Mittwoch, 28. September 2016

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12.09.2008
Von: Silvia Senz
Artikel Nummer: 13012
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Wenn das „Klingeln“ im Ohr unerträglich wird

Es rauscht, brummt oder pfeift, aber niemand anders als der Betroffene selbst kann es hören. Ein Tinnitus kann so heftig werden, dass er Depressionen, Angstzustände, Schlaf- und Konzentrationsstörungen auslöst. Da es keine wirksamen Therapien gegen den Tinnitus gibt, kann er auch nicht geheilt werden.


Plötzliche seltsame Ohrgeräusche kennen viele von uns; meist jedoch verschwinden sie so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Bleiben die Geräusche über Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre wahrnehmbar, spricht man von Tinnitus. Der Begriff ist lateinisch und bedeutet „Klingeln“. Nach Schätzungen leiden rund vier Prozent der Bevölkerung dauerhaft an einem Tinnitus; etwa ein Prozent ist jedoch schwer davon betroffen – das sind in der Schweiz rund 75’000 Menschen. Für Deutschland werden ähnliche Prozent-Zahlen genannt.

Das „Klingeln“ im Ohr beziehungsweise im Kopf äussert sich als Pfeifen, Brummen, Zischen oder Rauschen. Gehört werden diese Geräusche nur von den Betroffenen selbst. Die Lautstärke entspricht auf der Lärmskala (siehe Box) einem Blätterrauschen; trotzdem kann sich das Geräusch für einige Betroffene zu einem wahrhaften Orkan auswachsen und als unmässig laut und störend empfunden werden. Die Folgen sind dann verschiedenste Störungen und eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität. Der Tinnitus ist somit ein Wahrnehmungsproblem.

„Manchmal muss ich meinen Mann fragen, ob das, was ich höre, auch für ihn wahrnehmbar sei. Dann stelle ich oft fest, dass sich das Geräusch-Programm in meinem Kopf geändert hat“, sagt die 53-jährige Ingrid. B., die seit 1999 an einem chronischen Tinnitus leidet. Mehrere kleine Hörstürze in beiden Ohren, vermutlich bedingt durch Stresssituationen, haben dazu geführt, dass das Pfeifen seither nie mehr verstummt ist. „Die erste Zeit war die Hölle; ich habe mich nur auf diese Geräusche konzentriert. Später habe ich langsam gelernt, sie zu akzeptieren.“ 2005 verschärfte sich das Problem wieder: „In bestimmten Situationen machten jeweils die Ohren zu, das Geräusch wurde stärker; ich fühlte mich, als ob ich unter Wasser wäre. Es war für mich endgültig die Zeit gekommen, etwas gegen diesen Tinnitus zu tun.“ I. B. hat sich noch im selben Jahr einer stationären Therapie in einer deutschen Klinik unterzogen und kommt heute mehr oder weniger gut mit dem ständigen Begleiter zurecht.

Akuter und chronischer Tinnitus

Die Hals-Nasen-Ohrenärzte unterscheiden zwischen akutem und chronischem Tinnitus. Als chronisch gilt ein Tinnitus, der länger als ein Jahr dauert. Manchmal ist nur ein Ohrpfropf oder ein lautes Konzert die Schuld daran, dass es zu pfeifen beginnt, im schlimmsten Fall ein Tumor. Dauerhafter Lärm, ein lauter Knall, Infekte des Ohres oder ein Hörsturz können einen Tinnitus auslösen. Ein Hörsturz ist die plötzliche Einbusse des Hörvermögens. Angenommen wird eine Schädigung von Sinneszellen im Innenohr, als Auslöser gelten Stress, akute Durchblutungsstörungen oder Virusinfekte. Bei den meisten Menschen ist der Tinnitus jedoch organisch bedingt und ein Hörschaden im Hochtonbereich feststellbar.

In 90 Prozent der Fälle verschwindet der Tinnitus von selbst. Geschieht dies nicht spontan, ist innerhalb der ersten Tage eine Therapie sinnvoll. Dem Patienten werden durchblutungsfördernde Medikamente oder Cortison verschrieben. Andreas Schapowal hat festgestellt, dass diese den Hirnstoffwechsel und damit die Hörkurve verbessern. Manchmal gelingt es so, den Tinnitus zum Verschwinden zu bringen. Gleichzeitig sollte eine gründliche Abklärung durch den Ohrenarzt und den Internisten stattfinden.

