Typ-1-Diabetes: Diabetologen warnen vor Unterversorgung

Autor: Maria Weiß

Gerade die jungen Patienten mit Typ-1-Diabetes brauchen viel Unterstützung. © iStock/Jovanmandic

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes brauchen besondere Aufmerksamkeit und ausreichende Versorgungsstrukturen. Doch in Anbetracht der steigenden Erkrankungszahlen droht eine Unterversorgung, insbesondere in der stationären Behandlung, warnen Experten.

Kaum eine andere chronische Erkrankung im Kindesalter nimmt so stark zu wie der Typ-1-Dia­betes: So hat sich die Zahl der Neuerkrankungen in den letzten 25 Jahren verdoppelt, die jährliche Zunahme liegt bei 4 %. Gleichzeitig haben sich die technischen Möglichkeiten verbessert, zwei Drittel der Patienten sind heute mit einer Insulinpumpe und mehr als 50 % mit einem System zur kontinuierlichen Glukosemessung versorgt.

Umgang mit der Erkrankung muss erlernt werden

Gerade bei Kindern und Jugendlichen kommt dabei der stationären Versorgung eine wesentliche Rolle zu, betonte Professor Dr. Andreas Neu von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Tübingen. Nach Manifestation ist ein etwa zwölftägiger stationärer Aufenthalt zur intensiven Schulung im Umgang mit der Erkrankung erforderlich. Hier werden die Grundlagen für einen souveränen und erfolgreichen Umgang mit der Erkrankung gelegt. Auch die Insulinpumpeneinstellung erfordert aufgrund des hohen Schulungsbedarfs in der Regel einen stationären Aufenthalt – genauso wie die Intervention bei drohenden Stoffwechselentgleisungen vor allem im Pubertätsalter. Entsprechende Strukturen müssen auf jeden Fall flächendeckendend vorbehalten werden, forderte der Diabetologe.

DDG fordert Umdenken der Gesundheitspolitik

Die Zahl an bettenführenden klinischen Lehrstühlen für Dia­betologie und Endokrinologie an den deutschen Universitäten habe sich drastisch reduziert, gab die DDG Präsidentin, Professor Dr. Monika Kellerer zu bedenken. Es gebe nur noch ca. acht bettenführende klinische Lehrstühle für Diabetologie an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland. „Dia­betes ist keine rein ambulant therapierbare Erkrankung. Auch im stationären Bereich müssen klinische Diabetesabteilungen nicht nur erhalten, sondern in Anbetracht der prognostizierten Diabeteszahlen sogar weiter ausgebaut werden“, forderte Prof. Kellerer.

Doch es droht eine Verschlechterung der stationären Versorgung. „Die Gesundheitspolitik verortet den Diabetes zunehmend primär in der ambulanten Medizin“, so der niedergelassene Kinderdiabetologe Dr. Ralph Ziegler aus Münster. „Doch im Sinne einer ganzheitlichen und erfolgreichen Behandlung sollten Patienten ohne Einschränkung vom Zusammenspiel ambulanter und stationäre Befähigungen und Möglichkeiten profitieren können.“ Eine kompetente und sichere Behandlung und Schulung bei Manifestation oder Entgleisung könne im ambulanten Sektor derzeit nicht sichergestellt werden, mahnte Dr. Ziegler.

Hormonelle Schwankungen und psychosoziale Probleme

Junge Patienten haben häufiger mit einer chronisch schlechten Blutzuckereinstellung zu kämpfen. Dafür sind neben hormonellen Schwankungen auch psychosoziale Faktoren relevant. Auf ein Problem, dass vor allem junge Mädchen und Frauen mit Typ-1-Diabetes betrifft, ging Diplompsychologin Susan Clever aus der Diabetespraxis Blankenese in Hamburg ein. Essstörungen sind in dieser Patientengruppe weit verbreitet und etwa doppelt bis dreifach häufiger als bei Populationen ohne Diabetes. Etwa jedes fünfte Mädchen mit Typ-1-Diabetes weist ein gestörtes Essverhalten auf. Dies betrifft vor allem die Bulimie.

Von außen sind die Probleme nicht unbedingt sichtbar

Die Gründe sind vielfältig. Ausgangspunkt ist häufig die nach Erstmanifestation und Einstellung auf Insulin beobachtete physiologische Gewichtszunahme. Bei den jungen Frauen bleibt dann oft die Botschaft “Insulin macht dick“. Hinzu kommt häufig ein gestörtes Selbstwertgefühl durch die chronische Erkrankung sowie die beim Diabetes erforderliche ständige Beschäftigung mit Kalorien und Nährstoffgehalten. Dadurch kann ein Gefühl für normales Essverhalten verloren gehen.

Wo andere essgestörte Patientinnen mit Bulimie auf induziertes Erbrechen oder Laxanzienabusus nach Heißhungerattacken setzen, haben Menschen mit Diabetes ein einfacheres Mittel: Sie lassen Insulindosen aus („Insulin Purging“) und nehmen dabei bewusst eine verschlechterte Stoffwechselkontrolle mit allen negativen Folgen in Kauf. 30–34 % erwachsener Frauen geben an, die Insulindosis zwecks Gewichtsregulation zu manipulieren. Äußerlich sieht man den oft normalgewichtigen jungen Frauen die Essstörung nicht unbedingt an, sagte Clever. Hinweisend können aber eine unzureichende Stoffwechseleinstellung mit erheblichen Blutzucker- und Gewichtsschwankungen sein, genauso wie fehlende Blutzuckerwerte aus der Selbstmessung.

Ein häufiges endokrinologisches Problem bei jungen Patienten mit Typ-1-Diabetes adressierte Professor Dr. Heiko Krude von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. So werden zunehmend Kinder und Jugendliche mit L-Thyroxin behandelt, die diese Behandlung gar nicht benötigen. Immer häufiger wird vor allem bei den J1- und J2-Untersuchungen bei unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit oder auch Übergewicht der TSH-Wert bestimmt. Nicht selten findet man hier eine isolierte TSH-Erhöhung bei normalen peripheren Schilddrüsenhormonen, die für sich genommen aber keine Behandlungsindikation ist, betonte der Endokrinologe.

Oft zu viel des Guten bei auffälligen Schilddrüsenwerten

Oft handelt es sich einfach um normale Varianten der TSH-Normalwerte, die keinerlei Krankheitswert haben und oft auch von allein wieder verschwinden. Stellt man diese Kinder unnötigerweise auf L-Thyroxin ein, gibt man ihnen das Gefühl „chronisch krank“ zu sein, was die Selbstwahrnehmung beeinträchtigen kann. Außerdem wird in 30 % der so behandelten jungen Patienten die L-Thyroxin-Dosis zu hoch gewählt, sodass es zu einer leichten iatrogenen Hyperthyreose kommt. Möchte man die unnötige Medikation absetzen, ist das problemlos möglich. Anders als andere endokrine Organe springt die Schilddrüse sofort wieder an, sagte Prof. Krude.

Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie