100 Jahre Insulin – von ersten Versuchen bis hin zur lebensrettenden Injektion

Interview Autor: diabetes zeitung

Extraktion von Insulin aus Tierpankreata im Jahr 1923 (links). Moderne Reinigung rekombinanten Insulins aus Hefezellen (rechts). Extraktion von Insulin aus Tierpankreata im Jahr 1923 (links). Moderne Reinigung rekombinanten Insulins aus Hefezellen (rechts). © Science Photo Library/ NYPL/Science Source, Science Photo Library/Steger, Volker

Vor 100 Jahren war der Typ-1-Diabetes eine tödliche Erkrankung. 1921 begannen dann in Toronto die Forschungsarbeiten. 1922 wurde der erste Patient erfolgreich mit Insulin behandelt. Inzwischen ist viel passiert. Im Interview mit der diabetes zeitung lässt Dr. Viktor Jörgens wichtige Etappen der Insulingeschichte Revue passieren.

Wann begannen die Arbeiten von Banting und Best?

Dr. Viktor Jörgens: Der junge Chir­urg Frederick Banting und der Student Charles Best begannen am 17. Mai 1921 in Toronto im Institut von Prof. MacLeod mit ihren Versuchen. Bantings Idee, die er in der Nacht zum 31.10.1920 gehabt hatte, war es, bei Hunden den Pankreasgang zu unterbinden, aus dem atrophierten Pankreas Insulin zu gewinnen und damit einen pankreatektomierten Hund zu behandeln. Banting und Best hatten zu Beginn riesige Probleme. Anfang Juli hatten sie 19 Hunde operiert, 14 waren sehr bald danach gestorben. Bei nur zwei der fünf Überlebenden war die Ligatur des Pan­kreasgangs erfolgreich. Dann endlich konnten sie in einigen Versuchen zeigen, dass ihr Extrakt wirkte.

Waren diese Hundeversuche eigentlich nötig?

Dr. Jörgens: Bantings erste Methode, Insulin zu gewinnen, hätte niemals zu verwertbaren Mengen Insulin geführt, um damit Patienten zu behandeln. Der wirkliche Fortschritt kam, als es dem Chemiker Collip Ende 1921 gelang, direkt aus Pankreata von Rindern immer besser gereinigtes Insulin zu isolieren.

Also leistete Ihrer Meinung nach Collip den wichtigsten Beitrag?

Dr. Jörgens: Da haben Sie recht. Das Insulin, mit dem in Toronto der erste Mensch am 23. Januar 1922 erfolgreich behandelt wurde, hatte der Biochemiker Collip aus Rinderpankreata hergestellt, ein von Banting und Best hergestellter Extrakt war am 11. Januar ohne Erfolg geblieben. Dass Bantings Geburtstag zum Welt-Diabetes-Tag gekürt wurde, war keine optimale Wahl, das Datum 14.11. kann man aber beibehalten, wenn man statt des Geburtstages daran erinnert, dass am 14. November 1921 Banting und Best zum ersten Mal in MacLeods Institut einen Vortrag gehalten haben. Danach begann das ganze Team des Instituts mit der Arbeit am Insulinprojekt.

Wie erfolgreich war damals die Insulinbehandlung?

Dr. Jörgens: Als „unspeakable wonderful“ beschrieb eine der ersten Patientinnen, Elisabeth Hughes, Tochter eines US-Politikers, den Erfolg der Insulinbehandlung. Sie kam völlig abgemagert nach Toronto und wurde mit Insulin wieder ein kräftiges, glückliches Mädchen. Sie spritzte seit August 1922 Insulin und lebte nach über 40 000 Injektionen bis zu ihrem 73. Lebensjahr.

Wann wurde Insulin für viele Patienten verfügbar?

Dr. Jörgens: Die Forscher in Toronto schafften es nicht, genug Insulin für den wachsenden Bedarf herzustellen. Deshalb nahmen sie das Angebot von Eli Lilly für eine Zusammenarbeit an. Die Firma löste zahllose Probleme. In wenigen Monaten verbrauchte Lilly z.B. 100 000 Kaninchen, die man anfangs benutzte, um Insulin zu standardisieren. In Dänemark begann Hagedorn im Dezember 1922, Insulin herzustellen. Der Nobelpreisträger August Krough, dessen Frau dringend Insulin brauchte, hatte ihn dazu nach einem Besuch in Toronto angeregt. Hagedorns Labor in seinem Wohnhaus wurde die Keimzelle von Novo Nordisk .

Wie sahen damals die Therapiekonzepte aus?

Dr. Jörgens: Die Patienten spritzten vor den Hauptmahlzeiten Normalinsulin. Nur wenige Diabetologen, in Deutschland zunächst Bertram, empfahlen eigenartigerweise, Insulin unabhängig von den Mahlzeiten zu festen Zeiten zu geben. Die meisten Diabetologen führten die kohlenhydratarme Diät der Vorinsulinära weiter.

Seiner Zeit weit voraus war der Professor Karl Stolte in Breslau. Er propagierte die „bedarfsgerechte Insulintherapie bei freier Kost“, basierend auf Selbstmessungen der Glukosurie. Jahrzehntelang wurde diese Therapie angefeindet. Strenge Diätvorschriften und ein Verbot von Selbstmessungen und Selbstanpassungen der Insulindosis waren in Ost- und Westdeutschland jahrzehntelang bei Meinungsbildnern die Regel. Erst in den 1980er-Jahren begann sich die Patientenschulung zur Selbstbehandlung als obligater Bestandteil der Insulintherapie durchzusetzen. Auch die Technik half, Blutglukosemessmethoden und Injektionsgeräte haben das Leben für Menschen mit Diabetes leichter gemacht.

Welche anderen Fortschritte halten Sie für besonders wichtig?

Dr. Jörgens: Viele kleine Schritte ist man seither vorangekommen. Z.B. wurde 1955 die Struktur des Insulins geklärt, was schließlich in die gentechnische Herstellung mündete. Aber die Bedeutung der Entdeckung des Insulins wurde nie wieder erreicht: die number needed to treat war damals fast 1, Insulin wirkte bei Typ-1-Diabetes lebensrettend. Heute gibt es „Standing Ovations“ für NNTs von 30. Wir müssen anerkennen, dass es einen so bahnbrechenden Fortschritt wie die Einführung der Insulinbehandlung seit 100 Jahren nicht mehr gegeben hat. Zu hoffen ist für die Zukunft auf die Klärung der Ursachen der verschiedenen Formen des Diabetes mit dem Ziel spezifischer Behandlung oder Prävention. Es gibt also noch Nobelpreise für Diabetesforscher zu gewinnen!

Quelle: Interview


Dr. Viktor Jörgens, Executive Director EASD/EFSD 1987–2015 Dr. Viktor Jörgens, Executive Director EASD/EFSD 1987–2015 © zVg