Samstag, 01. November 2014

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19.10.2002
Von: SK
Artikel Nummer: 271
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Für jede Prostatitis das passende Geschütz

Bei der Therapie der chronischen Prostatitis stehen durchaus nicht immer Antibiotika an erster Front. Denn mit Sauna, Sex und Vitaminen lassen sich das Brennen in der Harnröhre oder der leidige Druck im Unterbauch oft auch gut lindern.


Wenn ein Mann Schmerzen in der Urethra, in den Hoden oder beim Ejakulieren verspürt und sich mit Druck hinterm Schambein und vermehrtem Harndrang herumquält, ist häufig eine Prostatitis schuld. Dabei findet man in 38 % der Fälle eine Entzündung ohne den Nachweis von Bakterien. Je 17 % der Patienten verdanken ihre Beschwerden einer bakteriellen Prostatitis oder einem chronischen Beckenschmerzsyndrom (CPPS*) ohne Entzündungszeichen und ohne Bakterien. Als seltenere Ursachen finden sich eine benigne Prostatahyperplasie, eine Urethritis oder Epididymitis, erklärte Privatdozent Dr. Winfried Vahlensieck von der Urologischen Abteilung der Reha-Klinik Wildetal in Bad Wildungen.

Fahrrad und Schwimmbad sind tabu

Bei der chronischen Prostatitis rät man dem Patienten zunächst zu regelmäßigem Leben und Stuhlregulierung. Der Kranke sollte Sport treiben und eventuell einige Kilo abspecken, erklärte der Kollege auf dem 14. Jahrestreffen der Deutschen Gesellschaft für Andrologie. Fahrrad fahren oder Schwimmen gehen sind tabu, und die betroffenen Männer sollen Kälte meiden. Heiße Sitzbäder oder Kneippanwendungen und Saunagänge dagegen lindern oft die Beschwerden. Auch mit Hilfe der Ernährung können die Kranken ihr Leiden bessern. Auf den Speiseplan gehören viel Gemüse, Vitamin A und E und wenig Fett, und auf Alkohol, scharfe Gewürze sowie Kaffee sollte verzichtet werden. Zudem bessern sich die Symptome oft mittels Trinkmengen über drei Liter.

Regelmäßige Ejakulation mindert Keimzahl

Durch regelmäßige Ejakulationen lassen sich die Bakterienzahlen reduzieren. Manche Patienten haben wegen der oft schmerzhaften Samenergüsse zwar Angst davor. Trotzdem sollte man sie zu sexueller Aktivität ermuntern. Raten Sie Ihren Patienten zu ein- bis zweimaliger Ejakulation pro Woche, auch wenn hierzu keine harten Daten vorliegen, meinte Dr. Vahlensieck. "Die meisten Männer hören diesen Rat übrigens gerne."

 

 

In seiner Klink versucht man, mit Bädern die neuronalen Erregnungsmuster der Prostatitispatienten zu verändern, oder mittels Fango die Durchblutung positiv zu beeinflussen. Auch die Prostatadusche, bei der ein warmer Wasserstrahl auf den Damm gerichtet wird, bringt vielen Patienten Linderung. Studien zufolge bessern sich die Symptome auch durch Ultraschall, Biofeedback oder Kontinenztraining.

 

 

In einer Untersuchung mit 35 Patienten verschwanden die chronischen Beschwerden durch Prostatamassagen zusammen mit der Gabe von Antibiotika. Durch die Massage verringert sich die intraduktale Kongestion, und die Antibiotika penetrieren besser ins Gewebe, erklärte der Experte den Erfolg.

