Donnerstag, 30. Juli 2015

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04.11.2008
Von: fg
Artikel Nummer: 13143
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Migräne und Gefäßerkrankungen: überraschende Daten erhoben

Eine Reihe von Studien hat in der Vergangenheit einen Zusammenhang zwischen Migräne und dem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, vor allem für Schlaganfälle, nahegelegt. Allerdings sind die Befunde teilweise widersprüchlich. Eine sehr sorgfältig durchgeführte prospektive italienisch-österreichische Untersuchung scheint das nun gänzlich zu widerlegen.


In dem Städtchen Bruneck im Südtiroler Pustertal wurde ab 1990 eine Kohorte von insgesamt 919 Bewohnern alle fünf Jahre hinsichtlich kardiovaskulärer und neurologischer Erkrankungen untersucht, unter anderem mit hochauflösenden Ultraschall-Scans von Karotis- und Femoralarterien. An der Untersuchung im Jahr 2005 nahmen noch 574 Bewohner teil, die zu diesem Zeitpunkt zwischen 55 und 94 Jahren alt waren – das sind immerhin 86 % der 666 noch lebenden Probanden. Insgesamt 111 von ihnen wiesen die Diagnose einer Migräne nach den ICHD-2-Kriterien auf; das entspricht einer Lebenszeit-Prävalenz von 19,3 %.

Kohorte mit modernster Technik untersucht

Dass die Diagnose mit großer Zuverlässigkeit gestellt wurde, lässt sich an der sehr hohen Übereinstimmung zwischen den Daten von 1990 und denen von 2005 erkennen: Der Korrelationskoeffizient lag bei 0,93. Eine große Anzahl bekannter und gut untersuchter kardiovaskulärer Risikofaktoren zeigte in dieser Studie keinen Zusammenhang mit dem Vorliegen einer Migräne. Insbesondere ergab sich keinerlei Korrelation zwischen dem Vorliegen einer Migräne einerseits und Häufigkeit, Schweregrad und der 5-Jahres-Progression einer Atherosklerose in den Aa. carotis oder femoralis andererseits, wie sie 2000 und 2005 mit moderner, hochauflösender Ultraschalltechnik bestimmt worden war. Tatsächlich war bei den Migräne-Patienten die Atherosklerose sogar weniger ausgeprägt und die Intima-Media-Dicke war signifikant geringer (p = 0,029).

Ein überraschender und bisher einzigartiger Befund ergab sich hingegen bei der Analyse der Daten zu venösen thromboembolischen Erkrankungen: Das Risiko dafür war bei den Migräne-Patienten signifikant höher als bei den übrigen (18,9  vs. 7,6 %, p = 0,031). Die Erfassung von Venenthrombosen und Lungenembolien dürfte aufgrund der lokalen Gegebenheiten ziemlich vollständig sein, so die Autoren: Das Krankenhaus von Bruneck, an dem die Studie durchgeführt wurde, ist zugleich die einzige Institution im weiten Umkreis, in der Venographien, Computertomographien und Ultraschall peripherer Venen durchgeführt werden.

Triggert Migräne die Gerinnungskaskade?

Um diesen Zusammenhang zwischen venösen Gerinnungsstörungen und Migräne zu erklären, bieten die Autoren vier Möglichkeiten an:

  • Patienten mit Migräne, insbesondere solche mit Aura, könnten häufiger an einer genetisch bedingten Prädisposition für solche Gerinnungsstörungen leiden. So gibt es Hinweise darauf, dass bei Patienten mit Migräne häufiger die Faktor-V-Leiden-Mutation vorkommt. 
  •  In allerdings nur seltenen Fällen haben Migräne und venöse Thromboembolien eine gemeinsame Ursache wie zum Beispiel ein Anti-Phospholipid-Antikörper-Syndrom.


Welche Rolle spielt der Lebensstil?

Migräne-Patienten könnten häufiger Verhaltensweisen und einen Lebensstil aufweisen, der auch zur Manifestation einer thromboembolischen Erkrankung prädisponiert. Allerdings fanden die Autoren in ihrer Brunecker Kohorte keine signifikanten Unterschiede zwischen Migräne- und Nicht-Migräne-Patienten, was körperliche Aktivität, Körpergewicht, Rauchen und die Einnahme von Hormonersatztherapien anging.
Die am nächsten liegende Erklärung findet sich in Arbeiten, die gezeigt haben, dass Migräne-Attacken eine Hyperreagibilität von Thrombozyten triggern und die Gerinnungskaskade aktivieren können, vermutlich durch Endothel-abhängige Mechanismen und die Induktion einer systemischen Stressreaktion. Diese Effekte sind besonders ausgeprägt während der Anfallsphase, aber auch noch Tage danach feststellbar. Dazu passt auch, dass venöse Thromboembolien sich überwiegend während der Zeit der aktiven Migräne manifestieren und dass es eine grobe Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Dauer der Migräne-Erkrankung und dem Thromboembolie-Risiko gibt.

Dies ist die erste Arbeit, die einen Zusammenhang zwischen Migräne (egal, ob mit oder ohne Aura) und dem Risiko für venöse thromboembolische Ereignisse wahrscheinlich macht. Trotz der außerordentlich qualitätsvollen Erhebung der Daten in dieser Studie ist selbstverständlich eine Bestätigung in zusätzlichen, unabhängigen Kollektiven erforderlich, schreiben die Autoren.

 

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