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Insulin Bei hohen Temperaturen schneller oder wirkungslos

Autor: Dr. Elisabeth Nolde

Temperaturen über 30 °C machen Insulin zu schaffen. Temperaturen über 30 °C machen Insulin zu schaffen. © iStock/samarets1984, iStock/LisLud
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Hitze und wiederkehrende sommerliche Hitzewellen können bei insulinpflichtigen Menschen mit Diabetes klinisch irritierende Befunde und massive Gefähr­dungen nach sich ziehen. Zwei Fallbeispiele, in denen der ­Besuch in der Notaufnahme mit besserer Aufklärung vermeidbar gewesen wäre.

Sommerliche Hitze, wie sie uns in Zeiten des Klimanwandels immer häufiger begegnet, kann Menschen mit Diabetes zu schaffen machen. Dies gilt z.B., wenn deren Vasodilatation und das Schwitzen gestört sind, erklärte Dr. Lena Marie­ Jakob­ vom St. Josefskrankenhaus Heidelberg. Zur reduzierten trockenen Wärmeabgabe kommt durch Reduktion der Schwitzfähigkeit noch eine verringerte feuchte Wärmeabgabe hinzu. „Beides resultiert aus einer gestörten regulatorischen Kontrolle, sowohl zentral als auch peripher.“

Dehydratation führt zu weiteren Problemen

Klinisch erschwerend wirken sich Komorbiditäten aus, z.B. Adipositas, periphere Neuropathie oder diabetische Nephropathie insbesondere aufgrund einer Exsikkose und Dehydratation. Arteriosklerose etwa birgt Gefährdungen, weil es im Rahmen einer Dehydratation zur erhöhten Osmolalität kommen kann – mit steigendem Herzinfarktrisiko für Menschen mit Diabetes.

Doch auch andere Aspekte sind bei Hitze im Lebensalltag von Menschen mit einer Insulintherapie zu beachten, was die Referentin anhand von zwei Fallbeispielen verdeutlichte. Im ersten Fall kam eine 27-Jährige mit Typ-1-Diabetes nach einem Sommerurlaub mit akuten, starken Bauchschmerzen in eine interdisziplinäre Notaufnahme. Sie klagte über Übelkeit und Erbrechen und war exsikkiert. Die junge Frau führte seit vielen Jahren eine intensivierte Insulintherapie durch. Ihr Freund berichtete, sie sei in den vergangenen Tagen eher schläfrig gewesen.

Bei der Untersuchung in der Notaufnahme wurde eine epigastrische Abwehrspannung mit ubiquitärem Druckschmerz bei regelrechten Darmgeräuschen festgestellt. Es fanden sich keine Lipodystrophien durch die Spritzentherapie. Labordia­gnostisch fielen etliche Abweichungen auf: ein erhöhter Kaliumwert von 5,7 mmol/l, Hinweise auf ein akutes Nierenversagen (Kreatinin 2,1 mg/dl) sowie eine leicht entzündliche Komponente mit einem CRP von 54 mg/l. Der Glukosewert lag bei 388 mg/dl. Massiv erhöht war der Lipasewert mit 1.340 U/l. Eine Abdomensonographie erwies sich als unauffällig. Die Verdachtsdiagnose in der chirurgischen Notaufnahme lautete: akute Pankreatitis bei Typ-1-Diabetes.

Bei der darauf folgenden internistischen Untersuchung fiel die vertiefte Atmung der Patientin auf: Die arterielle Blutgasanalyse zeigte einen deutlich reduzierten Blut-pH-Wert von 7,15. Es bestand eine azidotisch-metabolische Situation mit einem BE von -21 mval/l und einem Ketonwert im Blut von 5,4 mmol/l. Somit lag eine hyperglykämische Ketoazidose vor. Der erhöhte Lipasewert wurde mit einer Pseudo-Pankreatitis erklärt und die starken Schmerzen als Pseudo-Peritonismus eingeordnet.

