Schluss mit Pommes und Burger
Experte fordert Verbot für ungesundes Essen
Medical Tribune Bericht
Professor Dr. Torben Jørgensen vom Universitätshospital Glostrup, Dänemark, hat nichts dagegen, Menschen zu ihrem eigenen Wohl zu bevormunden. Wie gesund höhere Gewalt in Sachen Kalorienzufuhr wirkt, haben „Naturexperimente“ gezeigt – die teilweise unter bitteren Umständen zustande kamen. Das Hungern der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg ist nur ein Beispiel dafür. Ebenso die Armut in Kuba in den 90er-Jahren nach dem Fall des Sowjet-Regimes: Die Pro-Kopf-Energiezufuhr in der Bevölkerung schrumpfte von im Mittel 2800 kcal auf 1800 kcal täglich. Da obendrein das Benzin knapp war, verdoppelte sich durch Zufußgehen die körperliche Aktivität. Als Folge resultierte ein eindrucksvoller Rückgang von Diabetes, Koronarer Herzkrankheit (KHK) und kardiovaskulären Todesfällen.
In Finnland greift das Fettverbot schon
Auch aktuelle Gesundheits-Gesetzgebung hat ihre Schlagkraft bewiesen, argumentierte der Mediziner weiter. In Finnland gelang es durch drastische Reduktion gesättigter Fette in Nahrungsmitteln, die KHK-Sterblichkeit um weit über 50 % zu senken. Einzelne Länder warten zudem mit großen Erfolgsmeldungen zum Rauchverbot auf: Der Anti-Qualm-Feldzug wirkt sich schon nach kurzer Zeit in Form verminderter Herzinfarktraten aus. Und als einziges Mittel, fettbedrohte Kinder vor Herz- und Gefäßkrankheiten zu schützen, sieht Prof. Jørgensen „School Policies“ mit den Schwerpunkten Diät und Aktivität.
Die bevölkerungsbasierte KHK-Vorbeugung hat nach Darstellung des Experten eine Reihe von Vorteilen: Sie packt das Problem an der Ursache, sie ist verhaltensbezogen und sie zielt auf den Gruppeneffekt: Das Individuum ist Teil der Gesellschaft und keiner steht gern außerhalb – z.B. indem er als Einziger Diät macht, nicht raucht, nicht trinkt. Hinzu kommt, dass von oben diktierte Maßnahmen es den Menschen einfach machen („making the best choice the easiest“): Wenn ohnehin nur gesundes Essen im Angebot steht, muss man beim Einkaufen gar nicht lang nachdenken.
Nachteile gebe es natürlich auch, räumte der Arzt ein: Der Profit des Einzelnen – ebenso wie die Motivation für die Arzt-Patient-Beziehung – sei geringer als bei individueller Risikofaktorbekämpfung. Außerdem biete der bevölkerungsbasierte Ansatz weniger Verdienstmöglichkeiten für die Industrie.
75 % der Herztodesfälle sind leicht vermeidbar
Prof. Jørgensens Resümee: Es ist kein Naturgesetz, dass Herz-Kreislauf-Krankheiten an der Spitze der Todesursachenstatistik stehen. 75 % der kardiovaskulären Todesfälle seien vermeidbar – und zwar schon mit kleinen Drehungen an den Risikofaktor-Schräubchen –, „es ist eine Wahl, eine politische Wahl“.
Sein Kontrahent Professor Dr. Guy de Backer von der Universität Gent vertrat die Auffassung, dass die Politik allein das Problem nicht lösen könne. Er brach eine Lanze für intensives, individuelles Risikofaktoren-Management, das einzelne High-Risk-Kandidaten besonders ins Visier nimmt. Patienten arbeiteten bei Vorbeugungsmaßnahmen besser mit und seien motivierter, wenn ein Arzt sich mit ihnen auseinandersetzt und ein maßgeschneidertes persönliches Therapiekonzept bastelt.
Individuelle Strategien wirksamer als Verbote
Dies sei auch kosteneffektiver und zeichne sich durch ein besseres Verhältnis von Aufwand/Risiko und Nutzen aus. Laut Prof. de Backer sollte man deshalb den Schwerpunkt auf individuelle Strategien setzen – vor dem Hintergrund „Lebensstilmaßnahmen für alle“. Bei Patienten mit höherem Risiko komme man in den meisten Fällen um eine medikamentöse kardiovaskuläre Vorbeugung ohnehin gar nicht herum.
Dem individuellen Ansatz dürfe man nicht so viel zutrauen, widersprach Prof. Jørgensen nachdrücklich – zumal kaum ein Erwachsener heutzutage frei von allen Risikofaktoren sei. Wenn man mit einzelnen Patienten gezielt zum Beispiel Rauchentwöhnung oder fettsenkende Maßnahmen plane, dann machten sie zwar kurz mit, kehrten aber bald wieder zu ihren schlechten Gewohnheiten zurück. Setze man dagegen auf gesellschaftliche Veränderungen, bräuchte man weniger Arztkonsultationen wegen Lifestylethemen und es sei leichter für Einzelne, gesund zu leben.
„Ihre Kampagnen greifen mir viel zu kurz“, entgegnete Prof. de Backer. Individuumsbezogene gezielte Maßnahmen erzielen nach seinen Worten viel höheren Nutzen, wie er am Zigarettenbeispiel erläuterte: „Wenn wir heute das Rauchen verbieten, also erwirken, dass Jugendliche erst gar nicht damit anfangen, sehen wir den Effekt frühestens ab dem Jahr 2050. Bemühen wir uns jetzt, Raucher von der Zigarette wegzubringen, werden wir zig Millionen weniger Tabak-Todesfälle zählen, und zwar schon in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts!“



