Montag, 27. April 2015

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Wie den Lymphabfluß wieder in Gang bringen?

Wie den Lymphabfluß wieder in Gang bringen?

28.06.2012
Von: Dr. Stefanie Kronenberger, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 19580
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Erfolgsstrategie gegen schwere Lymphödeme

Lymphödeme kommen bei ca 1,8 % der Deutschen und damit recht häufig vor. Bei sachgerechter Therapie kann man der Schwellung aber gut begegnen.


Lymphgefäße haben Klappen wie  Venen und entwickeln ähnlich wie Arterien eigene Pulsationswellen, um einen Lymphstrom in Richtung Herz zu generieren, erinnerte Professor Dr. Gerd R. Lulay vom Gefäß- und Lymphzentrum Nord-West in Rheine-Ochtrup auf dem Internistenkongress.


Das Lymphödem ist eine progrediente chronische Krankheit, die  aufgrund von Schädigungen des Lymphdrainagesystems, also der Kapillaren, Kollektoren, Lymphknoten und/oder der Lymphstämme entsteht. In der Folge vermehrt sich die interstitielle Gewebsflüssigkeit, Fett- und Bindegewebe nehmen zu und es werden Hyaluronsäure, Kollagen und Glykosaminoglykane eingelagert.


Lymphgefäßleiden und -ödeme gelten endlich auch vor dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung als eigenständige Erkrankungen und werden nicht mehr nur als Folge anderer Pathologien, wie zum Beispiel des Mamma- oder Prostatakarzinoms angesehen, betonte Prof. Lulay.

Stemmersches Zeichen beweist Lymphödem

Lymphödeme gibt es sowohl primär, z.B. bei Atresie/Aplasie oder Hypoplasie der Lymphgefäße. Sekundär kommt die Erkrankung etwa in der Folge von malignen Prozessen, Radiatio, Infektionen oder Traumen vor. Auch Venenentnahmen für einen Bypass können in einem Lymphödem münden. Dabei zählt das traumatische Lymphödem zu den benignen Formen, die in aller Regel reversibel sind.

Ein Lymphödem sollte früh behandelt werden, damit es nicht zu solch einer starken Gewebsvermehrung kommt.
Fotos: Prof. Gerd R. Lulay, Rheine

Durch intensive Therapie mit täglicher manueller Lymphdrainage gelingt es, ausgeprägte Ödeme zu reduzieren.

Mit Kompressionsstrümpfen und regelmäßiger Lymphdrainage lässt sich der Therapieerfolg erhalten.


Klinisch beweist das Stemmersche Zeichen ein Lymphödem: Über der zweiten Zehe lässt sich die Hautfalte nur schwer abheben. Dieser Test ist typischerweise schmerzarm. Außerdem sollte man die Ausprägung genau dokumentieren: Zunächst werden Lokalisation und Hautbeschaffenheit festgehalten. Sodann gilt es, den Umfang zu messen und das Volumen entweder annähernd über Umfang und Höhe zu errechnen oder photooptisch bzw. per Perometer genau zu vermessen.

An apparativer Diagnostik eignet sich die Sonographie zur Bestimmung der Dicke von Kutis und Subkutis. Mithilfe der Duplexsonographie lässt sich das oberflächliche und tiefe Venensystem des Patienten darstellen. Genaue Aussagen über den Lymphabfluss erlaubt die Funktionslymphographie. Der Stellenwert von MRT und CT in der Lymphdiagnostik wird derzeit  untersucht, berichtete der Experte. Beide Verfahren eignen sich auf jeden Fall zum Ausschluss maligner Prozesse.

Nässende Lymphfisteln ziehen Bakterien und Pilze an

Lipödem oder Lymphödem?Als Komplikation treten häufig Lymphfisteln auf. Sie bestehen aus Aussackungen von Lymphkapillaren, über denen die Haut ständig nässt. Diese Stellen bilden Eintrittspforten für Keime und es kommt nicht selten zum Erysipel oder zu Mykosen.


Als Papillomatosen bezeichnet man die typischen warzenförmigen Hautwucherungen beim Lymph­ödem. Daneben kommt es vermehrt zu Fibrosen und durch die Schwellung drohen Gehbehinderung und orthopädische Probleme.


Die leitlinienkonforme Basisbehandlung besteht aus den vier Komponenenten manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, entstauende Bewegungstherapie und Hautpflege, erklärte Dr. Manfred Klare von der Seeklinik Zechlin, einer lymphologischen Fachklinik.


Zu den Zielen der Behandlung gehören neben dem verbesserten Lymphabfluss und der Reduktion von Schwellung und Bindegewebevermehrung auch die Wiedereingliederung der Patienten in Schule, Ausbildung und Beruf. Die Maßnahmen sollen gleichzeitig einer Pflegebedürftigkeit vorbeugen und die Lebensqualität langfristig verbessern.

Spezielle Übungen zur Steigerung des Lymphabflusses

 

Die Therapie gliedert sich in zwei Phasen, erklärte der Experte. In der drei- bis sechswöchigen – meist stationären – Phase I erfolgt täglich eine manuelle Lymphdrainage und es wird eine Kompressionsbandage angelegt. Die Patienten erhalten außerdem eine Schulung und die Umfangsreduktion wird dokumentiert, berichtete Dr. Klare.


Phase II dient der Erhaltung des erzielten Therapieerfolges und erfolgt in der Regel ambulant. Jetzt tragen die Patienten statt der Bandagen flachgestrickte Kompressionsstrümpfe und erhalten mehrmals wöchentlich eine manuelle Lymphdrainage (als Dauerrezept außerhalb des Regelfalles verordnen). Die Kranken führen entstauende Übungen aus und halten die in der Schulung erlernten Regeln ein. Zusätzlich ist in bestimmten Fällen und zeitlich begrenzt, z.B. bei immobilisierten Patienten, die intermittierende pneumatische Kompression sinnvoll.

Die drei Stadien des Lymphödems

Stadium 0: Latenzstadium, keine klinischen Symptome

Stadium I: weiches, Dellen hinterlassendes spontan reversibles Ödem, Rückbildung der Schwellung bei Hochlagern der Extremität

Stadium II: mäßiges, Dellen hinterlassendes Ödem mit ausgeprägter Gewebeveränderung und Verhärtung, spontan irreversibel

Stadium III: elephantiastische Volumenentwicklung mit harter Gewebekonsistenz, entstellte Extremität, typische sekundäre Hautveränderungen mit Lymphfistel, Hyperkeratosen, Papillomatosen 

Lymphabfluss sechs Monate mangelhaft? Operation erwägen!

Wenn die vollständige konservative Therapie über mindestens sechs Monate erfolglos bleibt, kann man über chirurgische Maßnahmen nachdenken. Hier kommen die Rekonstruktion der Lymphbahnen oder eine Ableitung der Flüssigkeit auf extraanatomischem Weg infrage. Auch kann das pathologisch veränderte Gewebe, z.B. durch Liposuktion, teilweise reseziert werden.


Um die therapeutischen Möglichkeiten optimal zu nutzen, ist die Betreuung in Schwerpunktpraxen und die Nutzung von Netzwerken mit lymphologischen Abteilungen in der Klinik sinnvoll, so der dringende Appell von Dr. Klare.

 

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