Samstag, 31. Januar 2015

Fokus Medizin

Auch bei diesem Überbiss reicht eine kieferorthopädische Kurzintervention.
28.06.2011
Von: Dr. Stefanie Kronenberger, Fotos: Dr. Henning Madsen
Artikel Nummer: 17756
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Kieferorthopädie - Schützen Sie Kinder vor der Zahnfolter!

Kreuz und quer im Mund stehende Zähne sind kein schöner Anblick. Aber sind sie auch gesundheitlich bedenklich? Alles Quatsch, meint der Experte.


Lediglich 5 % der Menschen haben von Natur aus gerade und schöne Zähne. Die Aufgabe des Kieferorthopäden ist es, die anderen 95 % dem Ideal des gleichmäßigen Gebisses zu nähern, erklärte der in Ludwigshafen niedergelassene Kieferorthopäde Dr. Henning Madsen auf der 24. Fortbildungsveranstaltung „Pädiatrie zum Anfassen“.


Nun stellt sich aber die Frage, ab wann eine solche Abweichung vom Mittelwert mit gesundheitlichen Schäden verbunden ist. Bei 5 % der Bevölkerung besteht ein kieferorthopädischer Befund, der als Krankheit oder Fehlbildung betrachtet werden kann. Hierunter zählen der frontale und der seitliche Kreuzbiss sowie der große Überbiss, bei dem der Mund nur mit Mühe geschlossen werden kann und die Schneidezähne immer „luftgekühlt“ sind. Dazu kommen extreme, schon dem Laien auffällige Abweichungen, meinte der Experte.

Karies entsteht selten durch Fehlstellungen

Bei der Korrektur aller anderen Normabweichungen arbeiten die Kieferorthopäden nach der Devise: Schönheit ist gut, ein gesundheitlicher Nutzen ist aber kaum nachzuweisen, wie Dr. Madsen anhand der ohnehin dünnen Literaturdaten zeigte.


Als Erstes ging er der Frage nach, ob Zahnfehlstellungen mit Karies einhergehen. In einer Studie mit fast 9000 Kindern fand sich im Milchgebiss keine und im Wechselgebiss nur eine schwache Korrelation zwischen seitlichem bzw. frontalem Kreuzbiss und Karies. In einer Longitudinalstudie mit 176 Teilnehmern korrelierte Karies nur schwach mit einem großen Überbiss und Front-Engständen und mit einer Malokklusion zeigte sich gar kein Zusammenhang.

Nur Kreuzbiss korreliert mit Gesichtsschmerz

Insgesamt fiel die Assoziation zwischen Karies und Zahnstellung umso geringer aus, je höher die methodische Qualität der Studien war. Für die Parodontose ergab keine der verfügbaren Veröffentlichungen einen Einfluss okklusaler Faktoren, berichtete der Referent.

Bei einem kleinen Kind mit frontalem Kreuzbiss favorisiert Dr. Madsen eine Kurzintervention mit einer festen Spange für drei Monate.

Drei Jahre später ohne weitere Intervention – inzwischen hat das Kind seine bleibenden Frontzähne – sieht das Gebiss sehr gut aus.


Andere Arbeiten beschäftigten sich mit einem möglichen Zusammenhang zwischen muskuloskelettalen Gesichtsschmerzen (Temporomandibular Disorders/TMD) und Malokklusion. Auch hier zeigte sich, dass eine kieferorthopädische Behandlung nicht als Prävention für die TMD begründbar ist, nur für den einseitigen Kreuzbiss war eine Korrelation zu TMD nachweisbar. Für andere kieferorthopädische Erkrankungen erscheinen Wechselwirkungen zwar teilweise plausibel, belastbare epidemiologische Daten dazu aber gibt es nicht, klinische Studien schon gar nicht.

Begünstigen Zahnfehlstellungen auch Sprachfehler?

Häufig wird als Begründung für eine kieferorthopädische Therapie angeführt, dass vorstehende Zähne in erhöhter Verletzungsgefahr schwebten. Dies haben Studien auch teilweise bestätigt. Allerdings erleiden die Kinder gesichtsrelevante Traumen häufig im Vor-und Grundschulalter. Die Kieferorthopädie kommt da meist zu spät.


