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Corona, Chaos, Stillstand – medizinische Kollateralschäden des Lockdowns in der Klinik

Autor: Kathrin Strobel

Die Coronakrise ging auch am medizinischen Personal nicht spurlos vorüber. Die Coronakrise ging auch am medizinischen Personal nicht spurlos vorüber. © Alliance – stock.adobe.com
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Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur die direkt von ihr betroffenen Patienten, sondern auch die Kliniken schwer getroffen – und zwar vor allem durch Kollateralschäden. Auch wenn das ganze Ausmaß der Folgen noch unklar ist, zeichnen sich gewisse Trends bereits deutlich ab.

Im Frühjahr 2020 gab es eine bundesweite Verordnung, laut der alle planbaren stationären Aufnahmen, Operationen und Eingriffe in Krankenhäusern ausgesetzt werden sollten – sofern medizinisch vertretbar. „Und die Krankenhäuser haben brav mitgemacht“, erklärte Professor Dr. Joachim­ Labenz­ vom Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen. Dazu kam, dass viele Patienten aus Sorge vor Ansteckung oder aus Rücksicht auf die eingeschränkten Kapazitäten den Arzt- oder Klinikbesuch aus eigenen Stücken vermieden. „Das muss natürlich irgendwelche Auswirkungen haben“, so der Kollege.

Tatsächlich nahm laut einer Studie mit 36 beteiligten deutschen Notaufnahmen die Zahl der Notfälle im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um insgesamt 13 % ab. Der größte verzeichnete Rückgang betrug 38 %.

Eine andere Publikation – dieses Mal aus den USA – fokussierte die abdominalen Notfälle in einem Krankenhaus der höchsten Versorgungsstufe. Vom 15. März bis 15. April 2020 wurden zwar deutlich weniger dieser Ereignisse verzeichnet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Patienten, die kamen, waren jedoch schwerer krank. So stieg die Rate auffälliger CT-Befunde von 32,7 % im Jahr 2019 auf 50,5 % im Jahr 2020 an. Während eine OP im März/April 2019 noch bei 26,3 % der Patienten erforderlich war, lag die Quote 2020 bei 47,6 %.

Auch die AOK hat Daten zur Entwicklung der stationären Fallzahlen veröffentlicht. Demnach gab es in der Lockdownphase im März und April im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang

  • der Gesamtfallzahl um 39 %
  • der Krankheiten des Verdauungssystems um 46 %
  • der endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten um 47 %
  • der Neoplasien um 22 %

In mehreren Studien hat man untersucht, welche Auswirkungen die Verzögerung einer Operation bei GI-Tumoren hat. Bei Patienten mit Kolonkarzinom verringert sich bei einer um 30–40 Tage nach hinten verlegten OP die Überlebensrate deutlich. Laut einer Modellrechnung aus Großbritannien steigt die 5-Jahres-Mortalität bei verzögerter Diagnose um bis zu 16,6 %. Ein ähnlicher Trend, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, lässt sich für das Ösophaguskarzinom errechnen. Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs erlitten durch das Verschieben der OP in zwei Studien einen unerwarteten Progress der Erkrankung.

Das Management dieser und anderer Erkrankungen war durch die aufgrund der Pandemie notwendigen Anpassungen erschwert, erklärte Prof. Labenz. So macht zum Beispiel jeder Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion Konsile, Tests und ggf. die Isolation der betroffenen Mitarbeiter notwendig. Das bedeutet einen enormen Aufwand, der Zeit kostet und gegebenenfalls mit Personalengpässen einhergeht. Zudem mussten viele Kliniken im Laufe der Pandemie grundlegend umstrukturiert werden, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden – sowohl akut, als auch langfristig, wie der Referent betonte.

Vor allem in der Gastroenterologie waren die Krankenhäuser mehr denn je auf die Unterstützung durch ambulante Praxen und Zentren angewiesen, beispielsweise bei der Endoskopie. „All das beeinträchtigt den Arbeitsablauf in den Kliniken“, so der Kollege. Weitere Folgen betreffen die Fort- und Weiterbildung (inklusive Endoskopietraining) sowie Forschung und Lehre.

Am medizinischen Personal ging all das nicht spurlos vorüber. So meldeten sich Mitarbeiter in der Coronazeit beispielsweise häufiger arbeitsunfähig. Auch die Zahl der Burnoutdiagnosen nahm während des Lockdowns zu, ebenso wie die akuter oder posttraumatischer Stressbelastungen.

Das ganze Ausmaß der coronabedingten Konsequenzen für die Kliniken wird sich erst mit der Zeit zeigen. Bereits jetzt ist allerdings klar, dass mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser im laufenden Geschäftsjahr ein Defizit zu erwarten hat. Das belegen die Daten der Roland Berger Krankenhausstudie 2020. Dabei gilt: Je größer die Klinik, desto größer das Defizit, erklärte Prof. Labenz. Bei 75 % der Krankenhäuser mit über 1000 Betten werden die Ausgleichszahlungen voraussichtlich nicht ausreichen, um das Minus zu kompensieren.

Kongressbericht: DGVS digital: BEST OF DGVS (Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten)

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