Schlecht ist, wer seine Ohren dauerhaft Lärm aussetzt. Dies ist oft bei jungen Menschen der Fall. Damit riskieren diese eine Schädigung der Sinneszellen. Schwerhörigkeit und dauerhafter Tinnitus sind die Folge. Mit speziellen Kampagnen werden die jungen Leute davor gewarnt, sich zu oft einem zu grossen Lärmpegel auszusetzen. Ihnen wird empfohlen, ihre tragbaren Musikgeräte auf normale Lautstärke zu stellen. Die Zahl schlecht hörender Kinder und Jugendlicher ist steigend. Bei Schwerhörigkeit ist der Tinnitus häufiger, weil Sinneszellen zerstört sind und das Eigengeräusch umso stärker ins Bewusstsein tritt, je stiller es ist.

Eine Herzkrankheit, Diabetes, zu hoher Blutdruck oder ein Tumor können ebenfalls einen Tinnitus auslösen oder verstärken. Manche Medikamente rufen als Nebenwirkung ebenfalls einen Tinnitus hervor. Dauert der Tinnitus länger als 12 Monate, ist eine Heilung meist nicht mehr möglich; er wird chronisch und die Betroffenen ihr Leben lang begleiten. Ein Hörsturz lässt oft ein beeinträchtigtes Hörvermögen sowie einen chronischen Tinnitus zurück. Womit für viele ein Teufelskreis beginnt: Je aufmerksamer sie dem Tinnitus lauschen, umso aktiver wird das Hörzentrum und um so lauter erscheint ihnen das Brummen, Pfeifen, Rauschen oder Zischen.

Unbekannte Ursache

Die Ursache des Tinnitus ist unbekannt. Man nimmt an, dass die Geräusche vom Hörzentrum im Gehirn produziert werden, dessen erregende und hemmende Nerveneinflüsse aus der Balance geraten sind. Erhält das Hörzentrum fehlerhafte Signale, so wird das Grundrauschen der Nervenzellen verstärkt. Es tritt als Tinnitus ins Bewusstsein. Auch bei gesunden Menschen ist immer ein Grundrauschen vorhanden. Es wird jedoch nicht wahrgenommen. Bei kleinen oder langsam eintretenden Hörverlusten ermöglichen sogenannte Hörfilter im Gehirn, Änderungen im Grundrauschen abzulenken, zu unterdrücken und nicht als Tinnitus ins Bewusstsein treten zu lassen. Trotzdem kann es auch bei normalem Hörvermögen passieren, dass die Wahrnehmungsschwelle für das normale Grundrauschen gesenkt wird. Das ist dann der Fall, wenn zum Beispiel die inneren „Hörfilter“ geschwächt sind, wenn wir zuviel Stress „um die Ohren“ hatten und entnervt sind.

Das Ohr ist ein besonders empfindliches Sinnesorgan: Es ist ständig auf Empfang gestellt, tags wie nachts. Der stetigen Zunahme von Umweltgeräuschen ist es hilflos ausgeliefert. Die Möglichkeiten sind begrenzt, sich der Reiz-Flut zu entziehen. Ein ständig überreiztes Hörsystem kann Schaden nehmen. So erklärt man die Tatsache, dass in der Bevölkerung der Tinnitus zugenommen hat.

Therapie des chronischen Tinnitus

Der Tinnitus gilt nicht als Krankheit. Er kann jedoch krank machen, wenn er als Bedrohung empfunden wird. Die Betroffenen fühlen sich in ihrem alltäglichen Leben massiv gestört. Sie befürchten, dass sich ihr Zustand weiter verschlimmert und die lästigen Geräusche immer lauter werden könnten. Der Tinnitus wird zur alles beherrschenden Wahrnehmung. Die Folge sind noch mehr Stress, Schlaf-, Konzentrationsstörungen und Depressionen. Die Lebensqualität ist massiv eingeschränkt. Viele Betroffene beklagen, dass ein unbeschwerter Musikgenuss nicht mehr möglich ist; soziale Kontakte werden erschwert, weil man Gespräche bei hohem Lärmpegel als anstrengend empfindet. Stress, Müdigkeit, Lärm, Schmerzen, Nacken- oder Schulterverspannungen gelten als „Verstärker“ der Tinnitus-Wahrnehmung. Auch Medikamenten wie Aspirin und Alkohol wird eine verstärkende Wirkung nachgesagt.

Die Wahrnehmung umlenken

Der entscheidende Punkt ist das Leiden am Tinnitus, egal aus welcher Ursache. Bei dieser subjektiven Wahrnehmung setzt die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) an. Schweizer Betroffene mussten sich für eine stationäre Therapie früher nach Deutschland in eine Klinik begeben. Seit Anfang 2006 gibt es auch in der Schweiz, in der Klinik Waldhaus bei Chur, einen Ort, an dem sich schwer Leidende stationär einer vier- bis sechswöchigen Therapie unterziehen können.