In einer erneuten Nachbefragung der Patientin stellt sich heraus, dass sie in den letzten Tagen immer wieder erhöhte Blutzuckerwerte > 250 mg/dl gehabt und keine Ketone gemessen hatte. Insgesamt fühlte sie sich noch schwach und berichtete nun, sie sei vor zwei Wochen in Afrika im Urlaub gewesen.

Synoptisch war in diesem Fall von einem Wirkverlust des Insulins durch Hitze auszugehen. „Die Patientin verwendete das Insulin, das sie im Urlaub genutzt hatte, auch anschließend zu Hause weiter“, erläuterte Dr. Jakob.

Schulen und Aufklären kann im Ernstfall Leben retten

Der Frau war nicht bewusst, dass es bei Hitze zu einem Wirkverlust kommen kann – sie war auch nicht über die Temperatursensibilität von Insulin informiert worden. Hinweise des jeweiligen Herstellers zum maximalen Verwendungszeitraum und zur maximalen Lagerungstemperatur (meist in der Größenordnung von 25–30 °C) sollten bei einer Insulintherapie aber bekannt sein. Dies unterstreicht die Bedeutung von umfassenden Schulungen und auch die Aufklärung über mögliche Tücken einer Insulintherapie während Ausflügen bei sommerlicher Hitze, wie auch das zweite Fallbeispiel illustriert.

Hierbei handelte es sich um eine 70-jährige Frau mit Typ-2-Diabetes und einem BMI von 30  kg/m2, die seit sechs Monaten eine Insulintherapie nutzte. Zuvor war sie mit Tabletten eingestellt. Ihre Enkelkinder hatten sie überredet, seit Langem wieder einmal mit ins Freibad zu gehen. Dort wurde sie im Verlauf des Nachmittags allerdings bewusstlos auf ihrem Strandtuch aufgefunden.

Der alarmierte Notarzt dokumentierte eine Tachykardie, Hypotonie und sehr feuchte Haut. Der Blutzucker lag bei 37 mg/dl. Die Seniorin erhielt umgehend intravenös Glukose und wurde in die Klinik transportiert. Dort angekommen, hatte sich der Blutzucker wieder normalisiert: Die Laboruntersuchung ergab einen Glukosewert von 104 mg/dl bei einem HbA1c von 7,8 %. Die Diagnose lautete hypoglykämisches Koma. Haupteffekt für diesen Zwischenfall war eine bessere Insulinwirkung durch erhöhte Perfusion bei Hitze, erläuterte Dr. Jakob. Fatalerweise könne bei heißen Temperaturen zur erhöhten Insulinwirkung noch der Aspekt hinzukommen, dass bei Hitze oft eine reduzierte Kohlenhydrataufnahme erfolgt.

Hypoglykämiesymptome nicht der Hitze zuordnen

Die Patientin stand seit sechs Monaten unter einer Insulintherapie mit standardmäßiger Insulineinstellung – feste Boli zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Sie hatte sich, wie sonst zu Hause auch, mittags ihr Insulin gespritzt.

„Zur Prävention einer Unterzuckerung bei sommerlicher Hitze gehört die Beratung über mögliche Dosis­anpassungen“, betonte Dr. Jakob. Außerdem sollten Symptome einer Hypoglykämie von den Betroffenen nicht der Hitze zugeordnet werden. Die Expertin riet, vor und während Hitzewellen proaktiv Kontakt mit Risikopatienten aufzunehmen (s. Kasten).

Praktische Tipps

Vor Hitzeperioden oder während einer Hitzewelle:
  • zur Flüssigkeitssubstitution motivieren
  • Blutzuckermonitoring intensivieren und Ketone regelmäßig messen
  • bei Insulintherapie: Insulin gemäß Angaben der Hersteller lagern und medizinische Hilfsmittel empfehlen, z.B. Kühltaschen oder Temperaturschutzkappen für den Pen. Gegebenenfalls die Insulindosis anpassen wegen des Risikos eines rascheren Anflutens bei Hitze.
  • bei Pumpentherapie: die Pumpe unter der Kleidung und körpernah tragen, kürzere Schlauchlänge.

Quelle: Diabetes Herbsttagung 2021
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