Die Übergewichtsepidemie hat inzwischen auch Kinder und Jugendliche in erschreckendem Aus-maß erfasst. In vielen europäischen Ländern schleppt jedes fünfte Kinder zu viele Pfunde mit sich herum, in Südeuropa sogar jedes dritte. Professor Dr. Martin Wabitsch von der Uniklinik Ulm geht davon aus, dass diese Zahlen in den nächsten Jahren noch deutlich steigen werden.
Übergewicht bei Kindern ist zunächst ein medizinisches Problem, das mit einer Vielzahl von Folgeerkrankungen einhergeht, angefangen von Bluthochdruck und erhöhten Blutfettwerten bis hin zu Diabetes und orthopädischen Problemen. „Typische Zivilisationskrankheiten, die wir aus der Erwachsenenmedizin kennen, diagnostizieren wir jetzt bereits bei Kindern und Jugendlichen“, warnt Wabitsch.
Doch nicht nur der Körper leidet unter den Pfunden. Fettwanst, Speckbauch oder Klops – Beschimpfungen und Ausgrenzungen sind an der Tagesordnung. Die ständigen Demütigungen und Vorurteile nagen am Selbstwertgefühl – oft bleibt als Trost nur Essen, ein Teufelskreis beginnt.
Den Einfluss von „Werbung und Marketing ungesunder Lebensmittel für Kinder in Europa“ zeigt ein Bericht auf, den das European Heart Network im April 2005 veröffentlicht hat. Danach werden Kinder von einigen Fernsehsendern pro Stunde mit bis zu 20 Werbespots für Lebens- und Genussmittel – meist mit viel Fett und Zucker – bombardiert. Mit gutem Grund fordert Prof. Wabitsch daher: Verbraucherschutz für Kinder! Es sollten Regeln etabliert werden, die Werbespots, in denen energie- und fettreiche Kinder-Nahrungsmittel angepriesen werden, sowie deren Verkauf überall dort, wo sich Kinder aufhalten, einschränken.
Kinder, die regelmäßig alleine essen, sind deutlich häufiger übergewichtig als Kinder, die gemeinsam mit der Familie essen. Und: Bei Kindern, die im Schnitt fünf und mehr Mahlzeiten pro Tag essen, tritt Übergewicht um 40 Prozent seltener auf. Natürlich spielt auch unser „Schlaraffenland“ eine Rolle, in dem alles überall und zu jeder Zeit zur Verfügung steht – eine Einflussgröße, die nach Meinung von Anja Kroke vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund wahrscheinlich unterschätzt wird. Die Ärztin rechnet vor: Ein Nahrungsüberschuss von 55 Kilokalorien pro Tag führt innerhalb von 12 Monaten zu einer Gewichtszunahme von zwei Kilogramm. 55 Kalorien sind schnell zusammen, sie stecken bereits in acht Gummibären, einer Handvoll Chips oder einem Riegel Kinderschokolade.
Außerdem sind die Portionsgrößen gewachsen – „Pommes satt“ und Sonderangebote im Kingsize-Format, wohin man schaut. Auch die Energiedichte unseres Essens hat zugenommen – Kartoffeln enthalten in Form von Pommes frites fast viermal so viel Kalorien wie „natur“. Ein steigender Fettanteil in der Nahrung führt bei normal-gewichtigen wie auch bei übergewichtigen Kindern zu einer höheren Fettablagerung im Körper – eine kohlenhydratreiche Ernährung hingegen bremst das Auffüllen der Fettdepots. Babyspeck wächst sich nicht aus: 45 Prozent der mit sechs Jahren übergewichtigen Kinder bleiben es auch, 85 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen werden dicke Erwachsene. Um den Kindern lebenslängliches Leid und Gewichtsprobleme zu ersparen, ist es deshalb wichtig, früh die Notbremse zu ziehen.
