Asthma: berufsbedingten Auslösern auf die Spur kommen

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Montageschaum enthält meist Iso­cyanate, die Zellmem­branen schädigen und Schleimhäute reizen können. © Fotolia/K. Thalhofer

Wenn sich ein Asthma bronchiale erst im Erwachsenenalter manifestiert, steckt oft eine berufliche Exposition dahinter. Verlieren die Betroffenen wegen der Erkrankung Arbeitsplatz und Einkommen, wird die objektive Diagnostik umso wichtiger.

Beim berufsbedingten Asthma (Work Related Asthma, WRA) lassen sich verschiedene Formen unterscheiden: In einem Teil der Fälle wird die obstruktive Lungenkrankheit erst durch den beruflichen Kontakt mit bestimmten Substanzen ausgelöst (Occupational Asthma, OA). Ebenso kann sich aber auch z.B. ein vorbestehendes, saisonales allergisches Asthma durch den Kontakt mit chemischen Stoffen oder Allergenen am Arbeitsplatz verschlimmern (Work Aggravated Asthma, WAA). Mehr als 20 % der Asthmafälle bei Erwachsenen gehen auf ein solches WAA zurück, schätzen Dr. Anh Dao und Professor Dr. David I. Bernstein­ vom University of Cincinnati College of Medicine.

Zu Hause gehen die Symptome für gewöhnlich zurück

Als Auslöser des beruflich bedingten Asthmas fungieren zwei Gruppen von Substanzen: Zum einen sind es niedermolekulare Chemikalien wie die Diisocyanate, zum anderen komplexe Allergene, etwa von Labortieren, Weizenproteine oder Pilzenzyme in der Lebensmittelindustrie. Dabei machen die Eiweißstoffe den weitaus größeren und vielfältigeren Teil der sensibilisierenden Verbindungen aus. Um berufliche Ursachen nicht zu übersehen, empfehlen die Autoren, bei allen Patienten mit neu aufgetretenem Asthma eine gezielte Anamnese über eine mögliche Exposition am Arbeitsplatz zu erheben.

Asthma durch Terror?

Typischer Auslöser einer reaktiven Atemwegsdysfunktion (RADS) ist die Inhalation von Rauch oder Staub. Möglicherweise hatte auch ein Teil der Opfer des Anschlags auf das World Trade Center am 9. September 2001 ein RADS. Bekannt ist, dass viele der Betroffenen eine anhaltende bronchiale Hyperreagibilität entwickelten und diese Störung mit dem Grad der Exposition korrelierte. Unklar ist, ob dabei die RADS-Definition erfüllt wurde.

Oft äußern die Betroffenen schon von sich aus einen konkreten Verdacht. Außerdem treten beim berufsbezogenen Asthma die Beschwerden üblicherweise mit dem täglichen Arbeitsbeginn auf und verstärken sich zusehends. Im Feierabend und daheim gehen die Symptome für gewöhnlich zurück, ebenso an Wochenenden und im Urlaub. Manche Patienten zeigen aber selbst Wochen und Monate, nachdem sie die Arbeit aufgegeben haben, noch immer Symptome.

Bei Rauchern oft für eine chronische Bronchitis gehalten

Umgekehrt entwickeln viele Patienten trotz monate- oder jahrelangem, regelmäßigem Kontakt mit den potenziellen Auslösern keinerlei Beschwerden. Diese asymptomatische „Latenzzeit“ ist charakteristisch für ein IgE-vermitteltes Asthma, ausgelöst durch Proteine oder Chemikalien wie die Diisocyanate. Auch begleitende Symptome an Augen und Nase wie Jucken oder Niesen sprechen für eine IgE-abhängige Sensibilisierung. Leidet der Patient bereits an einem Asthma wegen luftgetragener Allergene, sollte das den Verdacht auf eine unspezifische Verstärkung am Arbeitsplatz wecken. Eine durch den Beruf ausgelöste Erkrankung ist damit aber nicht ausgeschlossen, der Patient kann sowohl eine OA als auch eine WAA haben! Vorsicht ist bei Rauchern geboten – ihr Asthma wird nicht selten fälschlich als chronische Bronchitis eingestuft.

