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Typ-1-Diabetes Analoges Insulin, digital appliziert

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Der Patient hat die Wahl: Entweder kann er sich die passenden Dosen selbst subkutan injizieren. Oder er benutzt eine Insulinpumpe. Der Patient hat die Wahl: Entweder kann er sich die passenden Dosen selbst subkutan injizieren. Oder er benutzt eine Insulinpumpe. © iStock/Daria Nipot
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Neue Medikamente und Insulinpens, kontinuierlich messende Sensoren und softwaregesteuerte Pumpen – das alles verhilft Menschen mit Typ-1-Diabetes zu besserer Lebensqualität und verhindert Komplikationen. Für die Zukunft versprechen Closed-Loop-Systeme eine vollautomatische Blutzuckereinstellung in nahezu jeder Lebenslage.

Menschen mit Typ-1-Diabetes müssen sich jeden Tag mehrfach Insulin spritzen. Idealerweise soll das den Blutglukosespiegel im physiologischen Bereich halten und den Betroffenen gleichzeitig eine hohe Flexibilität in der Gestaltung ihres Alltags erlauben. Gedeckt wird der Insulinbedarf in aller Regel über drei Komponenten:

  • Das Basalinsulin verringert die präprandiale Gluko- und Ketogenese.
  • Das Mahlzeiteninsulin deckt die Aufnahme von Kohlenhydraten und anderen Makronährstoffen.
  • Das Korrekturinsulin dient der Behandlung von Hyperglyk­ämien.

Die angestrebten Zielwerte lassen sich am besten mit einem Multidosisregime erreichen, schreiben Prof. Dr. ­Richard ­Holt von der Universitätsmedizin ­Southampton und Kollegen. Der Patient hat die Wahl: Entweder kann er sich die passenden Dosen selbst subkutan injizieren. Oder er benutzt eine Insulinpumpe. Letztere setzt als Basalrate kontinuierlich ein rasch wirksames Insulinanalogon frei. Der Patient spritzt nur die zusätzlich benötigten Boli selbst.

Modifizierte Insuline kommen bevorzugt zum Einsatz

Für moderne lang wirksame Analoga konnte gezeigt werden, dass die zweimal tägliche Applikation den Basalbedarf besser abdeckt und dem Patienten eine größere Freiheit ermöglicht, heißt es in einem Konsensusreport von EASD und ADA*, den Diabetesgesellschaften von Europa und den USA. Zudem ist ihre Verwendung mit einer geringeren Hypoglykämierate verbunden. Rasch wirksame Analoga decken die Mahlzeiten besser ab und lösen weniger postprandiale Unterzuckerungen aus.

Deshalb werden heutzutage die modifizierten Insuline bevorzugt eingesetzt. Allerdings haben auch die NPH-Insuline und die kurz wirksamen Humaninsuline bzw. Mischinsuline nach wie vor ihre Berechtigung. Sie eignen sich zur Stoffwechselkontrolle bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die weder eine Pumpe benutzen noch sich mehrfach täglich spritzen möchten oder können.

Art und Weise der Applikation sollte sich nach den Bedürfnissen und Vorlieben des Patienten richten. Wer keine Pumpe nutzt, kann das blutzuckersenkende Hormon mit Spritze oder Pen verabreichen. Dünne, kurze Nadeln ermöglichen eine nahezu schmerzfreie Injektion. Entgegen landläufiger Vorstellung haben auch stark übergewichtige Patienten keine wesentlich dickere Haut. Bei einer Injektion mit einer 4 mm kurzen Nadel im 90-Grad-Winkel besteht nur ein sehr geringes Risiko, im Muskel zu landen.

Insulin inhalieren

In den USA ist bereits ein inhalierbares Humaninsulin zugelassen. Es ähnelt in seinem Effekt den rasch wirksamen Analoga und reduziert die frühen postprandialen Hyperglykämien besser als die späten. An Nebenwirkungen ist mit Husten und Halsschmerzen zu rechnen, eine regelmäßige Kontrolle der Lungenfunktion ist obligat. Auch die peritoneale Insulinapplikation über ein Portkathetersystem oder eine implantierbare Pumpe ist möglich. Die Technologie reduziert HbA1c, Blutzuckerschwankungen und Hypoglykämien besser als die subkutane Insulininjektion, ist aber mit vermehrten Lokalinfektionen und Katheterokklusionen verbunden. Zudem kann es zur Bildung von Insulinantikörpern und stark schwankenden Glukosewerten kommen.

Insulinpumpen für die subkutane Applikation ermöglichen die kontinuierliche Hormonabgabe direkt ins Gewebe. Unterschieden werden zwei Systemtypen: Das Insulin kann entweder über einen Schlauch appliziert werden. Oder es gelangt über den sogenannten Pod, der das Insulinreservoir, die Kanüle und die Pumpe beinhaltet, in den Körper. Der Pod wird direkt auf die Haut geklebt und die Wirkstoffabgabe drahtlos von außen gesteuert. Moderne Pumpen verfügen über einen Bolusrechner, der mit dem patientenindividuellen Kohlenhydrat-Insulin-Verhältnis und den erforderlichen Korrekturfaktoren programmiert ist.

Manche Patienten nutzen selbstgebaute Systeme

Hybrid-Closed-Loop-Systeme bestehen aus einer Insulinpumpe, einem Sensor zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) und einem Kontrollalgorithmus. Letzterer überprüft die Freisetzung des Basalinsulins. In manchen Fällen steuert er auch die Korrekturdosen auf Grundlage der Blutzuckerwerte. Den Mahlzeitenbolus muss sich der Patient selbst verabreichen. Die Behandlung mit einem Hybrid-Closed-Loop-System bietet den Vorteil, dass sich der Blutzucker länger im therapeutischen Bereich halten lässt als mit anderen Methoden. Manche Typ-1-Diabetiker nutzen selbstgebaute Closed-Loop-Systeme, die sie aus einem kommerziell erhältlichen Gerät zur kontinuierlichen Glukosemessung und einer Insulinpumpe zusammensetzen. Eine Software sorgt für die Kommunikation zwischen den Komponenten und steuert die Insulinfreisetzung. Aus Sicherheitsgründen dürfen Ärzte die Komponenten für solche Do-it-yourself-Systeme nicht verordnen. Sie sollten aber das Entscheidungsrecht des gut informierten Patienten respektieren, wenn dieser eine solche Technik nutzen möchte, und ihn weiterhin behandeln, meinen die Autoren. Komplett autonom arbeitende Closed-Loop-Systeme mit vollautomatisierter Insulinfreisetzung sind längst Gegenstand der Forschung. Die ersten Modelle werden wahrscheinlich in den kommenden Jahren zugelassen und auf den Markt kommen. Mit ihnen dürften Betroffene mit Typ-1-Diabetes noch einmal eine verbesserte Blutzucker­einstellung bei minimalem Hypoglykämierisiko erreichen. Inzwischen wird auch an bihormonalen Systemen gearbeitet, die sowohl Insulin als auch Glukagon freisetzen.

* European Association for the Study of Diabetes; American Diabetes Association

Quelle: Holt RIG et al. Diabetologia 2021; 64: 2609-2652; DOI: 10.1007/s00125-021-05568-3

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