Vom grauen Star bis Parkinson

Alter und Behinderung selbst erleben

Medical Tribune Bericht

GÖTTINGEN – Künstlich altern an der Uni: In einem Praktikum bekommen Göttinger Medizinstudenten die Beine gefesselt, die Brillen mit Vaseline beschmiert und werden mit Gummihandschuhen bestückt. So entwickeln sie ein Verständnis für ihre künftigen Patienten.

Wer weiß schon, wie man sich mit Parkinson fühlt? Wie ist es, mit grauem Star eine Speisekarte zu entziffern, oder welche Probleme man als halbseitig Gelähmter beim Ankleiden hat? Angehende Ärzte werden im Allgemeinen schlecht auf die plötzliche Konfrontation mit Patienten vorbereitet. Um den jungen Medizinern einen Einblick in die Patientenperspektive zu geben, lässt man sie in Göttingen im Rahmen eines Praktikums künstlich altern, wie Anne Simmenroth-Nayda und Kollegen in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin (2007, 83: 252-255) berichten.

Mit Watte, Schienen und Pflaster zu Werk

Dazu benötigt man keine teuren Alters-Simulations-Sets, die Mittel dazu finden sich in jedem Haushalt. Mit Watte, Gummmihandschuhen, Pflaster, Schienen und Vaseline lassen sich eine Reihe von Krankheiten und Einschränkungen realitätsnah simulieren: Legt man beispielsweise Watte über alle Finger und zieht darüber einen Gummihandschuh, imitiert das einen Verlust der Sensibilität, wie er bei Polyneuropathien - Erkrankungen der Nerven - vorkommt. Die Studenten probieren auf diese Weise gehandicapt Tabletten aus Verpackungen zu drücken, Reißverschlüsse zu schließen, Jacken zuzuknöpfen oder Schuhe zu binden. Wiederum werden Studenten, die als Ersatz von grauem Star mit Vaseline beschmierte Sonnenbrillen tragen, in die Bibliothek und zum Kiosk geschickt, sollen Geld abzählen und Kaffee an einem Automaten ziehen, Schilder und Schwarze Bretter lesen.

Sehschwäche per BrilleMit Schienen, Pflastern und Bändern sorgen die Praktikumsleiter außerdem für Zustände wie bei einer halbseitigen Lähmung: Den jungen Medizinern wird der dominante Arm am Brustkorb festgebunden, das gleichseitige Bein mit gestrecktem Kniegelenk fixiert. Dann heißt es schreiben, kämmen, Joghurt essen, Uhr anziehen, Fahrstuhl fahren und vor allem: sich möglichst bei allem beeilen. Leicht zu simulieren sind Hörprobleme: Ohrenschützer sorgen für täuschend echte Schwerhörigkeit. Vorgelesenes zu verstehen oder Gespräche zu verfolgen wird zur Mühsal.

Zusammengebundene Beine, die nur 30-Zentimeter-Schritte machen können, zeigen den Studenten, wie mühsam es sein kann, wenn man sich als Parkinson-Patient fortbewegen will. "Beeilen ist unmöglich", kommentieren die Praktikumsteilnehmer und: "Alles ist so anstrengend!" Grauenhaft finden es viele, schlecht zu sehen, das hätte sich manch einer nicht so vorgestellt. Auch die Erfahrung der Pflegebedürftigkeit wird an der Universität Göttingen vermittelt: Die Studenten füttern einander mit Löffel oder Schnabeltasse, putzen sich gegenseitig die Zähne, ziehen einander Jacke oder Schuhe an. "Zähneputzen ist sehr intim!", stellt dabei mancher Teilnehmer fest.

20 Minuten "krank" viel zu kurz

Die Resonanz, berichtet Simmenroth-Nayda ist höchst positiv. Viele Studenten finden die einzelnen Simulationsphasen - beispielsweise 20 Minuten lang parkinsonkrank sein - als zu kurz. Sie würden einzelne Einschränkungen gerne auch länger ausprobieren.
 

MTD, Ausgabe 37 / 2007 S.8, Carola Gessner, Fotos: Medical Tribune

Kommentare zum Artikel

#1Alter und Behinderung selbst erleben

Medical Tribune / 28.11.07 23:54
Künstlich altern an der Uni: In einem Praktikum bekommen Göttinger Medizinstudenten die Beine gefesselt, die Brillen mit Vaseline beschmiert und werden mit Gummihandschuhen bestückt. So entwickeln sie ein Verständnis für ihre künftigen Patienten.