Mittwoch, 22. Oktober 2014

Fokus Medizin

Klare Worte zum unklaren Impfstatus

STIKO-Impfempfehlung: Wann, wen, wie spritzen?

09.08.2012
Von: Dr. Carola Gessner, Foto:thinkstock
Artikel Nummer: 19766
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Klare Worte zum unklaren Impfstatus

Impfungen: Neue STIKO-Empfehlungen sorgen für Klarheit. Wann muss wer mit welcher Vakzine geimpft werden und was ist bei unklarem Impfstatus zu tun?


Impfempfehlungen neu abgefasst, meldet die STIKO aktuell. Was Sie dabei besonders interessieren dürfte: Erstmals haben die Experten sich ausführlich mit einem Thema befasst, das im Praxisalltag oft Probleme bereitet. Wie behandeln Sie „angeimpfte“ oder fraglich geimpfte Personen?


Neben Änderungen der Vorgaben in Sachen Mumps- und Meningokokken-Infektion (s. Kasten) steht das Kapitel „Nachholimpfungen“ im Zentrum der Publikation des Robert-Koch-Instituts. Immer wieder haben Sie es im Praxisalltag mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun, bei denen der Impfpass fehlt oder unvollständig ist, sodass aller Wahrscheinlichkeit nach kein altersentsprechender Impfschutz besteht.


Meningokokken und Mumps-News

  • Die Grundimmunisierung gegen Meningokokken erfolgt im 2. Lebensjahr mit einer Impfdosis.


  • Fehlende Impfungen werden bis zum 18. Geburtstag nachgeholt.


  • Neuerdings empfiehlt die STIKO den viervalenten Konjugat-Impfstoff gegen Meningokokken (Typen A, C, W-135, Y) auch für Personen mit erhöhtem Risiko für schwere Meningokokkenerkrankungen und für Reisende in Länder mit hohem Infektionsrisiko.


  • Bei Indikationen wie Immundefekt oder Reise in Risikoregionen dürfen jetzt schon einjährige Kinder den Impfstoff (Nimenrix® ist ab einem Jahr zugelassen) erhalten.


  • Was Mumps betrifft, so wurde die berufliche Indikation erweitert. Personen mit unklarem Impfstatus bzw. mangelhaftem Schutz erhalten eine einmalige Dosis, wenn sie in der unmittelbaren Patientenversorgung, Gemeinschaftseinrichtungen oder Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene tätig sind.


Jeder Arztbesuch von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen sollte genutzt werden, den Impfstatus zu überprüfen und Fehlendes schnellstmöglich nachzuholen, mahnen die STIKO-Fachleute. Egal, ob es um Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Polio oder Hepatitis B geht: Bei teilgeimpften Personen zählt jede bisher dokumentierte Impfung, sofern der Abstand zwischen den einzelnen Dosen nicht unterschritten wurde.


Bei Grundimmunisierungen muss zwischen vorletzter und letzter Injektion nämlich ein Mindestabstand – meist von sechs Monaten – eingehalten werden. Geht es um Impfungen, die nur bis zu einem bestimmten Alter empfohlen werden, geben Sie keine weiteren Dosen, sofern Ihr Patient dieses Alter inzwischen überschritten hat. Ansonsten wird die unterbrochene Grundimmunisierung nach individuellem Plan fortgesetzt.


Die Kollegen liefern dazu ein Beispiel: Ein 2,5 Jahre altes Kind hat im Alter von zwei und drei Monaten je eine Dosis DTaP-IPV-Hib-Hep B (Sechsfach-Vakzine) erhalten sowie zwei Dosen der Pneumokokken-Vakzine und dann gar nichts mehr. Jetzt richten Sie sich nach der STIKO-Tabelle2 „Kinder < 12 Monate“, also dem Alter bei der ersten erfolgten Impfung. Das Kind erhält zwei weitere Gaben der Sechsfach-Vakzine mit einem Abstand von mindestens sechs Monaten. Dass zum Schutz vor Hämophilus influenzae auch eine weitere Dosis reichen würde, vernachlässigt man – auf diese Weise hält man die Gesamtzahl der Impfungen so gering wie möglich.

