Trainiertes Immunsystem
Hilft die Wurm-Kur gegen Entzündungen im Darm?
Medical Tribune Bericht
Den so genannten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa liegt eine Fehlsteuerung des Immunsystems zugrunde, die dazu führt, dass körpereigene Gewebe irrtümlich als fremd erkannt und attackiert werden. Mit ein Grund dafür: die hervorragende Hygiene, die dem Immunsystem viele Auseinandersetzungen erspart (siehe Kasten).
Wenn dem so ist, könnte eine „biologische“ Behandlung doch vielleicht die Dinge wieder gerade rücken – dieser Gedanke steckt hinter Versuchen, den Darmentzündungen durch den Verzehr von Wurmeiern Paroli zu bieten. Ein Team von amerikanischen Forschern um Joel Weinstock von der Universität Iowa hat die Wurmkur mit dem Schweinepeitschenwurm Trichuris suis entwickelt.
Schluckt man die Eier, können im Darm zwar Würmer daraus schlüpfen, sie können sich aber nicht vermehren und lösen deshalb auch keine Infektion aus. In einigen kleinen Studien der Amerikaner wurde die Krankheitsaktivität durch Einnahme von 2500 Wurmeiern alle zwei Wochen deutlich gebremst. Allerdings seien die Ergebnisse bisher noch nicht von anderen Forschungsgruppen bestätigt worden, gibt Professor Gerhard Rogler vom Universitätsklinikum Regensburg zu bedenken. Die Arbeitsgruppe von Joel Weinstock vermarktet das Verfahren selbst, hat also Interessen am Erfolg.
Außerdem sind noch viele weitere Fragen ungeklärt, etwa die nach der richtigen Dosierung, der Wiederholbarkeit, wenn die Symptome erneut auftreten, der Herstellung, Haltbarkeit und Reinheit der Präparate. Letzteres scheint durchaus Probleme zu machen – Anwender eines Wurmpräparates berichteten, die Lösung habe plötzlich nach Seife geschmeckt und Durchfälle ausgelöst. Nicht zuletzt ist nicht auszuschließen, dass mit den Wurmeiern Krankheitserreger vom Schwein auf den Menschen übertragen werden können.
Derzeit sollten Betroffene die Präparate, die in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sind, deshalb lieber nicht anwenden. Denn diese Präparate haben keine Zulassung als Arzneimittel und müssen nicht auf Sicherheit, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft sein. Darmkranke sollten sich vielleicht lieber in Geduld üben, bis ein echtes Wurmei-Arzneimittel auf den Markt kommt.
Irrweg des Immunsystems
Das menschliche Immunsystem ist bei der Geburt nicht ausgereift, sondern muss sich entwickeln. Das geschieht im Kontakt mit Fremdem – chemischen Stoffen, Krankheitserregern, Menschen, Tieren. Gegen Krankheitserreger gibt es zwei Reaktionsmuster: eines, das Bakterien, Pilze und Viren unschädlich macht, und eines, das Parasiten bekämpft. Diese Variante wird heute kaum noch benötigt, da gute Hygiene Parasiteninfektionen weitgehend ausgeschaltet hat. Das führt aber dazu, dass das Immunsystem auf harmlose Fremdlinge übermäßig aggressiv reagiert – bei allergischen Erkrankungen – oder dass es körpereigene Gewebe angreift – bei so genannten Autoimmunerkrankungen, zu denen auch die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören.



