Sonntag, 23. November 2014

Fokus Medizin

Bei der Oszill­opsie hat man das Gefühl, nicht mehr geradeaus gucken zu können.
15.10.2010
Von: Dr. Carola Gessner, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 17031
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Oszillopsie - Wenn die Bilder beim Laufen wackeln ...

Beim Laufen hopst das Bild hoch und runter. Das bringt die 68-Jährige aus dem Gleichgewicht, ihr Gang ist unsicher, im Alltag klappt vieles nicht mehr. Hat die Patientin eine psychogene Gang­störung oder gibt es organische Gründe für die Oszill­opsie?



Als Oszillopsie bezeichnet man ein vertikales Wackeln der Umwelt. Wie die 68-Jährige es schilderte, trat die Störung nur bei Fortbewegung auf und sistierte in Ruhe. Ihr Gang imponierte breitbeinig, sie vollführte immer seitliche Ausfallschritte und konnte sich auch nicht in einem Zug umdrehen, sondern benötigte mehrere Wendeschritte.

Straßenschilder scheinen bei der Oszillopsie auf und ab zu wippen

Das Lesen von Straßennamen ging gar nicht mehr und auch in der Klinik bekam sie es nicht hin, während des Laufens ein Schild am Ende des Ganges zu entziffern, da dieses immer „auf und ab wippte“, wie Professor Dr. Christoph Helmchen  von der Universität Lübeck berichtete.


Diese Störung einer inadäquaten retinalen Bildverschiebung ist charakteristisch für Patienten mit Vesti­bulopathie. Doch diese bleibt oft lange unerkannt. Die Patienten kommen nicht selten mit der Diagnose „psychogene Gangstörung“ – denn bei normaler neurologischer Untersuchung finden Sie häufig keinen charakteristischen Befund, so der Referent.

Der Kopf-Impuls-Test zeigt eine Reflexschädigung an

Pathologisch fällt hingegen der Kopf-Impuls-Test aus. Dabei sitzen Sie dem Patienten gegenüber, fordern ihn auf, Ihre Stirn zu fixieren und drehen dann seinen Kopf passiv schnell zur Seite.

 

Der Gesunde bleibt mit seinen Augen an ihrer Stirn „kleben“, während bei einer Vestibulopathie die Augen zunächst mit zur Seite wandern, um dann mit einer Korrekturbewegung den Blick wieder auf Ihre Stirn zu richten. Dies ist Ausdruck einer Schädigung des vestibulookulären Reflexes.


Ätiologisch steckt nicht selten (in 13 % der Fälle) eine ototoxische Medikation hinter der Schädigung, z.B. durch Aminoglykosidantibiotika (Gentamicin), Schleifendiuretika oder eine Kombination von beidem. Auch eine hochdosierte Salicylattherapie  oder eine Krebstherapie (Alkylanzien, Cisplatin) kommen infrage.

Desweiteren kann eine bilaterale Vestibulopathie auftreten bei:

• Morbus Menière (begleitende Hörstörung!)
• Autoimmunerkrankungen (Morbus Behçet, Sarkoidose)
• einer zerebellären Ataxie
• Polyneuropathien
• Z.n. Meningitis
• Raumforderungen (Neurofibromatose, Schwannome)


Im Fall der 68-Jährigen konnte die neurologische und Hals- Nasen- Ohrenärztliche Abklärung keine behandelbare Ursache entlarven. Oft, so die klinische Erfahrung, nimmt die Intensität der Oszillopsie im Lauf der Zeit ab, bzw. es tritt eine subjektive Besserung durch einen Gewöhnungseffekt ein. 

 

Vortrag auf der Neurowoche 2010 in Mannheim

 

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