Pneumokokken-Impfung bei über Zweijährigen nicht empfohlen

Die bislang völlig fehlende Immunisierung gegen Masern, Mumps, Röteln, Varizellen und Meningokokken C erfolgen entsprechend dem Impfplan „Kinder von 12 Monaten bis < fünf Jahre“. Die Grundimmunisierung gegen Pneumokokken – für über Zweijährige nicht empfohlen – wird dagegen nicht fortgesetzt.


Wenn Ihr Patient überhaupt keine Impfdokumentation vorweisen kann, so sollten Sie zunächst anamnestisch versuchen, etwas über erfolgte Impfungen herauszubekommen. Manchmal lässt sich auf Basis der dokumentierten Impfanamnese ein neuer Impfausweis ausstellen.


Grundsätzlich ist aber bei unbekanntem Impfstatus (sehr oft auch bei immigrierten Kinden und Erwachsenen) von fehlendem Impfschutz auszugehen. Einzig bei Windpocken lässt sich relativ zuverlässig eine durchgemachte Erkrankung ermitteln. Bei Mumps, Masern und Röteln wird es da schon schwieriger.

Impfstatus: Antikörper-Titer nur in Ausnahmefällen bestimmen!

Keinesfalls sollten Sie aber beginnen, mit aufwendigen Antikörper-Titerbestimmungen nach durchgemachten Infektionen oder erfolgten Immunisierungen zu fahnden, mahnen die STIKO-Experten. Nur zur Klärung eines Hepatitis-B-Schutzes bei Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko und zum Prüfen des Impferfolges bei Immungeschwächten hat die Serologie ihren Stellenwert.


Aber ist es nicht gefährlich, bei unklarem Status einfach „drüberzuimpfen“ wie bei einem völlig ungeschützten Patienten? Drohen da nicht ausgeprägte Überempfindlichkeitsreaktionen? In der Regel nicht, beruhigen die RKI-Fachleute. In Ausnahmefällen kommt es nach häufig wiederholter Gabe von Totimpfstoffen bei hohen Antikörpertitern z.B. gegen Diphterie-/Tetanustoxoid zur schmerzhaften Schwellung und Rötung der Extremität (Arthus-Phänomen). In diesen Fällen sollten vor weiteren Injektionen Td-AK-Titer gemessen werden.

Diphterie und Pertussis: Impfdosis bei Erwachsenen und Kleinkindern unterschiedlich!

Wichtig auch zu beachten: Bei Kindern über 5–6 Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen wird gegen Diphtherie und Pertussis mit reduzierter Antigenmenge immunisiert. Entsprechende Impfstoffe sind erkennbar an der Bezeichnung „d“ statt „D“ und „ap“ statt „aP“.


Bei älteren Kindern und erwachsenen Personen genügt für den Schutz gegen Keuchhusten bereits die einmalige Applikation. Benötigt ein Erwachsener eine Tetanus-Impfung, so raten die Kollegen bei unklarem Status auf jeden Fall kombiniert heranzugehen und gleich eine Tdap- pder Tdap-IPV-Vakzine zu applizieren, um Diptherie, Keuchhusten und Polio mit abzudecken.

Bei Kinderwunsch Windpocken-Immunisierung!

Auch für die Auffrischungen einer vorangegangenen Td-Impfung z.B. im Verletzungsfall wählt man die Kombi-Vakzine. Erwachsene, die nach 1970 geboren sind, sollten eine einmalige Masern-Impfung mit MMR-Vakzine erhalten, Frauen im gebärfähigen Alter brauchen zweimalige Applikation. Für Frauen mit Kinderwunsch wird zudem zur Windpocken-Immunisierung (zwei Dosen im Abstand von 4-6 Wochen) geraten.

STIKO-Impfpläne in 
15 Sprachen online


Um Ihre Praxisbaläufe zu vereinfachen, können Sie jetzt den aktuellen STIKO-Impfkalender sowie die Einwilligungserklärungen für MMR-/Varizellen-Impfung in  15 verschiedenen Sprachen abrufen.

  •  Die Dokumente finden Sie hier: (rki.de > Kommissionen > Ständige Impfkommission > Empfehlungen der STIKO)

 

Quelle:1 Epidemiologisches Bulletin 2012; Nr. 30: 283–310 2 Impfkalender abrufbar unter www.rki.de/impfen

 

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