Asthma

Daueralarm in den Atemwegen

Medical Tribune Bericht

WIESBADEN – Was passiert in der Lunge eines Asthmakranken? An welcher Stelle der asthmatischen Reaktion können Medikamente ansetzen?


Über 20000-mal atmet der Mensch täglich ein und aus, ohne auch nur eine Sekunde lang darüber nachzudenken. Was die Lunge dabei leistet, wird meist erst dann bewusst, wenn etwas nicht mehr funktioniert, wie es soll – zum Beispiel, wenn jemand an Asthma leidet.
Fachleute unterscheiden zwei Hauptformen von Asthma: einerseits das allergische Asthma, bei dem die Atemnotanfälle beispielsweise durch Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilze oder sogar durch Duftstoffe oder Lebensmittelbestandteile ausgelöst werden, und andererseits das sogenannte intrinsische Asthma, dessen Ursache weitgehend unbekannt ist und das sich meistens durch Infekte der Atemwege verschlimmert. Was sich in der Lunge des Asthmakranken abspielt, weiß die Medizin heute ziemlich genau: Dort schwelt unterschwellig eine ständige Entzündung, und zwar selbst dann, wenn die Krankheit scheinbar eine Pause einlegt und keine akuten Symptome auftreten. Diese Dauerentzündung versetzt das Bronchialsystem in einen permanenten Alarmzustand –
der kleinste Reiz kann dann schon ausreichen, um eine heftige Reaktion auszulösen. Ärzte nennen dieses Phänomen „bronchiale Hyperreagibilität“.


Dabei werden Immunzellen aktiviert und Botenstoffe ausgeschüttet. Dadurch ziehen sich die Muskelzellen in den Wänden der Bronchien zusammen und verengen die Atemwege. Gleichzeitig schwillt die Schleimhaut an – die Bronchien verengen sich also noch mehr  – und die Schleimhautzellen produzieren Massen von zähem Schleim, der die Bronchien verlegt und das Atmen zusätzlich erschwert. Das hört man bei jedem Atemzug als Pfeifen und Brummen. Die Atemmuskulatur muss jetzt ständig gegen die engen Atemwege „anarbeiten“ – Atemnot tritt auf.


Jeder zehnte Olympiasieger hat Asthma


Wird das Asthma richtig behandelt, kann ein Asthmatiker trotzdem ohne große Einschränkungen leben wie ein Gesunder – bei voller körperlicher Leistungsfähigkeit. Jeder zehnte Olympiasieger bei den Leichtathleten ist Asthmatiker! „Asthmatherapie ist extrem erfolgreich und extrem sicher, wenn sie korrekt durchgeführt wird“, konstatiert Professor Dr. Christian Virchow, Chef der Universitätsabteilung für Lungenheilkunde in Rostock. Dabei ist das A und O der Behandlung, das richtige Medikament für den Patienten zu finden –
der es dann aber auch regelmäßig und richtig anwenden muss.


Voraussetzung für den Erfolg ist, dass der Kranke selbst zum „Manager“ seiner Krankheit wird; das lernt er in speziellen Asthmaschulungen. Wird das Asthma nicht oder inkonsequent behandelt, besteht das Risiko, dass die Lunge dauerhaft Schaden nimmt. Asthmamedikamente lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen, die als „Controller“ und „Reliever“ bezeichnet werden. Die Controller halten die Entzündung in den Bronchien in Schach, sie kontrollieren die Krankheitsaktivität, was auf lange Sicht auch die Symptome bessert. Sie werden als Dauermedikation zur Langzeitkontrolle eingesetzt und sollten täglich eingenommen werden.Zu ihnen zählen inhalative Kortikosteroide und lang wirksame Beta-2-Agonisten.Die Reliever (englisch: to relieve – lindern, erleichtern) bekämpfen die Asthmasymptome, ohne die Entzündung zu beeinflussen. Sie werden als Bedarfsmedikation zur Linderung bei einem akuten Anfall verwendet. Reliever sind beispielsweise kurz wirksame bronchienerweiternde inhalative Beta-2-Agonisten.