Zunächst muss geklärt werden: Bringt das betreffende Kind nur ein paar Pfund zu viel auf die Waage oder ist es bereits fettleibig? Eltern neigen dazu, Gewichtsprobleme ihrer Sprösslinge zu unterschätzen. Deshalb besser den Body-Mass-Index ausrechnen: BMI-Rechner speziell für Kinder und Jugendliche gibt es im Internet!
Ernährungsmedizinerin Dr. Petra Renner-Weber aus Wöllstein bezieht in ihre Beratung neben dem Bewegungs- und Ernährungsverhalten immer auch die familiäre und die schulische Situation mit ein. Um sich ein Bild von den Essgewohnheiten des Kindes zu machen, fragt sie, ob es frühstückt, regelmäßige Mahlzeiten einnimmt, Schulverpflegung bekommt und wie es mit dem Pausenbrot steht. Dazu kommt ein Sieben-Tage-Ernährungsprotokoll, das die Kinder schon vor der ersten Beratung ausfüllen. Die Ernährungsberatung für Kinder, die meist auch von den Krankenkassen bezuschusst wird, umfasst fünf Beratungseinheiten von jeweils 45 Minuten. Auf gar keinen Fall dürfen Kinder auf eine bestimmte Diät gesetzt werden, die vorschreibt, wie viel sie wann zu essen haben, warnt Dr. Renner-Weber. Vielmehr geht es darum, eine Ernährungsumstellung hin zu einer sinnvollen Mischkost zu erreichen. Wichtige Bausteine dabei sind möglichst energiearme Lebensmittel, angefangen bei Mineralwasser oder Früchte- und Kräutertees über Vollkornprodukte bis hin zu Obst und Gemüse.
Das können sich sowohl Kinder als auch Eltern leicht merken: Eine Portion Gemüse entspricht der geballten Faust des Kindes und eine Portion Obst ist so viel, wie in die Kinderhand passt. Auf diese Weise können sich die Kinder zu Hause zwischen den Beratungseinheiten sehr gut selbst kontrollieren.
Das Thema Süßigkeiten lässt sich bei den meisten Kindern nicht ausklammern. Aber sprechen Sie bitte bloß keine Verbote aus! Die reizen die Kinder nur zum Übertreten.
Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Unterstützung der Eltern. Ohne ihren Ansporn und ihre Hilfe klappt die Umstellung von Ernährung und Bewegungsverhalten nie. Idealerweise leben die Eltern den neuen Lebensstil selbst vor.
Machen Gene dick?
In der Regel haben übergewichtige Kinder mindestens ein übergewichtiges Elternteil. Meistens sind mehrere Gene beteiligt. Im Fokus der Wissenschaft stehen derzeit Single Nucleotide Polymorphisms, kurz SNPs. Dabei handelt es sich um kleine Veränderungen innerhalb eines DNA-Strangs. Der Forschergruppe Molekulare Ernährung der Uni Kiel ist es jetzt gelungen, SNPs für über 200 Risikogene für Übergewicht und Folgeerkrankungen zu identifizieren. Dabei konnten Wechselbeziehungen zwischen SNPs ("Snips" gesprochen), Ernährung und Lebensstil nachgewiesen werden.
Einflussfaktoren rund um die Geburt und Säuglingsalter erforscht der Wissenschaftler Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital in München. Er stellte fest: Kinder von Müttern, die im ersten Drittel der Schwangerschaft geraucht haben, sind im Schulalter mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit stark übergewichtig wie Sprösslinge von Nichtraucherinnen. Auch konnte er zeigen, dass Stillen das Risko, später dick zu werden, deutlich senken kann.
gesundekids.de - 10 Tipps für gesunde Kinder
Quelle: www.gesundkids.de. Eine Initiative zweier Rotary-Districts gegen falsche Ernährung bei Kindern
Mehr Infos zu diesem Thema finden Sie unter:
www.dge.de
Deutsche Gesellschaft für Ernährung
www.fke-do.de
Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund
BMI-Rechner speziell für Kinder und Jugendliche:
www.bzga-kinderübergewicht.de oder www.mybmi.de