Aids 2007: Drogensucht
„Substitutionsprogramme sind der Schlüssel“
Medical Tribune Bericht
Wer Drogen spritzt, riskiert eine HIV-Infektion, das ist seit Langem bekannt. Deswegen gibt es eine Reihe von Konzepten, um das Übertragungsrisiko zu verringern. Haben Sie den Eindruck, dass diese Konzepte greifen?
Dr. Backmund: Das Infektionsrisiko liegt ja nicht in der Droge selbst, sondern in der gemeinsamen Benutzung von Spritzen. Um dieses Ansteckungsrisiko zu verringern, versucht man also, die Häufigkeit des Spritzengebrauchs zu verringern. Substitutionsprogramme mit den Medikamenten Methadon, Levomethadon und Buprenorphin, die oral verabreicht werden, spielen eine ganz große Rolle. Denn sie bringen die Patienten zum Arzt. Und sie helfen auch dann, wenn ein Drogenabhängiger bereits infiziert ist: Wer in einem Substitutionsprogramm ist, sieht den Arzt regelmäßig und bekommt sein Methadon eben erst, wenn er die antiretroviralen Medikamente genommen hat. Die Therapietreue ist bei solchen Patienten sogar besser als bei Nicht-Drogenabhängigen. Was das für einen Unterschied macht, sehen Sie zum Beispiel in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen solche Programme lange verboten waren. Dort sind 90 Prozent der Drogenabhängigen HIV-infiziert, eine Katastrophe. In Deutschland sind es gerade mal um 5 bis 10 Prozent.
Welche Rolle spielen Spritzenaustauschprogramme?
Dr. Backmund: Eine sehr wichtige! Sie senken das Übertragungsrisiko nachweislich erheblich. Viele Drogenabhängige sind nicht nur mit HIV, sondern auch mit Hepatitis C infiziert und dieser Erreger ist so virulent, dass Spritzenaustausch nicht reicht – es muss jedes Mal ein komplett frisches Besteck benutzt werden. Die Kampagnen, die das propagieren, sind relativ erfolgreich.
Drogenabhängige sind also durch Aufklärungskampagnen erreichbar? Die landläufige Vorstellung, sie hätten nur den nächsten Schuss im Kopf, stimmt so nicht?
Dr. Backmund: Die stimmt so nicht. Man kann auch drogenabhängige Patienten zu einem verantwortungsvollen Verhalten bringen – wie gesagt, der Schlüssel ist in diesen Fällen die Substitutionsbehandlung, bei der man den Patienten täglich sieht und auch ein persönliches Verhältnis zu ihm aufbauen kann. Wenn die Patienten in der Substitution sind, stehen die Erfolgschancen auch der Infektionstherapie sehr gut. Die Patienten, die an Aids sterben, sind jene Drogenabhängigen, die nicht oder zu spät in die Substitution kommen.
Worin unterscheidet sich die Behandlung der HIV-Infektion bei Suchtkranken von der Behandlung anderer Patienten?
Dr. Backmund: Bei Suchtkranken muss man besonders auf Wechselwirkungen mit den Medikamenten achten, außerdem müssen die Behandlungsmodalitäten einfach sein, mit nicht mehr als zwei Medikamenteneinnahmen pro Tag, möglichst nur einer.
Was müsste aus Ihrer Sicht noch geschehen, um die Situation von drogenabhängigen Patienten zu verbessern?
Dr. Backmund: Suchtkranke werden von der Gesellschaft immer noch extrem diskriminiert. Viele denken: Der muss ja nur wollen, dann schafft er es auch aufzuhören. Das Verständnis, dass in diesen Fällen eine schwere psychische Erkrankung vorliegt, fehlt vollkommen. Diese Vorurteile machen es schwierig, an die Abhängigen überhaupt heranzukommen. Als Arzt, der in der Therapie Medikamente aus dem Betäubungsmittelbereich verabreicht, unterliegt man sehr großen juristischen Auflagen; das dürfte mit dazu beitragen, dass immer weniger Ärzte sich überhaupt dazu bereitfinden.
Und es herrscht auch immer noch die Vorstellung, dass Drogenabhängige grundsätzlich verwahrlost und haltlos sind. Dabei gibt es gar nicht wenige, die relativ normal leben und erfolgreich ihrem Beruf nachgehen. Heroin allein macht weder asozial noch krank – es sind immer die Umstände.



