Donnerstag, 18. Dezember 2014

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Barorezeptoren am Hals diagnostisch und therapeutisch nutzen.

Barorezeptoren am Hals diagnostisch und therapeutisch nutzen.

26.05.2012
Von: Dr. Andrea Wülker, Foto: BilderBox
Artikel Nummer: 19364
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Welcher Karotissinus braucht Massage?

Übt man Druck auf die Halsschlagader aus, sinkt die Herzfrequenz. Wie kann man diesen Mechanismus sinnvoll nutzen?


An der Karotisbifurkation sitzen Barorezeptoren, die Informationen über den Blutdruck an zentrale Neurone in der Medulla oblongata übermitteln. Manueller Druck auf diese Barorezeptoren bewirkt eine Vagusstimulation: Es kommt zur peripheren Vasodilatation mit kurzfristigem Druckabfall. Die Sinusknotenfrequenz wird vorübergehend verlangsamt und die AV-Überleitungszeit verlängert, schreiben A. Sundermeyer von der Medizinischen Klinik I des Helios Klinikums Krefeld und Kollegen in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“.

Asystolie und starker Blutdruckabfall bei Karotissinussyndrom

Kommt es unter der Karotissinusmassage zu einer Asystolie über mehr als drei Sekunden und/oder zu einem Blutdruckabfall > 50 mmHg, liegt ein hyperaktiver Karotissinus vor. Von einem Karotissinussyndrom spricht man bei Asystolie über drei Sekunden und/oder Blutdruckabfall > 50 mmHg mit Synkope.

Als Indikationen für die Karotissinusmassage (CSM) gelten:
• Abklärung von Synkopen bei Verdacht auf Karotissinussyndrom
• Akuttherapie und differenzialdiagnostische Klärung einer supraventrikulären Tachykardie


Die CSM sollte unter fortlaufender EKG-Aufzeichnung und kontinuierlichem Blutdruck-Monitoring erfolgen. Neueren Leitlinien zufolge massiert man den Karotissinus nacheinander auf beiden Seiten „kraftvoll“ am Vorderrand des M. sternocleidomastoideus auf Höhe des Ringknorpels für jeweils zehn Sekunden. Zwischen den Massagen soll eine Pause von ein bis zwei Minuten eingehalten werden.


Wichtig: Die Karotissinusmassage wird zunächst am liegenden Patienten vorgenommen und anschließend noch einmal in aufrechter Position. Warum? In bis zu 30 % der Fälle lässt sich ein hyperaktiver Karotissinus nur in aufrechter Position nachweisen.

Nur unter EKG-Kontrolle massieren!

• Wenn es um die Abklärung von Synkopen geht, sollte die Karotissinusmassage erst am Ende der diagnostischen Kette stehen. Zuvor ist eine Karotisstenose duplexsonographisch auszuschließen. Grundsätzlich sollte die Massage unter kontinuierlicher EKG-Aufzeichnung und nur von einem erfahrenen Arzt vorgenommen werden.

• Liegt eine supraventrikuläre Tachykardie vor, muss vorab das individuelle Risiko des Patienten abgeschätzt werden. Wenn nötig, darf jeder in der Methode erfahrene Arzt die Tachykardie mit einer Karotissinusmassage unter EKG-Kontrolle beenden – auch ohne vorherige apparative Karotisdiagnostik.


Kontraindiziert ist die Massage bei Patienten, die in den vergangenen drei Monaten eine transitorische ischämische Attacke oder einen Schlaganfall hatten. Auch Strömungsgeräusche über den Karotiden gelten als Kontraindikation – es sei denn, signifikante Stenosen wurden mittels Duplexsonographie ausgeschlossen.

Schlaganfall-Gefahr nicht unterschätzen bei der Karotismassage

Ganz ungefährlich ist die Karotissinusmassage nicht. In der Literatur wurden immer wieder Fälle publiziert, bei denen es nach CSM zu supraven­trikulären oder ventrikulären Rhythmusstörungen oder zu neurologischen Komplikationen kam. Letztere sind mit einer Rate von < 1 % zwar selten, können aber bleibende Schäden hinterlassen.


Doch gibt es Alternativen zur CSM? Als Initialbehandlung paroxysmaler supraventrikulärer Tachykardien bieten sich andere vagale Stimulationsverfahren an, z.B. kaltes Wasser trinken, Gesicht in kaltes Wasser tauchen, Valsalva-Manöver. Auch rhythmisierende Medikamente wie Adenosin i.v. kommen in Betracht. Zudem kann eine elektrische Kardioversion die Rhythmusstörung beenden.


A. Sundermeyer et al., Dtsch Med Wochenschr 2012; 137: 133-137

 

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