30 bis 90 Tage Antibiotika

Für die Antibiotikatherapie verwendet man bei der chronischen bakteriellen Prostatitis (Kategorie II) zunächst Fluorchinolone. Dr. Vahlensieck empfahl zweimal 500 bzw. 750 mg Ciprofloxacin oder einmal 500 mg Levofloxacin. Dabei ist es wichtig, lange genug, nämlich über 30 bis 90 Tage, zu behandeln, erklärte der Experte. Handelt es sich um eine Prostatitis mit erhöhten Leukozytenzahlen im Ejakulat, aber ohne Keimnachweis (Kat. IIIa), lohnt sich erfahrungsgemäß ein Versuch mit Gyrasehemmern. Wenn die Therapie nach zwei Wochen Wirkung zeigt, wird über zwei bis sechs Wochen weiterbehandelt.

 

 

Bei nicht entzündlichen Prozessen (Kat. IIIb) ist der Einsatz von Antibiotika umstritten. Allenfalls einen Therapieversuch hält der Kollege für vertretbar. Macht die Prostatitis keine Beschwerden (Kat. IV), sollte man keine Antibiotika geben.

Alphablocker gegen Rezidive

Lassen sich mikrobiologisch Anaerobier nachweisen, sind 400 mg Metronidazol p.o. über ein bis drei Wochen angezeigt, bei Trichomonaden dreimal 250 mg über siebenTage. Im Kampf gegen Chlamydien oder Mykoplasmen setzt man dagegen Doxycyclin (zweimal 0,1 g), Tetracyclin (viermal 0,5 g) oder Makrolide ein.

 

Zwar ist diese Antibiotikatherapie in vielen Fälle erfolgreich, allerdings kommt es in bis zu 90 % innerhalb der nächsten Jahre zu einem Rezidiv. Zumindest bei der Kategorie II hat sich gezeigt, dass sich durch die Kombination der Antibiotika mit Alphablockern, z.B. Alfuzosin (1-2-mal 2,5 mg), Prazosin (einmal 1 mg) oder Terazosin (einmal 2 mg) Rückfälle vermindern lassen.

Auch Blumenkohl kann helfen ...

Bisher hat die evidenzbasierte Medizin keine einheitliche Therapie zu bieten, die allen Prostatitispatienten dauerhaft hilft. Unterstützen Sie deshalb erfolgreiche eigene Behandlungsversuche Ihres Patienten, lautete der Expertenrat zum Abschluss. Wenn der Kranke gute Erfahrungen mit Blumenkohlsuppe gemacht hat, sich seine Beschwerden durch die abendliche Wärmflasche oder viermal wöchentliches Masturbieren bessern, ermutigen Sie ihn, dies weiterhin anzuwenden.

 

 

*chronic pelvic pain syndrome

 

 

 

 

 

 

So funktioniert die Vier-Gläser-Probe

 

 

 

 

 


 

 

 

Für die Diagnostik der Prostatitis steht neben Anamnese, körperlicher Untersuchung, Uroflowmetrie und Restharnbestimmung die Vier-Gläser-Probe ganz vorne auf der Liste. Dazu verwendet man Primärurin (Probe I), Mittelstrahlurin (Probe II), Prostataexprimat (Probe III), und den ersten Urin nach Prostatamassage (Probe IV). Jede Probe wird sowohl biochemisch als auch mikroskopisch und kulturell untersucht. Eine bakterielle Prostatitis gilt als bewiesen, wenn die Keimzahl im Exprimat oder Urin nach der Prostatamassage mindestens um eine Zehnerpotenz höher liegt als zuvor. Für die Praxis hat sich aber auch die weniger aufwendige Zwei-Gläser-Probe bewährt. Dazu untersucht man lediglich Primär- und Exprimaturin.

 

 

 

 

 

 

 

Einteilung der Prostatitis

I

Akute bakterielle Prostatitis

II

chronische bakterielle Prostatitis

III

chronische Prostatitis/chronisches Beckenschmerzsyndrom (chronic pelvic pains yndrome) ohne Nachweis von Erregern

III a

erhöhte Leukozytenzahlen im Prostataexprimat und/oder Ejakulat

III b

keine erhöhten Leukozytenzahlen im Exprimat und/oder Ejakulat

 

IV Asymptomatische entzündliche Prostatitis, Entzündungszellen in Biopsiematerial, Exprimat und/oder Ejakulat

 

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