Leichteres Spiel gegen Asthma


Moderne Inhalationstherapie und wie sie wirkt


Das Rückgrat der Arzneibehandlung bilden die inhalativen Kortikosteroide, kurz ICS – Abkömmlinge des körpereigenen Hormons Kortison und die wirksamsten Asthma-Controller, die die Medizin zu bieten hat. Die ICS leisten den entscheidenden Beitrag zur Asthmabekämpfung, sie dämpfen nämlich die Entzündung in den Atemwegen, die den Boden für die Symptome bereitet. Diese Entzündung macht die Bronchien überempfindlich gegen Reize aller Art, sei es kalte Luft, Tabakrauch, Pollen oder auch körperliche Anstrengung.
Die ICS werden per Inhalation verabreicht. Das bietet den Vorteil, dass sie genau dort wirken, wo sie gebraucht werden, nämlich in der Lunge. Sie werden also nur zu einem äußerst geringen Teil ins Blut aufgenommen – etwa tausendmal weniger als Kortisontabletten, die geschluckt werden. Deshalb verursachen sie auch nur geringe Nebenwirkungen. Heiserkeit kann dazugehören oder Pilzinfektionen im Mund. Dem lässt sich jedoch vorbeugen, wenn man nach der Anwendung den Mund ausspült.


Die lang wirksamen Beta-2-Agonisten stellen die zweite Säule der Behandlung dar. Diese Wirkstoffe, die Mediziner als LABA abkürzen, werden zur vorbeugenden Dauerbehandlung verordnet. Sie schützen davor, dass die Bronchien bei einem Reiz „zugehen“. LABA und ICS zusammen bilden ein effektives Team, das sich in seiner Wirkung ergänzt. Seit einigen Jahren gibt es deswegen auch Kombinationspräparate, die beide Wirkstoffe gemeinsam enthalten, sodass insgesamt weniger Inhalationen notwendig sind.


Experten sehen in den Kombipräparaten noch einen weiteren Vorteil: Die Erfahrung hat gezeigt, dass Asthmakranke bei Einzel-inhalatoren dazu neigen, vorzugsweise die LABA zu nehmen, weil diese spürbare Linderung der Atemnot verschaffen. Das ICS wird gerne mal weggelassen – weil man seine Wirkung nicht direkt spüren kann oder weil man kein Kortison nehmen mag und es dadurch vielleicht auch leichter vergisst. Das ICS wegzulassen ist aber ein Fehler: Denn die Entzündung schwelt untergründig weiter. Der Patient merkt davon zunächst wenig, da die eingenommenen LABA gleichzeitig verhindern, dass Symptome auftreten. Aber auch wenn von der Entzündung nichts zu spüren ist, richtet sie doch Schäden im Lungengewebe an. Deswegen ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Entzündung wirksam unter Kontrolle gebracht wird. Kombipräparate werden offenbar auch von den Patienten gut angenommen: Nach einer aktuellen Befragung von TNS healthcare erleichtern sie vielen Asthmakranken die Anwendung der Medikation.


Wo geht’s bittschön zur Lunge?


Darüber hinaus kann es gefährlich sein, LABA allein zu nehmen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass dies das Risiko, einen lebensgefährdenden Asthmaanfall zu erleiden, etwas erhöhen kann. Außerdem können die lang wirksamen LABA an Wirkung verlieren, wenn man sie allein nimmt, da auf Dauer die Rezeptoren auf den Bronchialzellen abnehmen, an die diese Wirkstoffe andocken. Die ICS können das verhindern, sie erhöhen die Rezeptorendichte wieder. Auch das ist ein Grund, die Kombis zu schätzen – so bekommt der Asthmatiker sein ICS automatisch dazu, wenn er den symptomatisch wirksamen LABA nimmt.
Dass diese Medikamente per Inhalation verabreicht werden, ist eine zweischneidige Angelegenheiten. Gut ist, dass die Wirkstoffe gezielt dahin gelangen, wo sie wirken sollen, ohne den Umweg über den Verdauungstrakt und das Blut nehmen zu müssen. Problem ist: Der Erfolg der Behandlung steht und fällt damit, dass der Asthmatiker sein Inhalationsgerät richtig benutzt. Das kann eine größere Herausforderung sein, als man auf den ersten Augenschein glauben mag. Denn die Sache ist nicht damit erledigt, dass man die Medikamente einfach in den Mund hineinsprüht dann sind die Wirkstoffe zwar im Mund, aber noch lange nicht in der Lunge. Damit sie dorthin gelangen, muss man bei den treibgasgetriebenen Geräten, den Dosieraerosolen, Einatmung und Auslösen des Sprühstoßes koordinieren. Dies will geübt sein – wie überhaupt der Umgang mit allen in der Asthmabehandlung gebräuchlichen Inhalationssystemen.
Trockenpulverinhalatoren dagegen verlangen nicht diese Art der  Koordination, da sie nicht per Hand ausgelöst werden, sondern durch tiefes Einatmen. Die Schwierigkeit dabei: Man muss recht kräftig einatmen, was nicht jeder Asthmakranke schafft. Die Inhalatoren müssen außerdem regelmäßig neu befüllt werden, manche Geräte vor jeder Inhalation. Teilweise ist dabei schon ein gutes Quantum Geschicklichkeit gefordert.


Für welches System Arzt und Patient sich auch entscheiden – wichtig ist in jedem Fall, dass der Kranke für den Umgang mit dem Inhalationsgerät, das er benutzen soll, gut geschult wird. Um sicherzugehen, dass die Technik noch stimmt, sollte man dem Arzt alle paar Monate eine Inhalation vorführen.


Asthma ist „eigentlich“ unheilbar ...


Denn das Zauberwort in der Asthmatherapie lautet Kontrolle, und zwar einerseits der Entzündung und andererseits der Sym-ptomatik. Und das beides geht Hand in Hand: Dass ein Asthma gut kontrolliert ist, merkt man daran, dass nur selten Atemnot auftritt, dass Arbeit und Freizeitaktivitäten durch die Krankheit nicht beeinträchtigt werden, dass der Nachtschlaf nicht durch Hustenanfälle oder Luftnot gestört wird und dass der Kranke wenig, besser noch: gar keine der kurz wirksamen Beta-2-Agonisten braucht, um akute Beschwerden zu beseitigen.
„Wir gehen heute davon aus, dass ein gut kontrollierter Patient ein Patient mit besserer Prognose ist“, sagt Prof. Virchow. Tatsächlich besteht Hoffnung, dass das Asthma bei einigen Kranken sogar wieder völlig verschwindet – obwohl die Krankheit eigentlich als unheilbar gilt. Die zugrunde liegende Veranlagung zur bronchialen Überempfindlichkeit lässt sich dabei auch nicht beseitigen, aber es gibt Kranke, die nach einigen Jahren guter Asthmakontrolle auch ohne Medikamente keine Symptome mehr aufweisen.


Das hat unter anderem das Disease-Management-Programm Asthma in Bayern an den Tag gebracht, wie Dr. Andreas Hellmann, niedergelassener Pneumologe in Augsburg, berichtet. Dieses Programm, das 2006 von Krankenkassen eingeführt wurde, soll die Behandlung Asthmakranker durch eine standardisierte und strukturierte Betreuung verbessern. Bei den Untersuchungen stellte man erstaunt fest, dass eine Reihe von Patienten eine völlig normale Lungenfunktion aufwies – selbst dann noch, als sie ihre Medikamente wegließen und Reizen ausgesetzt wurden, die normalerweise zwangsläufig eine Verschlechterung der Lungenfunktion zur Folge gehabt hätten. „Bei diesen Patienten ist das Asthma anscheinend wirklich verschwunden“, so Dr. Hellmann.


Das funktioniert jedoch bei den wenigsten Asthmatikern. Die meisten müssen dauerhaft behandelt werden, damit sie so wenig Symptome wie möglich haben. Fünf, vielleicht zehn Prozent der Kranken könnten Glück haben und ihr Asthma loswerden, wenn sie einige Jahre gut und konsequent behandelt werden. Aber Vorsicht: Das ist keine Aufforderung, die Asthmamedikamente mal eben wegzulassen, um zu testen, ob man zu den Glücklichen zählt! So ein Auslassversuch sollte immer in Rücksprache mit dem Arzt erfolgen. Dann kann mit Bedacht ausprobiert werden, nach und nach mit immer weniger Medikamenten auszukommen – und irgendwann vielleicht ganz ohne.

MTPub, Ausgabe GuM 04 / 2008 S.16, ara

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#1Daueralarm in den Atemwegen

Medical Tribune / 24.09.08 16:41
Was passiert in der Lunge eines Asthmakranken? An welcher Stelle der asthmatischen Reaktion können Medikamente ansetzen?