Schmerz - Hausarzt als Lotse der Schmerztherapie (Teil 2)
Bei der Versorgung von Schmerzpatienten bestehen nach wie vor erhebliche Defizite, wie das Forschungsprojekt „Versorgungsatlas Schmerz“ dokumentiert. Was können Hausärzte tun?
Serie Schmerz Teil 2 - zum Teil 1 - zum Teil 3
„Viel zu viele Patienten oszillieren im System herum und finden nicht die richtige Anlaufstelle“, kritisiert Professor Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik in Bremen, der das Projekt wissenschaftlich begleitet hat. Für den Atlas wurden die Daten von Versicherten zweier großer Krankenkassen, der Schmerz Folge 2 DAK und der AOK Niedersachsen, ausgewertet.
Unterversorgung sorgt für viel Selbstmedikation
Die Resultate geben einen Einblick in die Realität der Betreuung von Schmerzpatienten, liefern aber auch Hinweise zum Chronifizierungsrisiko und zu damit verbundenem Behandlungsaufwand, zu Arbeitsunfähigkeitstagen und zu den Kosten. Zwei Zahlen illustrieren das Dilemma: In Deutschland gehen jährlich rund 150 Millionen Packungen Schmerzmittel über den Apothekentisch – aber nur etwa 30 Millionen davon auf ärztliche Verordnung.
Dieser hohe Anteil von Selbstmedikation bezeugt nach Ansicht von Prof. Glaeske ein erhebliches Maß an Unterversorgung. Weil zu selten eine multimodale Schmerztherapie angeboten und noch immer zu selten stark wirksame Analgetika, auch Opioide, verordnet werden, greifen die Patienten zur Eigeninitiative – mit allen Risiken und Nebenwirkungen, die eine unkontrollierte langfristige Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel mit sich bringt. Dieser hohe Anteil von Selbstmedikation bezeugt nach Ansicht von Prof. Glaeske ein erhebliches Maß an Unterversorgung. Weil zu selten eine multimodale Schmerztherapie angeboten und noch immer zu selten stark wirksame Analgetika, auch Opioide, verordnet werden, greifen die Patienten zur Eigeninitiative – mit allen Risiken und Nebenwirkungen, die eine unkontrollierte langfristige Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel mit sich bringt.
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Zuhören und dann das Vorgehen kanalisieren
Länger anhaltende Schmerzen, so hofft man, werden die Patienten dann dazu bringen, den Hausarzt aufzusuchen. Dem Hausarzt kommt in den Augen von Prof. Glaeske bei Schmerzpatienten eine besonders wichtige Lotsenfunktion zu: „Er sollte sich die Schilderungen des Patienten aufmerksam anhören und dann entscheiden, welche Schritte notwendig sind.
Hat der Hausarzt den Verdacht, dass sich eine Chronifizierung anbahnt, sollte er versuchen, den Patienten in einer schmerztherapeutischen Ambulanz unterzubringen.“ Und nicht vergessen: Zu den „Yellow Flags“, die laut Nationaler Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz die Chronifizierung begünstigen, zählen auch iatrogene Faktoren wie Verkennen der multikausalen Genese von Schmerzen, lange Krankschreibung und Förderung passiver Therapiekonzepte.
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Der Arzt und Betriebswirtschaftler ist Geschäftsleiter der Grünenthal GmbH und beantwortet Fragen zur Schmerz-Versorgungsforschung. Weshalb beschäftigt sich ein Unternehmen wie Grünenthal mit Versorgungsforschung zum Schmerz?Kai Martens: Grünenthal fokussiert sich als Unternehmen auf den Bereich der Schmerztherapie. Dabei ist es uns wichtig, dass unsere Forschung und damit letztlich auch unsere innovativen Produkte ihren Nutzen nachweisen und die Bedürfnisse der Patienten möglichst genau treffen. Das wird uns nur gelingen, wenn wir die Situation der Patienten möglichst genau kennen. An dem Projekt beteiligen sich neben Grünenthal auch die DAK, die AOK Niedersachsen, das IGES Institut und das Zentrum für Sozialpolitik in Bremen. Wie sieht Ihr Beitrag aus?Kai Martens: Wir haben dieses Projekt vor inzwischen vier Jahren initiiert und bringen unser ganzes Wissen und Können auf dem Gebiet der Schmerztherapie ein. Wir haben die verschiedenen Experten zusammengebracht und zusammen mit ihnen einen neuen Algorithmus zur Analyse der Daten entwickelt. Wir denken, dass klinische Studien nur einen Teil der Realität abbilden können. Ohne adäquate Versorgungsforschung werden wir nie wissen, wie Schmerzpatienten im Alltag versorgt sind und wo medizinische Lücken klaffen, die wir mit neuen Therapiekonzepten schließen helfen können. Versorgungsforschung soll auch helfen, Kosten zu sparen. Wie kann das gehen?Kai Martens: Das kann man insbesondere beim Schmerz gut erkennen: Versorgungsforschung kann aufzeigen, welche Patienten gefährdet sind, chronisch zu erkranken, und welche Faktoren dazu beitragen. Aus dieser Erkenntnis lassen sich Konzepte entwickeln, die dem sinnvoll entgegensteuern. Denn: Chronische Erkrankungen kommen die Kostenträger fast immer teurer zu stehen als akute.
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