Risiko ohne Grenzen

Mit neuer Niere zum Gipfelsturm

Medical Tribune Bericht

Schwanger nach Kenia – erster Tauchgang mit 75 Jahren – Trekking im Hochgebirge. Fernweh und Abenteuerlust verstellen den Blick auf gesundheitliche Risiken.

Endlich den ganz großen Traum erfüllen. Atemberaubende Landschaften selbst erkunden – und das eigene Fernweh nicht mit Reiseberichten anderer vertreiben. Doch wo liegen die Grenzen der Abenteuerlust? Was ist, wenn es Schwangere nach Kenia zieht? Oder Nierentransplantierte den Kilimandscharo erklimmen wollen?

Es geht gar nicht darum, Reisewilligen ihre Pläne auszureden. Doch unnötige Risiken lassen sich vermeiden, so Dr. Burkhard Rieke, niedergelassener Internist und Tropenmediziner aus Düsseldorf.

Beispiel Schwangerschaft: Werdende Mütter mit Reiselust sollten sich zum Beispiel darüber im Klaren sein, dass vorzeitige Wehen oder Blutungen zur Fluguntauglichkeit führen! Die Frauen sind dann auf die medizinische Versorgung vor Ort angewiesen. Und das kann zu ungewohnten Situationen führen: „In vielen Ländern ist die Schwangere ein Patient wie jeder andere auch", betonte Dr. Rieke – besondere Vorkehrungen oder Sicherheitsstandards zum Schutz von Mutter und Kind existieren dort nicht, die therapeutische Palette ist eingeschränkt.

Malaria-Risiken abwägen

Und welche Reiseziele sollten sich schwangere Frauen in jedem Fall verkneifen? Regionen, die Malariarisiken bergen, sind für werdende Mütter absolut tabu. Aufgrund der höheren Immuntoleranz, die der Körper zum Schutz des Ungeborenen entwickelt, macht sich eine Malariainfektion häufig erst spät bemerkbar – folglich steigt das Komplikationsrisiko. Außerdem steht hohes Fieber über 39 °C im Verdacht, Fehlbildungen auszulösen.

Auch für Menschen, die eine Organtransplantation hinter sich haben – beispielsweise mit einer neuen Niere leben –, eignet sich nicht jedes abenteuerliche Urlaubsziel. Insbesondere vor Reisen in Länder mit erhöhten Risiken für ansteckende Krankheiten muss abgeraten werden. „Wenn man sieht, wie viel Perspektive durch eine – von einem Infekt angetriebene – Transplantatabstoßungsreaktion verloren gehen kann, dann leuchtet es sofort ein, Reiseziele sorgfältig auszuwählen", so Dr. Rieke. Zumal die Impffähigkeit von Menschen, die eine Transplantation hinter sich haben, durch die anschließende sogenannte immunsuppressive Therapie eingeschränkt ist. Denn der Erfolg einer Organtransplantation hängt von der Zuverlässigkeit dieser Behandlung, die Teile des körperlichen Abwehrsystems bremst oder stilllegt, ab. Chronisch Nierenkranke, die auf Dialyse, also künstliche Blutwäsche, angewiesen sind, müssen ebenso akribische Reisevorbereitungen treffen: Spezialisierte Reisever-
anstalter bahnen den Weg, übernehmen organisatorische Aufgaben und klären auf Wunsch auch die Kostenübernahme der „Gastdialysen" im Urlaubsland.

Plötzlich: Heimflug unmöglich

Auf ihr angeschlagenes Immunsystem besondere Rücksicht nehmen müssen Menschen, die sich mit dem Erreger von Aids, also dem HI-Virus, angesteckt haben. HIV-Infizierte scheinen sich zwar nicht häufiger mit Malaria anzustecken als andere Reisende, erkranken aber möglicherweise schwerer. Für Vorbeugung und Mückenschutz gelten die gleichen Regeln wie sonst, allerdings kann die Auswahl eines geeigneten Medikaments schwierig sein, weil viele gegen die HI-Viren eingesetzte Arzneimittel mit anderen Wirkstoffen in Wechselwirkung treten. „Viele denken: HIV hab’ ich schon, was soll mir jetzt noch passieren ...", so Dr. Rieke. Aber gerade Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind gefährdet, exotische Krankheitserreger nicht abwehren zu können. Eine sorgfältige reisemedizinische Beratung empfiehlt sich natürlich für alle Reisewilligen, die mit gesundheitlichen Handicaps leben. Wer Bluthochdruck, Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder ein Tumorleiden hat, muss nicht unbedingt in Watte gepackt werden. Doch Flugtauglichkeit, Mitnahme von Medikamenten, krankheitsrelevante Risiken und verkehrstechnische Anbindungen in Notfallsituationen sollten vor Reiseantritt mit Experten besprochen werden – damit aus dem Fernweh von gestern nicht schon heute Heimweh wird.

Quallen? Backpulver in die Badetasche!

Wenn kleine Kinder beim Baden im Meer verschreckt aufschreien, dann lange und leidenschaftlich weinen, sind meist Quallen die Übeltäter. Unerwünschte Kontakte mit den „Brennnesseln des Meeres" kommen häufiger vor als Begegnungen mit manch anderem Gifttier. Wichtig: Die gifttragenden Nesseln müssen schnellstens unschädlich gemacht werden.

Zum Entschärfen der Nesseln eignet sich Weinessig oder auch mit Wasser angerührtes Bikarbonat, sprich: Backpulver –
sofern man das am Strand gerade zur Hand hat. Keinesfalls Süßwasser verwenden, um die Nesseln abzuspülen! Die noch intakten Nesselkapseln, immerhin 80 bis 90 Prozent der Gesamtmenge, können dabei platzen und so noch mehr Gift freisetzen. Ein Warnhinweis an Fernreisende: Eine der gefährlichsten Quallen überhaupt, die Seewespe oder Würfelqualle, dümpelt gerne im Seichten vor der Küste Australiens oder der Philippinen herum. Das Gift dieser Quallenart kann Hautnekrosen verursachen, also Hautzellen zerstören, und auch für Lähmungen der Skelett-, Herz- und Atemmuskulatur verantwortlich sein.

Mehr im Netz

www.crm.de
Zentrum für Reisemedizin,
Düsseldorf

www.gesundes-reisen.de

Reisemedizinisches Zentrum am Tropeninstitut Hamburg

MTD

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Kommentare zum Artikel

#1Mit neuer Niere zum Gipfelsturm

Medical Tribune / 04.08.08 16:24
Schwanger nach Kenia – erster Tauchgang mit 75 Jahren – Trekking im Hochgebirge.
Fernweh und Abenteuerlust verstellen den Blick auf gesundheitliche Risiken.