Donnerstag, 02. Oktober 2014

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15.04.2002
Von: VS
Artikel Nummer: 3541
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Kennen Sie die Stolperfallen?

Jeder Arzt kann einmal in die Situation kommen, erste Hilfe bei einem schweren Verkehrsunfall leisten zu müssen. Insbesondere in ländlichen Regionen werden die ortsansässigen Hausärzte oft zuerst alarmiert. Was ist zu beachten, wenn Sie allein einen Mehrfachverletzten versorgen müssen?


Sie treffen als Erster am Unfallort ein und sehen ein Autowrack mit einer leblosen Person. Wie leisten Sie jetzt am besten erste Hilfe? Ganz wichtig bei der Versorgung lebensgefährlich verletzter Patienten: Ruhe bewahren und Hilfe holen, betonte Dr. Almut Tempka, Unfallchirurgin an der Berliner Charitxe9, auf dem 108. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

 

 

Gleichzeitig müssen Sie sich natürlich um den Verletzten kümmern. Sprechen Sie ihn an und fragen Sie nach möglichen Mitinsassen. Außerdem sollten Sie auch selbst das Innere des Wracks in Augenschein nehmen und nachsehen, ob sich z.B. auf der Rückbank oder im Fußbereich eingeklemmte Kleinkinder befinden. Wenn Sie keine Helfer haben, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den Patienten so schnell wie möglich aus dem Wrack zu ziehen. Denn zum einen könnte das Fahrzeug ja jeden Moment explodieren und zum anderen ist eine Reanimation in der Fahrzeugkabine im Alleingang sowieso nicht möglich. Aber bei der Bergung bitte daran denken: Tangential in Achsrichtung ziehen und den Patienten nicht verdrehen, betonte Dr. Tempka. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen unfallbedingten möglichen Wirbelsäulenschaden noch verschlimmern, minimal.

 

 

Anders sieht es aus, wenn ein erfahrenes Notarzt-Team und die Feuerwehr früh am Unfallort sind. Dr. Tempka hat durchaus schon auf der Rückbank kauernd Patienten im Wrack reanimiert, nachdem die Kopfstützen abgesägt worden sind. Die klassische internistische Herzdruckmassage funktioniert allerdings unter diesen Bedingungen nicht. Das Programm lautet vielmehr: Zugang legen zum Flüssigkeitsersatz, intubieren, Sauerstoff geben. Dann reicht oft ein beherzter Schlag vor die Brust, um die Pumpe wieder anzuschmeißen.

 

 

Angenommen, Sie sind nicht allein und es ist auch keine unmittelbare Gefahr im Verzug - dann sollte der sogenannte erste diagnostische Block noch im Fahrzeug stattfinden. Dazu gehört neben der Überprüfung der Vitalfunktionen und einer Kurzanamnese auch die Stabilisierung der Halswirbelsäule, d.h. am Kopf in gerader Richtung ziehen und in dieser Position eine Halskrawatte anlegen. Eine Überstreckung des Kopfs ist nur erforderlich, wenn intubiert werden muss. Manche Ärzte haben bei Wirbelsäulenverletzten Angst, den Kopf nach hinten zu biegen. Dafür gibt es aber keinen Grund, meinte die Unfallchirurgin: "Dadurch können Sie nichts kaputtmachen, was nicht während des Unfalls schon kaputtgegangen ist."

 

 

Auch spritzende Blutungen lassen sich in der Regel beim noch nicht geborgenen Patienten komprimieren. Die Kompression ist übrigens heute das Mittel der Wahl, so Dr. Tempka. Eine Extremität abzubinden wird zwar immer noch gelehrt, ist ihrer Meinung nach jedoch nicht notwendig. Aber nicht vergessen: Manche Blutungen fangen erst an zu spritzen, wenn die Infusion angelegt ist.

 

 

Der zweite diagnostische Block, der in der Regel im Rettungswagen stattfindet, umfasst die Notfalluntersuchung, möglichst am entkleideten Patienten und die erweiterte Anamnese. Dabei ist die alte AMPLE-Methode nach wie vor gültig.

 

  • Allergie (z.B. Latex)
  • Medikamente (unerwünschte Reaktionen)
  • Past medical history
  • Last Meal (Intubation, Op.)
  • Event leading to trauma

 

 

Das Abtasten des Schädels ist vor allem deshalb wichtig, weil sich in den Haaren manchmal primär verkrustete Wunden verbergen. Und diese können, wenn sich der Kreislauf unter der Infusion langsam wieder auffüllt, erneut aufplatzen. "Ich habe mehr als einmal einen Patienten mit 'nur' einer Skalpierungsverletzung fast verbluten sehen", meinte Dr. Tempka.

 

 

Auch ein primär bewusstloser Patient erhält eine tiefe Analgosedierung und selbstverständlich Sauerstoff. Ist der Kreislauf stabil, wird der Oberkörper hochgelagert. Besteht der Verdacht auf zusätzliche Wirbelsäulenverletzungen, hebt man eben die ganze Trage an und nicht nur das Kopfteil.

 

Auch die Gabe von Schmerzmitteln gehört heute zur notärztlichen Routine. Die Zeiten, in denen es hieß -bloß keine Analgetika, die verwischen das klinische Bild -sind vorbei. Wenn Sie das Abdomen beurteilen wollen, verlassen Sie sich nicht auf das Symptom "Abwehrspannung", riet die Kollegin. Die hat auf Grund des Schocks fast jedes Unfallopfer. Ganz wichtig sind dagegen eventuelle Prellmarken, um schnell die Stelle der Krafteinwirkung zu registrieren. Denn gerade an Rücken und Abdomen sind Prellmarken oft an der Unfallstelle noch viel deutlicher zu sehen als später im Krankenhaus.

 

 

Offene Verletzungen des Abdomens sieht man insbesondere bei Motorradunfällen oder bei Unfällen in der Landwirtschaft (Maschinen), in der Stadt fast nur bei Unfällen mit Skatern oder Radfahrern. Offene Körperhöhlen kann man im Zweifel mit feuchten Tüchern auspolstern. Fremdkörper werden natürlich belassen. Aber auch bei stumpfem Bauchtrauma sollte man daran denken, dass es zu massiven Blutverlusten in die Bauchhöhle kommen kann. Eine forcierte Schocktherapie ist daher Pflicht.

 

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