Samstag, 30. August 2014

Arzt und Finanzen

Für E. Gerailoux (re) ist die Anstellung bei Dr. Haroon Nawid (li) eine Chance, als Hausarzt Erfahrungen zu sammeln.

Dr. Haroon Nawid und E. Gerailoux: Ein gutes Team trotz 40 km Entfernung.

13.09.2012
Von: Antje Thiel, Foto: Antje Thiel
Artikel Nummer: 19966
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Gründung einer KV-übergreifenden Zweigpraxis

Der Hamburger Allgemeinmediziner Dr. Haroon Nawid hat mit der Übernahme einer hausärztlichen Praxis als Zweigpraxis in Schleswig-Holstein Neuland betreten.


Auswandern oder erweitern – das waren die Alternativen, vor denen der niedergelassene Allgemeinmediziner Dr. Nawid Ende 2011 stand. Dr. Nawid ist geblieben und hat neben seinem Hauptsitz in Hamburg-Wandsbek im knapp 40 Kilometer entfernten schleswig-holsteinischen Schwarzenbek eine weitere Praxis übernommen. Betrieben wird die Zweigpraxis von seinem angestellten Kollegen Esfandiyar Gerailou. Zum 1. Juni hat Dr. Nawid den Praxissitz in Schwarzenbek übernommen, seit 1. Juli arbeitet Gerailou für ihn, zum 1. August bezog die Zweigpraxis neue Räume.

Die Patienten sind froh, dass die Praxis weitergeführt wird

Ortstermin in Schwarzenbek Anfang August. Im Wartezimmer sitzen langjährige Patienten, die froh sind, dass ihre Hausarztpraxis weitergeführt wird. Dr. Nawid ist zuversichtlich, dass die Stammpatienten der Praxis die Treue halten: „Viele von ihnen hängen sehr an den Mitarbeiterinnen, das ist ein Bonus für uns.“

 

Wie die beiden Ärzte berichten, sind auch ihre Kollegen in Schwarzenbek froh, dass die Praxis weitergeführt wird. Gerailou meint: „Die anderen Hausärzte sind nämlich gut ausgelastet und nehmen eigentlich keine neuen Patienten mehr an. “

 

Für den Facharzt für Allgemeinmedizin Gerailou ist die Angestelltentätigkeit in Dr. Nawids Zweigpraxis nach seiner Arbeit am Krankenhaus eine Chance, als Hausarzt Erfahrungen zu sammeln, ohne selbst das finanzielle Risiko einer Niederlassung eingehen zu müssen: „Ich agiere hier eigenständig wie ein Praxischef, stehe aber natürlich in engem Kontakt mit Haroon Nawid. Wir halten Fallkonferenzen ab und besprechen täglich alle Abläufe in der Praxis miteinander.“

 

Dr. Nawid plant auch Sprechstunden für seine Zusatzbezeichnungen Akupunktur und Ultraschalldiagnostik in seiner Zweigpraxis an ein oder zwei Tagen pro Woche. Ein höherer Kooperationsgrad wird angesichts der Entfernung zwischen den beiden Praxen allerdings nicht möglich sein, bedauert Dr. Nawid. Dennoch ist er zufrieden: „Die Praxis in Schwarzenbek war eine gute Gelegenheit. Sie war günstig abzugeben, hatte einen festen Patientenstamm und gesunde Fallzahlen.“ Als er dann noch zufällig seinen Studienkollegen Gerailou wiedertraf, war klar: „Das könnte funktionieren.“

 

Ortstermin in Hamburg, einen Tag später. Dr. Nawid erzählt, wie es zu dem Wunsch nach einer Zweigpraxis kam. „Während meiner Facharztausbildung haben mir viele Freunde davon abgeraten, mich in Deutschland niederzulassen. Zu viel Bürokratie, zu wenig Verdienst, zu viel staatliche Gängelung.“ Dr. Nawid ignorierte die Bedenken. Doch inzwischen, nur wenige Jahre nach seiner Niederlassung, hat er erkannt: „Wir sind als Niedergelassene in unseren Möglichkeiten doch sehr beschränkt.“

Eine der ersten länderübergreifenden Zweigpraxen!

Mit der Zweigpraxis will Dr. Nawid seinen Handlungsspielraum vergrößern. Dass er damit eine der ersten länderübergreifenden Zweigpraxen gegründet hat, war eher Zufall. Ende 2011 wurde er auf die Praxis in Schleswig-Holstein aufmerksam. Sowohl die KV Hamburg als auch die KV Schleswig-Holstein gaben grünes Licht. „Doch es war Neuland für alle Beteiligten“, erinnert sich Dr. Nawid.

 

Nun laufen die beiden Praxen als separate Unternehmen mit je einem RLV in Hamburg und einem in Schleswig-Holstein. „Wir haben vertraglich vereinbart, dass jeder von uns beiden selbst für das RLV und das Arzneimittelbudget an seinem Standort verantwortlich ist“, erklärt Dr. Nawid. Wie es um das aktuelle Verordnungsvolumen bestellt ist, erfahren die beiden regelmäßig von ihrer jeweiligen KV.

 

Für die Zulassung in Schwarzenbek benötigte die KV Schleswig-Holstein sämtliche Unterlagen von seinem angestellten Kollegen, von der Approbationsurkunde bis hin zum polizeilichen Führungszeugnis. Voraussetzung für die Genehmigung durch die KV Hamburg wiederum war, dass die Versorgung an seinem Hauptsitz in Wandsbek nicht unter der Zweigpraxis leidet.

 

Aus steuerrechtlicher Sicht ist es hingegen wichtig, jederzeit nachweisen zu können, dass auch die Zweigpraxis eindeutig unter seiner ärztlichen Leitung steht – andernfalls besteht die Gefahr, dass für sämtliche freiberuflichen Einkünfte Gewerbesteuer fällig wird. „Ich habe diesen Punkt im Vorfeld ausführlich mit meinem Steuerberater diskutiert. Da ich in Schwarzenbek therapeutisch tätig bin und mein Kollege mich täglich anruft und seine Behandlungsfälle mit mir bespricht, sollte Gewerbesteuer kein Problem sein“, erläutert Dr. Nawid.

 

Zudem werden die beiden Praxen elektronisch vernetzt, sodass er jederzeit Einblick in die Patientendaten der Zweigpraxis hat.

 

Nachdem Praxisübernahme, Zulassung und Umzug in Schwarzenbek nun abgeschlossen sind, wird es Zeit, den Alltag als Inhaber zweier Praxisunternehmen in zwei verschiedenen Bundesländern zu gestalten. Große Unterschiede in der Mentalität der Patienten hat Dr. Nawid bislang noch nicht feststellen können. Außer einer Beobachtung: „Für Patienten in Schwarzenbek ist es normal, für einen Facharzttermin nach Hamburg oder Geesthacht zu fahren, weil es vor Ort eben nicht alle Fachrichtungen gibt. Hamburger Patienten sind da deutlich verwöhnter.“

 

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