Montag, 20. Oktober 2014

Fokus Medizin

Um Gewichstzunahme bei Hypothyreose zu vermeiden, wenig Kohlenhydrate.

Der 117. Kongress der DGIM in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden.

08.05.2011
Von: Dr. Carola Gessner, Foto: Birgit Maronde
Artikel Nummer: 17510
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DGIM 2011 - Thyroxin-Substitution: Vorsicht mit Kohlenhydraten!

Trotz Hormonsubstitution sitzt eine unglückliche Patientin in Ihrem Sprechzimmer und klagt über Gewichtzunahme. Lässt sich das vermeiden?


Nicht nur Basedow-Operierte, sondern auch Hypothyreose-Patienten legen oft in der Anfangsphase der Levothyroxin-Substitution an Gewicht zu. Um zu verstehen, was es mit diesem scheinbar paradoxen Phänomen auf sich hat, muss man sich einige pathophysiologische Zusammenhänge klarmachen, sagte Professor Dr. Karl-Michael Derwahl vom St. Hedwig Krankenhaus in Berlin auf dem 117. Internistenkongress.


Das Hormon T3 setzt im Gehirn am gleichen Rezeptor an wie Leptin, wodurch Appetit und Nahrungsaufnahme steigen. Leptin stimuliert die thyreotrope Achse und ist bei Adipositas maximal erhöht. Die bei Adipositas gleichfalls gesteigerten TSH- und fT3-Level normalisieren sich laut Studiendaten bei Gewichtsreduktion, ebenso die Leptin-Werte.

TSH-Wert als Prädiktor für Gewichtszunahme

Eine Populationsstudie wies bei Gesunden einen Zusammenhang zwischen TSH und BMI nach. Je höher das Serum-TSH lag, umso stärker nahmen die Probanden in den folgenden fünf Jahren an Gewicht zu. TSH sagte quasi das Dickwerden voraus. Dies bestätigte eine italienische Studie an 84 Frauen ohne Schilddrüsenfunktionsstörung.


Die Gewichtsentwicklung unter Levothyroxin-Substitution untersuchte eine deutsche Studie bei Basedow-Patienten nach Radiojodtherapie: Ein bis zwei Jahre lang kam es zu einer überproportionalen Gewichtzunahme, dann flachte die Kurve ab. In einer US-Studie legten Radiojod-Therapierte trotz Kalorienrestriktion zu. Zwei Risikofaktoren für den BMI-Zuwachs (mit und ohne Hormonersatz) ließen sich identifizieren:

•    Gewichtsverlust vor der Op. im Rahmen der Hyperthyreose und
    L-Thyroxin-Gabe postoperativ.


Offenbar treibt die Schilddrüsenmedikation – entgegen landläufiger Ansicht – nicht unbedingt die Fettverbrennung voran. In einer kürzlich erschienenen Studie hatte man bei zwölf Patienten unter Levothyroxin-Therapie wegen Hypothyreose im Verlauf eines Jahres eine Gewichtsreduktion beobachtet,  jedoch nur durch Flüssigkeitsausscheidung. Die Fettmasse änderte sich nicht.

TSH-Zielwerte von 1,0 (+/-0,5) anstreben, dann klappt´s auch mit dem Wunschgewicht

Prof. Derwahls Konsequenzen für die Therapie der Unterfunktion: Da ein niedrigerer TSH-Spiegel (im Referenzbereich) in Zusammenhang mit geringerer Gewichtszunahme steht, strebt er einen TSH-Zielwert von 1,0 (+/-0,5) an. Zu beachten bei vorher bestehender Überfunktion: Der vermehrte Appetit und der den Grundumsatz steigernde Effekt der Substitutions­hormone konkurrieren in der Anfangsphase der Therapie. Besonders der Appetit auf Kohlenhydrate scheint durch Schilddrüsenhormo­ne (auch die vorbestehende Hyper­thyreose) angeregt zu werden. Daher empfahl der Referent, ggf. das Essverhalten zu korrigieren.


Auf keinen Fall sollte man im Kampf gegen den steigenden BMI die L-Thyroxin-Dosis erhöhen – so riskiert man nur eine weitere Gewichtszunahme. „Die Basedow-Patienten konnten vorher essen, was sie wollten, ohne zuzunehmen“, verdeutlichte Prof. Derwahl. Wird das übereifrige Schilddrüsengewebe entfernt, muss sich postoperativ der Appetit-Sollwert ändern. Doch bis die Regelkreise neu eingestellt sind, kann etwas Zeit vergehen.

Niedergelassene Kollegen teilen die negativen BMI-Erfahrungen

Ein Kollege aus dem Auditorium bestätigte die negative BMI-Erfahrung bei Therapie einer Hypothyreose und fragte: „Kann ich meine Patienten beruhigen, dass dies nur vorübergehend ist?“ Man sollte in den ersten Wochen sehr streng sein mit Kohlenhydraten, kein Zucker, keine Schokolade oder andere Nahrungsmittel mit hohem glykämischen Index, so der konkrete Rat des Experten: „Und fangen Sie mit Levothyroxin sehr langsam an, sodass die Zielwerte erst nach fünf bis acht Wochen erreicht werden, das ist wesentlich günstiger im Hinblick auf das Gewicht.“


Hier geht es zum Internistenkongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).



 

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