Kleine Bisswunde an der Hand kostete Patienten erst die Gallenblase und dann beinahe das Leben

Autor: Dr. Sascha Bock

C. canimorsus ist ein typischer Keim der Mundflora von Hunden und Katzen und kann durch Bisse übertragen werden. © iStock/dimid_86

Einen vermeintlich harmlosen Hundebiss beim Herumtollen sollte man nicht einfach ignorieren – auch wenn die Wunde tagelang unauffällig aussieht. Denn bestimmte Faktoren können einem fulminanten septischen Verlauf Vorschub leisten, wie ein aktueller Fall zeigt.

Nach der initialen Diagnostik war eigentlich alles klar. Sowohl Laborbefund als auch CT-Abdomen sprachen für eine Cholangiosepsis, weshalb der 66-jährige Mann notfallmäßig cholezytektomiert wurde. Zuvor hatte ihn seine Frau zu Hause desorientiert aufgefunden und den Notarzt alarmiert. Dyspnoe, hohes Fieber und unblutige Diarrhö hatten zu einer Klinikaufnahme geführt, bei der zusätzlich ein positiver Schockindex und eine Druckdolenz im Oberbauch festgestellt worden war, schreiben Dr. Esther Leenen von der Medizinischen Klinik I des Klinikums Köln-Merheim und Kollegen in einem Posterbeitrag.

Intraoperativ fiel den Chirurgen neben einer mäßig entzündeten Gallenblase dann allerdings noch etwas auf: Das Leberparenchym war makroskopisch verändert, eine Probebiospie sollte Klarheit schaffen. Nach dem Eingriff verschlechterte sich der Zustand rapide, der Patient entwickelte u.a. eine Purpura fulminans, diffuse Schleimhautblutungen sowie ein akutes Nierenversagen. In der Leberhistologie zeigten sich ausgedehnte Nekrosen und thrombosierte Zentralvenen. Letztlich diagnostizierten die Kollegen ein thrombozytopenieassoziiertes Multiorganversagen auf dem Boden einer sepsisbedingten disseminierten intravasalen Koagulopathie.

Was aber löste die Sepsis aus? Die Stuhlkulturen lieferten keinen Hinweis auf pathologische Erreger, auch fand sich kein Shigatoxin/EHEC. Den entscheidenden Hinweis lieferte schließlich die Blutkultur, wo Capnocytophaga (C.) canimorsus isoliert werden konnte – ein typischer Keim der Mundflora von Hunden und Katzen. Auf gezieltes Nachfragen erwähnte die Ehefrau nun erstmals einen Hundebiss vor etwa 8–10 Tagen, die dazugehörige Wunde an der Hand des Mannes sah unauffällig aus.

Bei dem inzwischen intensivpflichtigen 66-Jährigen (Beatmung, Transfusionen, Nierenersatzverfahren) erfolgte eine chirurgische Exzision der Wunde. Mit einer resistogrammgerechten Antibiotikatherapie ließ sich die Infektion im Verlauf gut kontrollieren und die Organfunktionen besserten sich wieder.

Der gramnegative Keim C. canimorsus verursacht beim Menschen mitunter schwere Blutstrominfektionen mit komplizierten Verläufen, Endokarditiden und Meningitiden, so die Experten. Als prädisponierend gelten immunsuppressive Faktoren wie Asplenie oder regelmäßiger Alkoholkonsum, von dem die Ehefrau des Betroffenen im Nachhinein ebenfalls berichtete. Kommt es zu einer Sepsis, liegt die Letalität Schätzungen zufolge bei bis zu 30 %. Eine prophylaktische Gabe von Amoxicillin/Clavulansäure nach Hunde- und Katzenbissen kann Komplikationen verhindern.

Der mikrobiologische Nachweis des Erregers gelingt selten, geben die Kollegen zu bedenken. C. canimorsus vermehrt sich nur langsam und ist schwierig anzuzüchten. Zudem erschwert das vielseitige klinische Bild – wie bei der akuten Cholezys­titis im Fallbeispiel – die Diagnose. Umso wichtiger erscheint bei Patienten mit gramnegativer Sepsis unklarer Genese eine gründliche Anamnese bzgl. Tierkontakten.

Quelle: 124. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin