Krankheitsbild mütterliche Bindungsstörung

„Das ist irgendwie nicht mein Kind!“

Medical Tribune Bericht

BERLIN – Mütterliche Bindungsstörungen beginnen früh und sind durch emotionale Gleichgültigkeit bis hin zu Wut und offener Ablehnung gekennzeichnet. Die postpartale (Zustand nach der Geburt) Depression scheint ein wichtiger Risikofaktor zu sein.

Die mütterliche Bindungsstörung gilt heute als eigenständiges Krankheitsbild. Betroffene Mütter berichten meist schon unmittelbar nach der Geburt von Gefühlen der Entfremdung („das ist irgendwie nicht mein Kind“), Gleichgültigkeit, Ablehnung oder einen Mangel an Liebe. Hinzu können Ärger, Feindseligkeit, Wut und Hass kommen. In ausgeprägten Fällen spüren die Frauen den Impuls, ihrem Kind Schaden zuzufügen. Experten gehen davon aus, dass insgesamt etwa 7 % der Mütter unter einer verzögerten Bindung leiden (zwei Wochen nach der Geburt). Liegt eine postpartale Depression vor, steigt diese Rate auf 17 %.

Mit einem speziellen Fragebogen kann man der Bindungsstörung auf die Spur kommen, sagte Dr. Lic. Psic. Patricia Trautmann-Villalba vom Psychiatrischen Zentrum Nordbaden auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. Die Therapeutin berichtete von einer Untersuchung bei 42 Frauen mit schweren postpartalen psychischen Erkrankungen (25 depressiv, 17 psychotisch). In diesem Kollektiv zeigten knapp 60 % der Frauen eine verzögerte Bindung, knapp 10 % Wut und Ablehnung und 28,5 % Angst. Interessant waren die Vergleiche zwischen den Frauen mit  und ohne Bindungsstörungen.

Keine Unterschiede fand man in Bezug auf Alter oder Schulabschluss der Mutter, frühere Schwangerschaften oder die Zahl der Kinder in der Familie. Frauen mit Psychosen empfanden sich deutlich häufiger als gute Mutter als die depressiven Patientinnen.

Insgesamt spielt sich die Bindungsstörung mehr auf der Gedanken- als auf der Verhaltensebene ab, berichtete Dr. Trautmann-Villalba. Im beobachteten Interaktionsverhalten mit dem Baby ließen sich keine Unterschiede zwischen den Müttern mit oder ohne Bindungsstörung erkennen. Daher haben Fragebögen diagnostisch große Bedeutung.
Die gute Nachricht: Durch die Therapie (Interaktionszentrierte Verhaltenstherapie plus Psychopharmaka) ließ sich die Bindung zum Kind bei den psychisch kranken Müttern deutlich verbessern.

MTD, Ausgabe 3 / 2009 S.4, MW, Foto: thinkstock

Kommentare zum Artikel

#1„Das ist irgendwie nicht mein Kind!“

Medical Tribune / 24.02.10 06:38
Mütterliche Bindungsstörungen beginnen früh und sind durch emotionale Gleichgültigkeit bis hin zu Wut und offener Ablehnung gekennzeichnet. Die postpartale (Zustand nach der Geburt) Depression scheint ein wichtiger Risikofaktor zu sein.