Mittwoch, 01. Oktober 2014

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Adrenalin - Schnellen Erfolg mit schlechter Prognose bezahlt?

Adrenalin - Schnellen Erfolg mit schlechter Prognose bezahlt?

21.06.2012
Von: Dr. Carola Gessner, Foto: BilderBox
Artikel Nummer: 19563
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Bei der Reanimation kein Adrenalin mehr geben?

Adrenalin scheint die Prognose von Patienten mit Herzkreislaufstillstand zu verschlechtern. Neue Daten aus Japan scheinen dies zu belegen.


„Adrenalin könnte eventuell das Herz retten, aber sicher nicht das Gehirn“, resümieren japanische Autoren die Ergebnisse ihrer Beobachtungsstudie1. Sie hatten die Daten von mehr als 400 000 Fällen von Herzstillstand außerhalb der Klinik in Sachen Überleben und funktionellem Status ausgewertet.


Das ernüchternde Resultat: Von den 15 000 Patienten, die bei der Reanimation Adrenalin erhielten, erlangte zwar zunächst ein größerer Anteil wieder spontane Herzaktionen (18,5 % vs. 5,6 %), aber weniger Kranke überlebten den ersten Monat nach dem Ereignis.


Ohne Adrenalingabe
erreichten zudem mehr Patienten einen funktionellen Status, der es ihnen erlaubte, in ihre Familien und ihr früheres Leben zurückzukehren – und nicht im Heim zu landen, schreibt das Team um Dr. Akihito Hagihara von der japanischen Kyushu University Graduate School of Medicine in Fukuoka.

Auch kurzfristig schlechtere Prognose nach Adrenalingabe

Die „lieb gewonnene“ Gewohnheit, den Sympathikus bei der Wiederbelebung anzuheizen, steht wissenschaftlich auf keiner guten Grundlage, kritisiert Dr. Clifton W. Callaway von der Universität Pittsburgh in seinem Kommentar zur Studie2. Die Standard-1-mg-Dosis wurde in den 60er Jahren an Hunden ermittelt. Seither ist es bei dem One-size-fits-all-Verfahren geblieben, individuelle Dosisanpassungen für die menschliche Spezies sind nicht erfolgt.


Nach einem Herzstillstand einfach den Puls zurückzuholen, das scheint zwar einen guten ersten Reanimationserfolg zu signalisieren –, es stellt aber bei weitem noch keine Garantie für eine gute Prognose dar.


Im Gegenteil: Die Resultate der japanischen Studie deuten darauf hin, dass man für den schnellen Erfolg den Preis einer selbst kurzfristig noch schlechteren Prognose zahlt. Das ist pathophysiologisch gesehen eigentlich nicht überraschend, erklärt Dr. Callaway. Die alpha-adrenerg vermittelte Vasokonstriktion, die man mit dem Sympathikushormon erreicht, steigert die Koronarperfusion, während sie die Sauerstoffversorgung anderer Organe herabsetzt.


Der Gewinn für das Herz geht also unter anderem auf Kosten von Gehirn und Nieren. Die Stimulation von Betarezeptoren begünstigt darüber hinaus Arrhythmien, steigert den Sauerstoffverbrauch und aktiviert die Gerinnung. Auf diese Weise kann letztlich auch das Myokard erneut in Durchblutungsnot geraten.

Vergleich von Adrenalin mit Placebo dringend nötig

Also „Daumen runter“ für Adrenalin nach Herzkreislaufstillstand? Ohne offizielle Empfehlung wird man bei der Wiederbelebung wohl nicht auf das Sympathikushormon verzichten. Denn nicht nur in Japan gehört die Epinephringabe zum Standard bei der Reanimation.


Auch der European Resuscitation Council sieht Adrenalin ausdrücklich in seiner Leitlinie vor. Rettungspersonal mag einerseits nicht gern von alten Gewohnheiten lassen und andererseits Notfallpatienten eine verbriefte Standardtherapie nicht vorenthalten – selbst wenn keine Studie den Benefit belegt.


Galt es aber bislang als unethisch, eine prospektive Studie „Adrenalin gegen Placebo“ durchzuführen, so rechtfertigen die Daten der japanischen Beobachtungsstudie jetzt auf jeden Fall, die traditionelle Wiederbelebungstherapie in einer neuen Untersuchung sauber zu evaluieren. Es sei höchste Zeit dazu, kommentiert Dr. Callaway.


Bis dahin sollte man den Wirkstoff aber vielleicht vorsichtiger dosieren, empfiehlt Dr. Michael Sayre von der Ohio State University in Columbus laut „theheart.org“. Möglicherweise entfaltet das Nebennierenhormon in sehr niedriger Dosis beziehungsweise in ausgewählten Fällen eingesetzt doch eine segensreiche Wirkung.Dr. Carola Gessner


1 A. Hagihara et al. JAMA 2012; 307: 1161-1168;
2 C.W. Callaway, a.a.O.; 1198-1200

 

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