ein Sauganlage) und bleibt dort liegen, bis ich dazu komme. War das von der Mitarbeiterin angefertigte EKG gelegentlich "verwackelt", so lag der Patient jetzt ein paar Minuten ganz ruhig und ich kann ein zweites EKG ableiten. Der Patient / die Patientin ist bereits bis auf die Unterhose ausgezogen und ich kann von Kopf bis Fuß in einem Husch "durch untersuchen". Das benötigt wirklich nur 2-3 Minuten inkl. abschließender Inspektion der Unterschenkel im Stehen (Varikosis) & Palpation der Schilddrüse im Stehen. Beim Manne ab 45 kommt noch die Krebsvorsoge als krönender Abschluß, der Patient legt sich wieder auf die Liege, auf die linke Seite, Popo mir zugewandt mit Knien in Hockestellung angezogen. Unterhose hoch, auf den RÜcken drehen mit den Worten "so, und jetzt der Vollständigkeit halber noch von vorne". Nach maximal 5 Minuten ist der ("unauffällige") Patient komplett untersucht, es sei denn, ich finde einen auffälligen Befund, auf den ich dann separat eingehen muss. Zumindest bei diesen Vorsorge-Untersuchungen ist eine MFA am Schreibtisch und schreibt alles mit, was ich während der Untersuchung "ansage". Während der Patient sich nun anzieht, sehe ich das Impfbuch durch, das er (hoffentlich !!) mitgebracht hat, schaue die Laborbefunde und ggf. die aktuelle Medikamentenliste durch.

Natürlich dauert das bei einem "im wesentlichen gesunden und mittelalterlichen Patienten" keine 20 Minuten, bei meinen Omas und Opas manchmal doppelt so lange. Insbesondere der längeren Medikamentenliste wegen. Wenn das Anziehen einmal länger dauert, so nutze ich diese Zeit um Rezepte zu unterschreiben Briefe zu lesen oder zur Untersuchung und Behandlung von Akutpatienten. Ein zweites Sprechzimmer ist dafür schon wichtig, in das ich dann ausweichen kann. Ab und an gibt es dann für mich auch einmal einen Schluck Tee oder Kaffee oder gar einen Bissen mitgebrachten Kuchen (von meiner "Fangemeinde").

Alles Gute und weiterhin viel Freude im Beruf wünsche ich Ihnen !!

 
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