Mittwoch, 05. August 2015

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Mehr Transparenz zur Verwendung von Spendengeldern fordert CharityWatch.

Mehr Transparenz zur Verwendung von Spendengeldern fordert CharityWatch.

20.01.2012
Von: Michael Reischmann, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 18741
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Spendengelder: Milliardenmarkt mit zu wenig Transparenz

Abzocke bei Spendengeldern, diesem Thema widmet der Rosenheimer Journalist Stefan Loipfinger seit Jahren seine volle Aufmerksamkeit. Mit dem Herausgeber der Internetseite CharityWatch.de sprach MT-Redakteur Michael Reischmann.





Stefan Loipfinger,
Foto: Dr. Susanna Berndt

Medical Tribune: Tierschutz und kranke Kinder sind bevorzugte Themen, mit denen dubiose Vereine und Stiftungen – mit Bettelbriefen oder in Fußgängerzonen – Geld sammeln, über dessen Verwendung sie aber keine Rechenschaft geben wollen. Ist der Mitleids­effekt am ergiebigsten?

 

Loipfinger: Einem krebskranken Kind möchte jeder helfen und der Hund ist des Deutschen liebstes Haustier. Damit lassen sich die stärks­ten Emotionen erzeugen. Folglich ist hier die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass man von Leuten Geld bekommt.


Medical Tribune: Wie lauten Ihre wichtigsten Tipps für effektives Spenden?

Loipfinger: Auf keinen Fall einem Verein Geld geben, den man nicht kennt und der nicht offenlegt, was er mit der Spende tut! Also vorher stets die Frage stellen: Was habt Ihr mit dem eingenommenen Geld im vergangenen Jahr konkret gemacht?

Ein seriöser Verein wird einen Jahresbericht mit Angaben zu Einnahmen und Ausgaben zur Verfügung stellen. Allerdings tun sich damit manchmal auch große, bekannte Organisationen schwer.

Leider denken viele Menschen, die einen Verein ehrenamtlich oder mit einer Spende unterstützen: „Der tut etwas Gutes, das muss ich nicht hinterfragen.“ Darum spreche ich auch vom „Imagekürzel e.V.“. „Verein“ wird oft mit „gemeinnützig“ gleichgesetzt, selbst wenn dieser steuerliche Status fehlt. Zudem bedeutet „gemeinnützig“ nur, dass das Finanzamt nach einer Anlaufphase von einigen Jahren formal prüft, ob ein Verein mindestens 50 % seiner Ausgaben satzungsgemäß verwendet. Wenn zu diesen Aufgaben auch die „Aufklärung“ gehört, können sogar hohe Ausgaben für Bettelbriefe, in denen beispielsweise das Schicksal krebskranker Kinder geschildert wird, den Anschein der Gemeinnützigkeit belegen – selbst wenn dem eigentlichen Zweck letztlich nur Alibibeträge zufließen.

 

Beliebt ist hierbei auch die Schönung der Verwaltungskostenquote, indem ein Geldkreislauf durch mehrere personell miteinander verbundene Vereine stattfindet. Zur Klarstellung: Ich will mit meinen Hinweisen niemanden vom Spenden abhalten, sondern ich möchte, dass die Menschen die seriösen Organisationen unterstützen.

 

Medical Tribune: Auf welche Informationsquellen kann man sich für die Wahl einer geeigneten Organisation stützen?

 

Loipfinger: Das halbstaatliche Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) vergibt aufgrund eines Kriterienkatalogs ein Spendensiegel. Darunter gibt es zwar immer noch Einser-, Zweier- und Dreier-Schüler, aber zumindest keine Fünfer- und Sechser-Absolventen. CharityWatch ist dazu eine Ergänzung. Ich arbeite journalistisch, schreibe über meine Recherchen. Anlass sind oft Leserhinweise, insbesondere wenn Insider oder ehemalige Vereinsmitglieder eine „Sauerei“ publik machen wollen.

 

In Deutschland ist kein Verein verpflichtet, seine Zahlen offenzulegen. In der Initiative „transparente Zivilgesellschaft“ haben allerdings Dachorganisationen Mindestkriterien definiert, die jeder seriöse Verein erfüllen sollte. Auch ein Arzt oder ein Prominenter, der seinen guten Namen für die Aktivitäten eines Vereins zur Verfügung stellt, sollte vorher genau prüfen, ob der Verein wirklich seinem „guten Zweck“ nachkommt. Ansonsten könnte es passieren, dass der eigene Ruf unter dem Engagement leidet.