Die TR-Therapie ist breit ausgerichtet und wird durch ein Betreuungsteam von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Physio- und Bewegungstherapeuten durchgeführt. Zunächst erhält der Patient umfassende Informationen über den Tinnitus und die Funktion des Gehörs. Damit wird er zum Experten seines Leidens. Er soll die Angst vor den Geräuschen verlieren, lernen, dass der Tinnitus dem „Lärm“ von Blätterrauschen entspricht, nicht lauter werden kann und kein Anzeichen für eine bedrohliche Krankheit ist.

Mit Hörtraining wird versucht, die Fixierung auf den Tinnitus zu durchbrechen und die Wahrnehmung des Patienten auf andere Dinge zu richten. Zum Beispiel werden die Patienten aufgefordert, im Freien verschiedene Vogelstimmen zu hören oder sich auf andere Geräusche zu konzentrieren. Der Patient soll die Freude am Hören wieder gewinnen.

Eine weitere wichtige Rolle spielt die psychologische Betreuung. Depressionen, Angstneurosen, berufliche- oder persönliche Probleme können dafür verantwortlich sein, dass der Tinnitus im Leben eines Menschen eine alles beherrschende Rolle spielt. Der Patient wird ermutigt, seine persönliche Situation zu hinterfragen und diese wenn möglich zu ändern. Zusätzlich wird ihm empfohlen, sich sportlich zu betätigen und Entspannungstechniken zu praktizieren, wie zum Beispiel die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson, Autogenes Training oder Tai Chi.

Neben all diesen Massnahmen kommen manchmal, aber nicht zwingend, technische Hilfsmittel zum Einsatz. Bestimmte Geräte, sogenannte Noiser, die ins Ohr eingesetzt werden, produzieren ein leises Rauschen. Dieses wird als angenehm empfunden und soll vom Tinnitus ablenken. Noiser gelten aber nicht als Dauerlösung, da sie eine Verhaltensstörung zementieren würden. Besser ist da ein Zimmerspringbrunnen auf dem Nachttisch. Wenn mit dem Tinnitus eine Hörminderung einhergeht, was oft der Fall ist, sind unter Umständen Hörgeräte empfehlenswert.

Die Erfolgsrate dieser Therapie wird mit 70 bis 80 Prozent angegeben. Danach sind die meisten Betroffenen in der Lage, den Tinnitus für den Grossteil des Tages aus ihrer Wahrnehmung zu verbannen. Sie akzeptieren ihn im besten Fall als ständigen Begleiter, wenn auch nicht als Freund.

Hilfe bei Tinnitus

Mehr Informationen und Hilfe zur Selbsthilfe finden Sie über das Internet:


www.ohrensausen.eu
www.tin-nitus.de
www.tinnitus-liga.de
www.tinnitus-center-frankfurt.de
 

 

Zu hellhörig?

Die Hyperakusis ist eine Lärmüberempfindlichkeit, die über das normale Mass hinausgeht. Sie kann mit einem Tinnitus auftreten. Menschen mit Hyperakusis geraten bei lauten und manchmal auch bei normal lauten Geräuschen in Panik. Sie tun alles, um diesen lauten Geräuschen aus dem Weg zu gehen. Zum Beispiel besuchen sie keine Kinos oder Restaurants mehr. Manche wagen sich nur noch mit Ohrstöpseln auf die Strasse und isolieren sich immer mehr. Behandelt wird die Hyperakusis durch Hör- und Psychotherapie.

 

Der Lärmpegel in Dezibel

  • 0 Hörschwelle
  • 10 Blätterrauschen, ruhiges Atmen, Tinnitus
  • 20 leises Flüstern
  • 40 leise Unterhaltung
  • 50 normale Unterhaltung, Zimmerlautstärke
  • 60 laute Unterhaltung, Stressgrenze
  • 65 erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Herzinfarkt
  • 70 Haushalts- und Bürolärm
  • 85 Gehörschutz im Gewerbe vorgeschrieben; jahrelang ausgesetzt, treten Hörschäden auf
  • 90 Autohupen, LKW-Fahrgeräusche, Schnarchen
  • 100 Motorrad, Kreissäge, Discomusik
  • 110 Walkman laut, Rockkonzert
  • 120 Flugzeug in geringer Entfernung, Techno-Musik, Hörschäden schon nach kurzer Einwirkung möglich
  • 130 Schmerzschwelle, Düsenflugzeug in geringer Entfernung

 

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