Donnerstag, 30. Oktober 2014

Fokus Medizin

M. Raynaud: Weißfingerphänomen u.a. ausgelöst durch Vibrationen.

29.06.2012
Von: Dr. Dorothea Ranft, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 19572
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Raynaud-Syndrom: Auf Ursachensuche gehen!

Hinter der Weißfingerkrankheit stehen neuen Studien zufolge häufig andere Grundleiden. Welche Auswirkungen hat das auf die Therapie des M. Raynaud?


Nur eine „harmlose“ Weißfingerkrankheit oder doch schon der Beginn einer Kollagenose? Sicherheitshalber sollte jeder Raynaud-Patient eine Kapillarendoskopie erhalten, fordert ein Berliner Kollege. Auch bei der Therapie gibt es interessante Neuentwicklungen.

Raynaud-Syndrom: Andere Grunderkrankungen vorhanden?

Typisch für das Raynaud-Phänomen ist zwar die klassische Trikolore – d.h. der akrale Farbwechsel von weiß über blau nach rot. Aber nicht selten beobachtet man auch mono- und bikolore Veränderungen an Fingern oder Fußzehen. Statt vom „Phänomen“ spricht man hierzulande zunehmend vom Raynaud-Syndrom. Denn in der Regel leiden die Betroffenen unter weiteren Erkrankungen oder Symptomen (Kälteempfinden, Schmerzen und Hyp- bzw. Dysästhesie), schreibt Dr. Peter Klein-Weigel von der Klinik für Innere Medizin der DRK-Kliniken Berlin-Köpenick in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“.

Grundkrankheiten des Raynaud

Rheumatologie: Sklerodermie, Mixed Connective Tissue Disease, SLE, Dermatomyositis, RA

Hämatologie: Polyzythämie, Thrombozytose, Kälteagglutininkrankheit, Paraproteinämien, Thrombophilien, Kryoglobulinämie (z.B. bei Hepatitis B und C)

Angiologie: Thoracic-outlet-Syndrom, Thrombosen/Embolien, Thrombangitis obliterans, Karpaltunnelsyndrom


Diagnostisch gilt es zunächst nach Auslösern zu suchen: Bei Männern liegt es vor allem am Rauchen oder der Arbeit mit vibrierenden Maschinen bzw. Chemikalien (Vinylchlorid), bei Frauen eher an emotionalem Stress, familiärer Raynaud-Belastung oder Östrogenexposition, heißt es in einer aktuellen britischen Arbeit zum Thema.1

Bei einseitigem Raynaud an arterielles Kompressionssyndrom denken!

Auch zahlreiche Medikamente können Finger und Zehen erbleichen lassen. Fingerulzera, Gelenkschwellungen und Pulsdefizit dagegen weisen auf ein Grundleiden, z.B eine Kollagenose, hin. Bei streng einseitigem Raynaud ist ein arterielles Kompressionssyndrom auszuschließen, bei Vorhofflimmern eine Thromboembolie. Zudem verschlimmert Rauchen das Leiden, schreiben die britischen Kollegen.


Allerdings kann man auch bei fehlenden Zeichen für eine Ursache nicht sicher von einem primären Raynaud ausgehen, denn jeder zehnte Patient entwickelt später doch noch eine Grunderkrankung, unterstreicht Dr. Klein-Weigel. Entgegen bisherigen Annahmen eignet sich die Daumenbeteiligung ebenfalls nicht zur Differenzierung zwischen primär und sekundär.

Kapillarmikroskopie und ANAs als Hinweis für Kollagenose

Selbst die Aussagekraft von Hand- und Fingerarterienverschlüssen gilt diesbezüglich als unsicher. Um die Prognose abzuschätzen, haben sich die Kapillarmikroskopie und die Suche nach antinukleären Autoantikörpern bewährt, erklärt Dr. Klein-Weigel. Ein positives Ergebnis erhöht zusammen mit einem sklerodermiformen Kapillarmuster das Risiko für eine Kollagenose um den Faktor 60.


Allerdings gilt die Aussagekraft hinsichtlich Dermatomyositis, Lupus erythematodes und Phopholipidsyndrom als unsicher. Als nicht pharmakologische Basistherapie haben sich Allgemeinmaßnahmen wie Kälte meiden, Handwärmer und Entspannungsübungen bewährt. Die medikamentöse Therapie verfolgt verschiedene Ziele. Um Frequenz und Schweregrad der Attacken zu mindern, werden üblicherweise Kalziumantagonisten vom Dihydropyridin-Typ eingesetzt. Doch deren klinische Wirkung stuft Dr. Klein-Weigel als fraglich ein, ganz abgesehen von Problemen bei der Verträglichkeit. 

Folgende Allgemeinmaßnahmen werden empfohlen:

  • Starke Temperaturwechsel und Kälteexposition meiden
  • Hand- und Fußwärmer nutzen
  • Armkreisen („Windmühle“)
  • Hände in der Achselhöhle aufwärmen
  • Einkaufstaschen nicht an den Schlaufen tragen
  • Entspannungstechniken/Biofeedback
  • Rauchverzicht

 

M. Raynaud: Iloprost bei Fingergeschwüren

Zur Behandlung von Fingergeschwüren bei systemischer Sklerose bevorzugt die EULAR* Iloprost, ein intravenös appliziertes Prostacyclin-Analogon. Die Zahl neu auftretender Ulzera lässt sich mit Bosentan verringern. Der Endothelin-1-Antagonist reduziert Gefäßtonus, Zellproliferation und Gewebefibrose.


„Off-label“ werden auch Phosphodiesterase-5-Inhibitoren zur Therapie von akralen Ischämien und digitalen Ulzera eingesetzt. Tatsächlich zeigte eine Doppelblindstudie für Sildenafil und Tadalafil einen günstigen Effekt auf Ulzera. Bei therapierefraktären Fingergeschwüren gelingt die Abheilung unter der Kombination von PDE-5-Hemmer und Bosentan eventuell doch noch.

Botulinum-Toxin-A-Studie: Besserung der Fingergeschwüre?

Auch die Injektion von Botulinum-Toxin A in die Gefäßnervenbündel der Hand soll sich einer Metaanalyse zufolge positiv auf Fingergeschwüre auswirken. Allerdings hatten die ausgewerteten Studien erhebliche methodische Mängel, schreibt Dr. Klein-Weigel. 


Einen neuen Ansatzpunkt bieten möglicherweise Rho-Kinase-Inhibitoren und 5-HT2B-Blocker, entsprechende Studienergebnisse stehen allerdings noch aus. Der 5-HT/5-HT2B-Signal-Blocker ist bei der systemischen Sklerose das entscheidende Bindeglied zwischen Plättchenaktivierung, Gefäßschädigung und Gewebefibrose.
 

Arznei im Spiel?

Folgende Medikamente und Drogen können ein Raynaud-Phänomen triggern bzw. dieses verschlimmern:

  • Betablocker
  • Zytostatika
  • Ergotaminderivate
  • Östrogene
  • Clonidin
  • Sympathomimetika
  • Amphetamine
  • Kokain 

 

 

 
* European League against Rheumatism 1. Peter Klein-Weigel, Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 622-624 2. Beth Goundry et al., BMJ 2012; 344: 37-42

 

 

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