 

Medical Tribune: Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit? Auch durch Spenden?

 

Loipfinger: Nein. Ich lebe als Journalist von Honoraren für Veröffentlichungen, CharityWatch hat ein paar Abonnenten. Und ansonsten lebe ich von der Substanz. Eigene Unternehmungen wie einen Branchendienst zum grauen Kapitalmarkt und eine jährlich von mir erstellte Branchenstudie konnte ich vor der Finanzkrise verkaufen.

Das Buch "Die Spendenmafia" von Stefan Loipfinger ist erschienen im Knaur-Verlag und im Buchhandel für € 8.99 erhältlich.

 


Medical Tribune: Können Sie unseriösen Spendensammlern das Handwerk legen?

 

Loipfinger: Wir haben staatsanwaltschaftliche Ermittlungen unterstützt. Ich habe auch schon Anzeige erstattet. Doch es ist schwierig, einen Betrug nachzuweisen, und die Staatsanwälte sind überlastet. Allerdings zeigen mir die vielen Schreiben von Rechtsanwälten, die Unterlassungserklärungen erwirken sollen, sowie die Drohungen und Verleumdungen, die ich für meine Arbeit erfahre, dass diese etwas bewirkt. Ich kann es nicht beziffern. Aber wenn es gelänge, nur 5 oder 10 % der Gelder, die die Organisationen auf unserer Warnliste kassieren – und das sind insgesamt über 100 Millionen Euro jährlich –, zu seriösen Organisa­tionen umzulenken, wäre das ein größerer Effekt, als ich ihn mit eigenen Spenden jemals erzielen könnte.

 

Medical Tribune: Ihr Buch liest sich auch als Kritik an Politikern, die es unterlassen, das Treiben von zweifelhaften Sammlern behördlich zu kontrollieren und zu untersagen. Was sind die Gründe für diese „unbürokratische“ Haltung?

 

Loipfinger: Darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht spielt eine Rolle, dass viele Politiker – beispielsweise jeder dritte Bundestagsabgeordnete – auch ein Mandat in einem Verein haben, und sei es nur, um sich für die Wähler ein Gutmenschenmäntelchen umzuhängen. Vielleicht liegt es auch an der massiven Lobbyarbeit angeblich wohltätiger Organisationen, die große Arbeitgeber sind.

 

Medical Tribune: Selbst das Informationsfreiheitsgesetz öffnet nicht automatisch Türen, wie Sie im Fall des Entwicklungshilfeministeriums schildern.

 

Loipfinger: Diese Geschichte hat sich jahrelang hingezogen. Obwohl das Ministerium gemeinnützigen Organisationen viel Geld gibt und auch dessen Verwendung prüft, wollte es seine Prüfberichte mit fadenscheinigen Begründungen nicht herausgeben. Mittlerweile habe ich Unterlagen vom BMZ bekommen. Aber bei den Prüfberichten des Bundesrechnungshofs zur Mittelverwendung des BMZ müssen wir vors Bundesverwaltungsgericht ziehen, weil gegen eine Entscheidung der zweiten Instanz zu unseren Gunsten Revision eingelegt wurde. Dabei hat Deutschland 2010 bei einer internationalen Konferenz von 152 Rechnungshöfen einer Richtlinie zugestimmt, wonach Prüfberichte öffentlich gemacht werden sollen. Aber wenn man dann danach fragt, wird nichts herausgegeben.

 

Medical Tribune: Konnten Sie politisch etwas bewirken, etwa mit Ihrer Petition? (In der Petition ging es um die Einführung einer gesetzlichen Pflicht für Vereine und Stiftungen, ab 30 000 Euro Jahresumsatz die Zusammensetzung von Einnahmen und Ausgaben zu veröffentlichen)

 

Loipfinger: Die Aktion Spendenpetition.de hat leider nicht genügend Resonanz gefunden. Doch auf das Buch hin haben sich einige Politiker der Landes- und der Bundesebene gemeldet. Bei ihnen spürt man dieselbe Unbedarftheit in dem Thema wie bei Spendern. Doch ich bin optimistisch, dass sich politisch etwas erreichen lässt, auch wenn dies ein langer Prozess ist. Als ich mich Anfang der 1990er-Jahre mit dem grauen Kapitalmarkt beschäftigt habe, war es dort genauso wie heute bei den Spenden: Wildwest. Jetzt ist die gesetzliche Situation eine andere, sie macht den Abzockern das Geschäft zumindest schwerer.

 

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