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Primärer Hyperparathyreoidismus Alle Werte parat haben

Autor: Dr. Melanie Söchtig

Bei Verdacht auf einen pHPT ist eine Blutuntersuchung sowie eine Untersuchung des 24-Stunden-Sammelurins erforderlich. Bei Verdacht auf einen pHPT ist eine Blutuntersuchung sowie eine Untersuchung des 24-Stunden-Sammelurins erforderlich. © iStock/luchschen
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Häufigste Ursache einer Hyperkalzämie ist der primäre Hyperparathyreoidismus. Trotzdem bleibt die Erkrankung oft lange unerkannt. Der Weg zu einer gesicherten Diagnose führt über das Labor – unter Berücksichtigung verschiedener Differenzialdiagnosen.

Der primäre Hyperparathyreoidismus (pHPT) ist durch eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen gekennzeichnet, die mit einer erhöhten Sekretion von Parathormon (PTH) einhergeht. Er entsteht durch die Expansion abnormaler Nebenschilddrüsenzellen. Bei etwa 10 % der Betroffenen wird diese vermutlich durch eine starke genetische Prädisposition begünstigt, schreiben Dr. Katja Gollisch, Universitätsmedizin Göttingen, und Prof. Dr. Heide Siggelkow vom MVZ Endokrinologikum Göttingen. Zu diesen genetisch bedingten Erkrankungen gehören beispielsweise die Multiple Endokrine Neoplasie (MEN) oder der familiäre isolierte Hyperparathyreoidismus.

In 80 % der Fälle bleibt ein pHPT asymptomatisch. Es gibt jedoch auch Verläufe, die erhebliche Organschäden bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen mit sich bringen. So wiesen Betroffene in einer Studie nach 14 Jahren Follow-up ein relatives Letalitätsrisiko von 2,2 gegenüber Kontrollpatienten auf.

Wichtige Normwerte

Serumkalzium

2,15–2,55 mmol/l

Parathormon

1,8–7,7 pmol/l

25-Hydroxy-Vitamin D

75–116 nmol/l

Kalziumausscheidung im 24-Stunden-Urin

2,5–8,0 nmol/24 h

Das überschüssige Parathormon wirkt sich auf vielfältige Art auf den Organismus aus. Es kommt zu einer Mobilisierung von Kalzium aus den Knochen und einer gesteigerten Resorption aus dem Darm. Weiterhin nehmen Phosphat- und Bikarbonat­ausscheidung zu und führen zu Hypo­phosphatämie, Azidose und Hyperkalziurie.
Über Interaktionen mit dem Renin-Angiotensin-System beeinflusst Parathormon auch Herz und Gefäße. Erhöhte PTH- und Kalziumspiegel können über eine vermehrte Freisetzung von Renin, Angiotensin, Aldosteron und Noradrenalin zu einem Hypertonus führen. Auch strukturelle Veränderungen am Herzen und an den Gefäßen sind möglich. Zudem ist bei Patienten mit pHPT der Glukosestoffwechsel beeinträchtigt, was vermutlich auf eine durch Kalzium veränderte Affinität des Insulinrezeptors zurückzuführen ist.

Depressionen, Psychosen und Muskelschwäche

Letztlich wird auch das zentrale Nervensystem von PTH beeinflusst. Deshalb können im Rahmen eines pHPT psychiatrische Beschwerden wie Depressionen oder Psychosen entstehen oder zunehmen. Als Folge der Hyperkalzämie kann es außerdem zu einer Muskelschwäche kommen.

Bei Verdacht auf einen pHPT ist eine Blutuntersuchung sowie eine Untersuchung des 24-Stunden-Sammelurins erforderlich (Normwerte s. Tabelle). Im Serum werden Kalzium, Phosphat, Kreatinin, PTH und Vit­amin D bestimmt. Die Kalziummessung sollte anhand des für Albumin korrigierten oder ionisierten Kalziums erfolgen und aufgrund schwankender Werte mehrfach wiederholt werden. Im Sammelurin prüft man die Kalzium- und Kreatininausscheidung über 24 Stunden. Hierbei ist zu beachten, dass die Kalziumausscheidung unter der Einnahme von Lithium oder Thiaziden und bei chronischer Nierenerkrankung nicht aussagekräftig ist.

Der Verdacht auf einen pHPT erhärtet sich, wenn sowohl Parat­hormon als auch Serumkalzium erhöht sind. Ist der PTH-Wert bei Hyperkalzämie erniedrigt, kommen als Differenzialdiagnosen insbesondere maligne Erkrankungen mit Knochenaffektion in Betracht. Bei erhöhtem PTH, aber normwertigem Kalzium sollte auch an einen Vit­amin-D-Mangel oder eine Nieren­insuffizienz gedacht werden.

Vor allem der normokalzämische pHPT ist von einem sekundären HPT bei Vitamin-D-Mangel schwer zu unterscheiden. Deshalb ist es insbesondere bei grenzwertigen Befunden sinnvoll, die Messungen nach Kontrolle des Vitamin-D-Spiegels und evtl. erforderlicher Supplementierung zu wiederholen. Ausgeglichen wird ein Mangel mit 800–1.000 IE Vitamin D3 täglich bei Hyperkalzämie bzw. mit bis zu 2.000 IE bei Normokalzämie.

Genetische Ursachen in Betracht ziehen

Hyperkalzämie, Hypophosphatämie und erhöhte HPT-Werte finden sich auch bei der familiären hypokalzi­urischen Hyperkalzämie. Im Zweifel sollte diese durch Berechnung der fraktionierten Kalziumexkretion ausgeschlossen und bei Ergebnissen unter einem Prozent eine genetische Untersuchung veranlasst werden.

Als gesichert gilt die Diagnose eines pHPT, wenn neben erhöhtem PTH auch Hyperkalzämie, Hypophosphatämie und Hyperkalziurie festgestellt werden konnten. Da das Prozedere bei genetisch bedingtem pHPT sehr unterschiedlich ist, wird bei begründetem Verdacht eine genetische Diagnostik empfohlen. Dieser besteht, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:

  • positive Familienanamnese
  • junges Manifestationsalter
  • Verdacht auf Mehrdrüsenerkrankung
  • Vorhandensein weiterer MEN1-, MEN2- oder HPT-JT-assoziierter Tumoren

Im Anschluss an die Diagnose muss bei jeder Form des primären Parathyreoidismus nach möglichen Folgeschäden gesucht werden. Hierbei sei insbesondere auf die Knochendichtemessung sowie die Abdomensonographie zur Klärung einer Nephrokalzinose oder Nephrolithiasis hingewiesen.

Quelle: Gollisch KSC, Siggelkow H. Dtsch Med Wochenschr 2022; 147: 187-199; DOI: 10.1055/a-1241-6555

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