Bei Laktoseintoleranz mehr als nur den Enzymmangel bedenken

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Trockenmilchprodukte finden z.B. in der Fleischindustrie Verwendung. Eine versteckte Laktosequelle, denn einige Pulver enthalten mehr als 60 % Milchzucker. © iStock/AlasdairJames

Pauschal verzichtet so mancher Laktose­intolerante auf milchzuckerhaltige Produkte. Das ist zu kurz gedacht, denn Betroffenen bleibt eine Laktase-Restaktivität. Und auch Personen ohne den Enzymmangel sind vor Sym­ptomen nicht gefeit – ein hausgemachtes Problem.

Laktoseintoleranz beschreibt zunächst nur, dass Laktose nach dem Essen bzw. Trinken zu Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall führt. Diese Beschwerden beruhen auf einem Laktasemangel im Dünndarmepithel. Das Enzym spaltet normalerweise den Milchzucker in seine resorbierbaren Bestandteile Galaktose und Glukose. Nicht-verstoffwechselte Laktose wird dagegen im Kolon von den dort ansässigen Darmbakterien vergärt, was die Beschwerden ins Laufen bringt.

Im Säuglingsalter verträgt fast jeder Laktose – ein späterer genetisch bedingter Rückgang der Laktaseaktivität ereilt in Deutschland etwa 15–20 % der Bevölkerung (primäre Hypolaktasie), so Diplom-Ökotrophologin Christiane Schäfer von der Allergologischen Schwerpunktpraxis Hamburg.

0,5 l Buttermilch wirken teils auch bei Gesunden abführend

Allerdings verschwindet die Laktase nicht vollständig im Nirwana: Eine Restaktivität bleibt erhalten, auch wenn es nur etwa ein Zehntel der früheren ist. Das wiederum bedeutet, dass viele Betroffene Laktose durchaus vertragen, nur eben in geringeren Mengen als Gesunde. Und selbst Letztere bekommen bei einem ungünstigen Ernährungsstil Probleme, z.B. können 300–500 ml Buttermilch auch bei einem genetisch gesunden Menschen auf leeren Magen abführend wirken.

Die Prävalenz der Hypolaktasie an sich ist offenbar nicht gestiegen, schreibt die Expertin. Vielmehr würden Auswahl und Zusammensetzung der Lebensmittel in der westlichen Welt die Spaltungseffektivität des Enzyms entscheidend beeinflussen (s. Kasten). Harmoniert die Lebensmittelwahl nicht mit den Grundsätzen der Verdauung, passt sich das Mikrobiom entsprechend an – mit Folgen für die Darmgesundheit.

Laktase kann nicht alles stemmen

Folgende extrinsische und intrinsische Faktoren können mit einer nicht ausreichenden Enzymaktivität einhergehen:

  • Kurze Kontaktzeit bzw. zu schnelles Anfluten großer Laktosemengen durch ungünstige Lebensmittelauswahl und Mahlzeitenkomposition.
  • Verstecktes Laktoseüberangebot durch mehr Milchtrockenprodukte in Snacks, Backwaren und Süßem.
  • Unerwünschte Prädominanz von H2-Bakterien durch ungünstige Essmuster und Lebensmittelauswahl (insbesondere H-Milchmischgetränke, wenig Gemüse).

Neben der genetischen Prädisposition gibt es einige Darmkrankheiten, bei denen die Laktase wegen der Zellschäden in der Dünndarmschleimhaut (passager) ausfällt. Dazu gehören u.a. chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Zöliakie oder auch Darmparasiten. Bevor es an die Diät geht, sollte man solche sekundären Formen der Laktoseintoleranz ausschließen (lassen). Goldstandard für die Diagnose ist der H2-Atemtest. Passen Messwert und Symptome und sind Differenzialdiagnosen ausgeschlossen, gilt das Resultat als zuverlässig.

Ein erfahrener Ernährungsberater kann auch mithilfe eines Ernährungstagebuchs wichtige Hinweise erhalten. Der Patient notiert sieben Tage lang, was er wann gegessen und getrunken hat und welche Symptome wann auftraten. So lässt sich gemeinsam erarbeiten, welche Lebensmittel in welchen Mengen vertragen werden.

Die Menge an Milchzucker in Pharmaka ist unbedenklich

Ein Problem: Laktose ist nicht nur in Frischmilch(-produkten) enthalten, sondern auch in den immer häufiger verwendeten Trockenmilchpulvern. Diese werden oft bei der Herstellung von Backwaren und Eis, aber auch von Fleisch- und Fischerzeugnissen eingesetzt oder zum Süßen der als „weniger süß“ deklarierten Produkte benutzt. Hingegen spielt der Milchzucker, den viele Medikamente (Tabletten) als Trägerstoff enthalten, kaum eine Rolle, die Mengen sind mit 0,03 g bis 0,19 g pro Tablette viel zu gering.

Für die individuelle optimale Behandlung wird zum modifizierten Drei-Stufen-Modell geraten:

  1. Zunächst wird die Laktose so weit wie möglich aus der Ernährung verbannt und der Patient ausführlich von einem Ernährungsexperten beraten (maximal zwei Wochen).
  2. Danach wird der Milchzucker unter genauer Beobachtung testweise wieder eingeführt. In dieser zweiten Phase kann der Patient herausfinden, mit welchen Produkten und Portionen er zurechtkommt.
  3. In Phase 3 kann gemeinsam mit einem Ernährungsspezialisten individuell eine langfristige und alltagstaugliche Diät ausgearbeitet werden.

Von einem dauerhaften Laktoseverzicht rät die Ökotrophologin bei vorhandener Restspaltungsaktivität ab, da viele wichtige Darm-Mikroorganismen auf den Milchzucker angewiesen sind. Zusätzlich ist nicht nur der Laktosegehalt eines Lebensmittels relevant, sondern auch die Menge und die Kombination, in der man es isst. Proteine und Fett z.B. verlängern die Verweildauer einer Mahlzeit im Magen und reduzieren so die Menge an Laktose, die pro Zeiteinheit den Dünndarm passiert (Matrixeffekt). Auch eine geringe Laktaserestaktivität kommt dann mit Laktosemengen zurecht, die – schneller und alleine aufgenommen – zu Beschwerden geführt hätten.

Quelle: Schäfer C. Ernährungs Umschau 2019; 5. M288-M300