Eine schwache negative Korrelation zwischen Malokklusion und Kaueffizienz wurde zwar nachgewiesen, ein Zusammenhang mit dem BMI der Kinder aber nicht gefunden. Ob Lispeln oder andere Sprachfehler durch schiefe Zähne bedingt werden, wird unterschiedlich beurteilt. Hierzu gibt es allerlei bestätigende oder dementierende Aussagen. Diese sind aber alle als Meinungsäußerungen zu werten, denn wissenschaftliche Daten liegen nicht vor, erklärte Dr. Madsen.

Schwache Evidenz für Atemstörungen und psychosoziale Indikation

Was die Atmung betrifft, werden viele Erkrankungen gern auf Malokklusion zurückgeführt. Und ein Zusammenhang z.B. zur Mundatmung erscheint manchmal plausibel, aber die Evidenz ist widersprüchlich.

Klassischer Überbiss

Nach der Behandlung mit einer festen Apparatur
stehen die Zähne nach 20 Monaten gerade.


Bleibt noch die Psyche. Die Auswirkungen von schiefen Zähnen auf Selbstbewusstsein, Körpergefühl und soziale Interaktion werden z.B.  mit dem OHrQoL* beurteilt. Hier finden sich schwache Korrelationen, sodass sich eine psychosoziale Indikation damit eventuell begründen lässt.

Meist steht die Kosmetik im Vordergrund

Die Meinung von Dr. Madsen, dass bei der überwiegenden Mehrzahl kieferorthopädischer Behandlungen nicht die Gesundheit, sondern die Kosmetik im Vordergrund steht, ist durchaus keine Außenseiterposition. In wissenschaftlichen Kreisen sei es eigentlich Konsens, dass Zahnfehlstellungen – mit wenigen Ausnahmen – kein gesundheitliches Problem darstellen, sondern ein ästhetisches, so der Kollege.


So schreiben schwedische Wissenschaftler im „Schwedischen Dentaljournal“, die Beziehung zwischen Zahnfehlstellungen und gesundheitlichen Probleme sei so schwach, dass Kinder nicht vor der Pubertät behandelt werden sollten. Denn jüngere Patienten haben noch kein Bewusstsein für die eigene Ästhetik und sind, solange sie nicht gehänselt werden, mit ihrem Ausse­hen eigentlich zufrieden. Daher ist die Entscheidung zur Intervention nicht vom Arzt zu tragen, sondern vom Patienten selbst. „Wir können nur erklären, was man machen kann.“

Kieferwachstum lässt sich kaum beeinflussen, Kurzintervention ausreichend

Da eine echte Beeinflussung des Kieferwachstums nur in ganz geringem, klinisch nicht bedeutsamem Umfang möglich ist, bringt eine frühe Intervention keine Vorteile. Werden z.B. im Kampf gegen den Platzmangel die Zahnbögen gedehnt, so liegt die Rezidivrate bei fast 100 %. Daher bringt die oft jahrelange, in vielen Fällen eine halbe Kindheit dauernde Behandlung keine Vorteile, so der Kieferorthopäde.


Er plädiert für Kurzinterventionen von etwas unter zwei Jahren. Die Behandlung sollte nach Ansicht Dr. Madsens in der Regel mit einer festen Spange erfolgen, da diese die besten Ergebnisse bringt. Begonnen wird idealerweise zur Zeit des  frühen bleibenden oder des späten Wechselgebisses, also im Alter von zehn bis zwölf Jahren.

Keine Altersgrenze für Kieferinterventionen

Allerdings muss der Patient wissen, dass die kieferorthopädische Behandlung auch später möglich ist, eine Altersgrenze gibt es nicht. Regelmäßiges Screening und kieferorthopädische Prophylaxe, manchmal schon für Kleinkinder empfohlen, sind Unsinn. Frühbehandlungen sind mit ganz wenigen Ausnahmen fragwürdig und kaum evidenzbasiert. Wenn solche Vorschläge dennoch gemacht werden, vermutet Dr. Madsen primär wirtschaftliche Motive.


*Oral Health related Quality of Life

 

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