Die Diagnose RADS basiert weitgehend auf dem retrospektiv ermittelten akuten Kontakt mit einer hoch dosierten, irritierenden Substanz. Innerhalb von 24 Stunden nach Exposition kommt es zu Husten und Dyspnoe. Die bronchiale Hyperreaktivität wird durch einen positiven Metacholintest gesichert. Ob auch ein chronischer Kontakt mit geringen Mengen der Noxen ein Asthma auslösen kann, wird derzeit noch kontrovers diskutiert.

Ergibt sich anamnestisch der Verdacht auf berufsbedingtes Asthma (OA), muss zunächst die Diagnose objektiv gesichert werden, indem ein Abfall der Lungenfunktion unter Exposition mit dem Reizstoff die berufliche Genese nachweist. Als Goldstandard gilt die spezifische Inhalationsprovokation, die aber nicht überall verfügbar ist. Alternativ kommen wiederholte Messungen der Peak Exspiratory Flow Rate (PEFR) am Arbeitsplatz und ohne Exposition infrage. Eine Sensibilisierung an der Arbeitsstelle sollte mittels Pricktest und/oder spezifischem IgE im Serum bestätigt werden. Allerdings stehen für den Pricktest kaum kommerziell erhältliche Allergene zur Verfügung. Auch für das spezifische IgE sind Sensitivität und Spezifität nur für wenige Verbindungen (z.B. Diisocyanate, Naturlatex) validiert.

5–10 % der Arbeiter mit Diisocyanat-Kontakt erkranken

Zu den wichtigsten Auslösern des berufsbedingten Asthmas zählen die Diisocyanate. Gefährdet sind z.B. Personen, die mit Plastik, Klebstoffen, Lacken oder Dichtungsmitteln arbeiten. Studien zufolge entwickeln etwa 5–10 % der diisocyanatausgesetzten Arbeiter ein OA. Zur Expositionskontrolle gibt es inzwischen Urintests.

Ein gespaltenes Bild zeichnet sich bei den Reinigungsmitteln ab: Bei den Personen, die in der Produktion dieser Stoffe arbeiten, geht das Berufsasthma (OA) zurück – während es im Reinigungsgewerbe zunimmt, auch im Gesundheitswesen. Aktuelle Daten sprechen dafür, dass Reinigungsmittel sowohl ein Asthma auslösen als auch ein vorhandenes Asthma verstärken können. Bei Krankenschwestern etwa geht der Gebrauch von Desinfektionsmitteln mit einer schlechteren Asthmakontrolle einher.

Berufskrankheit RADS

Ein durch Noxen induziertes Asthma kann sich mit einer akuten Dysfunktion der Atemwege (RADS, Reactive Airways Dysfunction Syndrome) bemerkbar machen. Typische Zeichen sind Husten, Giemen und Kurzatmigkeit. Die Beschwerden beginnen innerhalb von 24 Stunden nach einem kurzen, aber hoch dosierten Kontakt mit dem Reizstoff, etwa nach Verschütten entsprechender Chemikalien oder nach Einatmen von Rauch oder Chlorgas.

Das sogenannte Bäckerasthma entwickeln Personen, die in der Lebensmittelindustrie, der Tierfutterherstellung oder Landwirtschaft arbeiten. Getreideproteine und α-Amylasen aus Pilzen können bei entsprechender Sensibilisierung ein berufsbedingtes Asthma (OA) und eine Rhinitis auslösen. Besonders kleine Mehlstaubpartikel fördern möglicherweise eine allergische Alveolitis.

Dao A, Bernstein DI. Ann Allergy Asthma Immunol 2018; 120: 468-475