Aids 2007: Schwangerschaft

Schwanger und infiziert mit HIV

Medical Tribune Bericht

Ist eine HIV-Infektion ein Grund zum Schwangerschaftsabbruch? Nicht zwangsläufig. Während in Deutschland noch Anfang der 90er-Jahre von acht Babys HIV-infizierter Frauen eines infiziert zur Welt kam – also auch damals die meisten ohne das Virus im Blut geboren wurden –, liegt das Risiko einer Übertragung heute bei unter zwei Prozent.

Und immer wieder kommt es vor, dass Frauen erst bei der Schwangerschaftsvorsorge erfahren, dass sie HIV-infiziert sind. „Das ist eine extrem belastende Situation – die Frau muss mit der HIV-Diagnose fertig werden, macht sich Sorgen um ihr Kind und gleichzeitig muss man innerhalb kürzester Zeit aktiv werden“, sagt Dr. Annette Haberl vom HIV-Center der Universität Frankfurt am Main.Eine Sorge immerhin kann man den Frauen nehmen: dass ihr Kind innerhalb weniger Jahre als mutterlose Aids-Waise aufwachsen wird. Denn die modernen Behandlungsmethoden haben die HIV-Infektion zu einer chronischen Krankheit gemacht, mit der man 30 Jahre und länger leben kann.

Therapie nur bei Bedarf

Ob die werdende Mutter eine gegen das Virus gerichtete Behandlung benötigt, wird in Deutschland nach denselben Kriterien entschieden wie bei jedem anderen HIV-Infizierten auch: Sind die Immunzellen bereits unter eine kritische Grenze gesunken? Ist die Viruslast im Blut sehr hoch? Dann sollte behandelt werden, wobei nur wenige Aids-Medikamente nicht zum Einsatz kommen dürfen. Die Frauen müssen aber auf jeden Fall regelmäßig zur ärztlichen Untersuchung gehen.

Die sogenannte „Transmissionsprophylaxe“ dient dazu, das Risiko der Virusübertragung auf das Baby so weit wie möglich zu senken – völlig ausschließen lässt sie sich nie. Dazu erhalten auch Frauen, bei denen das vom Infektionsstatus her noch nicht nötig wäre, in den letzten zwei Schwangerschaftsmonaten Aids-Medikamente in einer Dreierkombination. Die Entbindung erfolgt immer per Kaiserschnitt zwei bis drei Wochen vor dem errechneten Termin. Nach der Geburt erhält das Neugeborene zwei bis vier Wochen lang ebenfalls ein Aids-Medikament. Gestillt werden darf das Kind nicht.

Kinderwunsch erfüllen

Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist heute für HIV-Trägerinnen also kein Tabu mehr. Seit Ende der 90er-Jahre wird an der Universität Frankfurt deswegen eine Sprechstunde für HIV-Infizierte angeboten, „die sich den Wunsch lange verkniffen haben, aber mit den neuen Therapien wieder Vertrauen in ihre Zukunft gewonnen haben“, wie Dr. Haberl sagt. Nach ihrer Erfahrung haben diese Frauen ein hohes Verantwortungsbewusstsein.

Da das Kind nicht auf natürlichem Wege gezeugt werden kann, ohne den Partner zu gefährden, raten Experten zur künstlichen Befruchtung oder zur sogenannten Selbstinsemination, bei der das Sperma mit einem Kondom aufgefangen und dann in die Scheide eingebracht wird. Ist dagegen der Mann HIV-infiziert und die Frau nicht, kann das Sperma mit speziellen Techniken aufbereitet und das Übertragungsrisiko so auf einen winzigen Rest gesenkt werden. HIV-infizierte Frauen und Männer sind allerdings häufig weniger fruchtbar als Gesunde, sodass der Kinderwunsch vielfach ohnehin nur durch künstliche Befruchtung erfüllt werden kann.

Frauen scheinen hier allerdings in einer schlechteren Position zu sein, so Ulrike Sonnenberg-Schwan vom Frauen-Gesundheits-Zentrum München, die seit vielen Jahren HIV-infizierte Frauen betreut: Reproduktionsmedizinische Zentren in Deutschland sind offenbar eher bereit, Paare zu behandeln, bei denen der Mann HIV-infiziert ist.

MTPub, Ausgabe 03 / 2007 S.44, Manuela Arand (Ärztin)

Kommentare zum Artikel

#1Schwanger und infiziert mit HIV

Medical Tribune / 28.11.07 21:14
Ist eine HIV-Infektion ein Grund zum Schwangerschaftsabbruch? Nicht zwangsläufig. Während in Deutschland noch Anfang der 90er-Jahre von acht Babys HIV-infizierter Frauen eines infiziert zur Welt kam – also auch damals die meisten ohne das Virus im Blut geboren wurden –, liegt das Risiko einer Übertragung heute bei unter zwei Prozent.