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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen Calprotectin besser verstehen

Autor: Sabine Mattes

Stark erhöhte Werte korrelieren oft mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die Entscheidungsfindung beruht aber auf Wahrscheinlichkeiten. Stark erhöhte Werte korrelieren oft mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die Entscheidungsfindung beruht aber auf Wahrscheinlichkeiten. © iStock/harunhalici
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Die quantitative Bestimmung von fäkalem Calprotectin gilt als ein Standardverfahren in der Diagnostik chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Aus der Konzentration des Proteins im Stuhl lassen sich zudem Rückschlüsse auf den voraussichtlichen Verlauf der Erkrankung ziehen.

Fäkales Calprotectin (CP) ist ein etablierter Biomarker zur Bewertung von Entzündungsprozessen im Kolon. Es dient dem Nachweis von neutrophilen Granulozyten in inflammatorischem Gewebe und erlaubt eine Differenzierung zwischen entzündlichen und nicht-entzündlichen Erkrankungen des unteren Intestinaltrakts. Aufgrund der hohen Sensitivität gibt die Analyse des fäkalen CP einen sicheren Aufschluss über die Intensität der inflammatorischen Läsion und spiegelt die endoskopisch feststellbare Krankheitsaktivität angemessen wider.

Auch wenn stark erhöhte Werte oft mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) in Verbindung stehen, beruht die klinische Entscheidungsfindung auf Wahrscheinlichkeiten, schreiben Almina Jukic­ von der Abteilung für Innere Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck und Kollegen. Denn es existierten bislang keine einheitlichen Cut-off-Werte für die Diagnose einer CED. In ihrem Review geben die Wissenschaftler eine Empfehlung für die Interpretation des fäkalen CP und erläutern, wann eine Endoskopie notwendig wird.

Verdacht auf CED

Ein Wert < 40 µg/g bei einer hochsensitiven Quantifizierung des fäkalen CP schließt eine Inflammation fast sicher aus. Bei einem Ergebnis zwischen 40 und 150 µg/g wird angeraten, zunächst andere Ursachen zu eliminieren*. Eine erneute Evaluierung innerhalb von zwei bis vier Wochen ist empfehlenswert. Beträgt der Wert beim Follow-up weiterhin < 150 µg/g oder bestehen oberhalb dieser Grenze keine Symptome, ist eine CED unwahrscheinlich. In diesem Fall sollten nicht-inflam­matorische Erkrankungen (z.B. ein Reizdarmsyndrom) in Betracht gezogen werden. Dahingegen macht ein Wert > 150 µg/g bei Erstuntersuchung und in Kombination mit persistenten Symptomen beim Follow-up eine Koloskopie notwendig, ggf. mit zusätzlicher Querschnittsbildgebung. Vorher sollte man andere Ursachen für den Anstieg des fäkalen CP ausschließen. Auch wenn Alarmsymptome wie Gewichtsverlust, Schweißausbrüche, blutiger Durchfall und/oder Erbrechen auftreten, empfehlen die Autoren die Endoskopie.

Bestehende CED

Ein fäkales CP von < 150 µg/g bei Erstuntersuchung lässt auf eine Remission schließen. Ein Wert bis zu 250 µg/g signalisiert ein geringes Risiko für eine Exazerbation. Wenn alternative Gründe für den Anstieg ausgeschlossen werden können, empfiehlt es sich, innerhalb von ein bis drei Monaten erneut zu kontrollieren. Betragen die Werte erneut bis zu 250 µg/g und der Patient ist beschwerdefrei, befindet er sich vermutlich in Remission. Die Autoren raten in diesem Fall zur Überwachung. Gibt es keine Hinweise auf anderweitige Ursachen, sind bei Werten > 250 µg/g bei Erstuntersuchung oder beim Follow-up in Kombination mit Beschwerden eine Therapieanpassung und/oder Endoskopie indiziert.

Dieses Bewertungsschema basiert auf der Literatur und klinischen Erfahrungswerten, erklären Jukic und ihre Kollegen. Durch ein besseres Verständnis der biologischen Funktion von Calprotectin und insbesondere der Wirkungsweisen der Einzelbestandteile S100A8 und S100A9 könne man die Aussagekraft des Biomarkers in Diagnostik und Therapie zukünftig noch erhöhen.

* Ein Anstieg des CP-Werts kann auch durch bakterielle oder virale Infektionen, Diverti­kulitis, bestimmte Medikamente und intestinale Malignome bedingt sein.

Quelle: Jukic A et al. Gut 2021; DOI: 10.1136/gutjnl-2021-324855

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