Psychologie
Ziel verfehlt, Gesundheit gerettet
Medical Tribune Bericht
Ziel anpeilen, Zähne zusammenbeißen, Hindernisse überwinden und schließlich siegen und sich gut fühlen - dieser Hollywood-Mythos taugt im realen Leben nur bedingt als Leitfaden. Denn das vergebliche Streben nach einem unerreichbaren Ziel hat schädliche Nebenwirkungen - so begünstigt es entzündliche Prozesse im Körper. Das wiesen Gregory E. Miller von der University of British Columbia und Carsten Wrosch von der Concordia University nach. Die Studie ist im Fachmagazin Psychiological Science (2007, 18: 773-777) erschienen.
Wie geht es Menschen, denen es leichter fällt, einmal gefasste Ziele aufzugeben, im Vergleich mit solchen, die eher dazu neigen, an ihren Bestrebungen festzuhalten? Das untersuchten die Forscher anhand einer Gruppe von 90 jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren. Zu Beginn des Tests füllten die Teilnehmerinnen einen Fragebogen aus und gaben dort an, ob sie eher dazu neigten, an Zielen festzuhalten oder aber diese schnell aufgaben. Zudem bestimmten Miller und Wrosch den Level eines Proteins, das entzündliche Prozesse im Körper anzeigt. Weitere Proben nahmen sie nach einem halben Jahr und dann wieder nach einem Jahr, gegen Ende der Studie.
Das Ergebnis: Diejenigen unter den Frauen, die angegeben hatten, an ihren Zielen beharrlich festzuhalten, neigten wesentlich stärker zu entzündlichen Prozessen im Körper als diejenigen unter den Teilnehmerinnen, die ihre Ziele eher aufgaben.
"Wenn Menschen mit Situationen konfrontiert sind, in denen sie ein entscheidendes Lebensziel nicht erreichen können, ist die beste Antwort für Körper und Geist, dieses Ziel aufzugeben", schreiben die Autoren. Denn sollten allein diese verstärkten entzündlichen Prozesse anhalten, dann ergibt sich daraus ein höheres Risiko für zahlreiche Erkrankungen, etwa Diabetes, Osteoporose und Arteriosklerose.
Allerdings wissen die Forscher noch nicht, welchen Weg die geistige Zielregulierung im Körper geht. Sie vermuten, dass die vergeblichen Bemühungen in Frustration, Gespaltenheit und Erschöpfung münden und dann beispielsweise über das vegetative Nervensystem die körperlichen Prozesse beeinflussen. Sollten die allzu Beharrlichen von ihren Problemen auch nachts belästigt werden, dann, so die Wissenschaftler, wäre die Auswirkung auf das Immunsystem einfach zu bestimmen: Denn der Schlaf ist eine wichtige Komponente innerhalb des Immunsystems - und Schlaflosigkeit führt zu einem markanten Anstieg der entzündlichen Prozesse.
Wer schwer zu erreichende Ziele fahren lässt, muss also nicht als hilflos und depressiv gelten - sondern als jemand, der die Mitte zwischen Ziellosigkeit und Sturheit erreicht hat.



