Seit Einführung deutlich weniger Neugeborene getötet

Die Babyklappe rettet doch Kinder

Medical Tribune Bericht

BERLIN – Babyklappe und anonyme Geburt sind nach dem Urteil des Ethikrates in der Bundesrepublik wieder in die Diskussion geraten. Ein Blick über die Landesgrenze nach Österreich zeigt, dass sich mit diesen Maßnahmen vielleicht doch in einigen Fällen ein Neonatizid (Tötung eines neugeborenen Kindes) verhindern lässt.

In Österreich ist die Tötung des Neugeborenen durch die Mutter während oder unmittelbar nach der Geburt ein juristischer Sonderfall innerhalb der Tötungsdelikte. Demzufolge hat man hier sehr genaue Statistiken über dieses Delikt, sagte Dr. Claudia Klier vom Universitätsklinikum für Psychiatrie in Wien auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Die Auswertung der Zahlen von 1995 bis 2005 zeigt einen deutlichen Rückgang der Neonatizid-Fälle seit 2002. Dieser Zeitpunkt fällt in Österreich mit der Einführung der anonymen Geburt und Babyklappe zusammen. In einem vergleichbaren Land wie Schweden ließ sich im gleichen Zeitraum eher eine Zunahme der Neonatizide zeigen.

Frauen Ende zwanzig, keine unreifen Mädchen

In einer Untersuchung von 18 Fällen mit 24 Opfern ist man in Österreich den Ursachen und Umständen der Kindstötung genauer nachgegangen. Dabei wurde deutlich, dass durch die nicht ärztlich betreute Geburt auch die Mutter stark gefährdet ist: in 10 der 24 Fälle (42 %) stellten sich die Frauen mit starken Blutungen beim Arzt oder im Krankenhaus vor, was zur Entdeckung der Kindstötung führte. In einem Fall ist die Mutter verstorben.

Dass es sich bei den Täterinnen hauptsächlich um junge unreife Mädchen handelt, ließ sich nicht bestätigen. Im Durchschnitt waren die Frauen 29 Jahre alt bei relativ gleichmäßiger Altersverteilung.

Schwangerschaft meist völlig verdrängt

Mehr als zwei Drittel der Frauen wiesen psychiatrische Diagnosen auf. Am häufigsten litten die Mütter unter Persönlichkeitsstörungen, gefolgt von übermäßigen Stressreaktionen und affektiven Störungen. Nur drei der Frauen lebten während der Schwangerschaft allein. Trotzdem gaben lediglich fünf Betroffene an, dass irgendjemand von der Schwangerschaft wusste. Eine Einzige hatte an Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen und keine hatte über eine Adoption nachgedacht. In den meisten Fällen brachten die Mütter das Kind allein im Bad zur Welt. Als Motive für den Neonatizid gaben sie am häufigsten Angst vor dem Verlassenwerden, psychischen Stress und ungewollte Schwangerschaft an. Ökonomische Gründe spielten kaum eine Rolle. In sechs Fällen handelte es sich um einen impulsiven Akt. Am häufigsten wurden die Kinder erstickt oder ertränkt. Da die Frauen die Schwangerschaft sehr oft völlig verdrängen, ist eine gezielte Vorbeugung schwierig, so die Expertin. Die Möglichkeit einer anonymen Schwangerschaftsbetreuung und Geburt wird vielleicht von einigen angenommen. Trotzdem bleibt eine gewisse Ratlosigkeit – auch in Bezug auf das Motiv.

MTD, Ausgabe 5 / 2010 S.5, MW, Foto: BilderBox.com

Kommentare zum Artikel

#1Die Babyklappe rettet doch Kinder

Medical Tribune / 18.03.10 06:35
Babyklappe und anonyme Geburt sind nach dem Urteil des Ethikrates in der Bundesrepublik wieder in die Diskussion geraten. Ein Blick über die Landesgrenze nach Österreich zeigt, dass sich mit diesen Maßnahmen vielleicht doch in einigen Fällen ein Neonatizid (Tötung eines neugeborenen Kindes) verhindern lässt.