COVID-19: Anhaltende Beschwerden bei ehemaligen Patienten ernst nehmen

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Zu einer verzögerten Abheilung kann es bereits nach einer leichten Akut­erkrankung kommen. Zu einer verzögerten Abheilung kann es bereits nach einer leichten Akut­erkrankung kommen. © iStock/filadendron

Persistierende Atembeschwerden, Fatigue, Kopfschmerzen: Jeder zehnte Patient mit COVID-19 braucht länger als drei Wochen, um sich von der Infektion zu erholen. Eine Hausärztin erläutert, wen Sie erfolgreich in der Praxis behandeln können und wann es kritisch wird.

Als postakut gilt COVID-19, wenn die Symptome länger als drei Wochen anhalten, als chronisch, wenn sie mehr als zwölf Wochen bestehen bleiben, schreibt das Team um Professor Dr. ­Trisha ­Greenhalgh vom Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der Universität Oxford, die selbst in der Primärversorgung arbeitet. Zu einer verzögerten Abheilung kann es bereits nach einer leichten Akut­erkrankung kommen – auch junge fitte Menschen bleiben davon nicht verschont.

Die Liste der möglichen Symptome ist lang und reicht von Kurzatmigkeit über Hautausschläge bis hin zu verschlechterter Diabeteskontrolle (s. Kasten). Gezielte Labortests erleichtern die Ursachenforschung, sind aber nur in manchen Fällen nötig. Bei Patienten mit Dyspnoe sollte z.B. eine Anämie ausgeschlossen werden, ein Troponintest kann Hinweise auf ein akutes Koronarsyndrom oder eine Myokarditis geben.

Kandidaten für eine hausärztliche Therapie sind vor allem Patienten, die in der Akutphase ambulant oder auf der Normalstation behandelt wurden. Von den ambulant behandelten Patienten erholen sich die meisten innerhalb von vier bis sechs Wochen mit leichtem aerobem Training (z.B. Walking), dessen Intensität langsam gesteigert werden kann, so die Erfahrung der Autoren. Wenn keine gravierenden Komorbiditäten vorliegen, orientiert sich die Behandlung an den Symptomen. Das oft vorhandene leichte Fieber lässt sich z.B. mit Paracetamol oder NSAR senken. Den Husten kann der Patient mit regelmäßigen Atemübungen lindern – vorausgesetzt, es bestehen keine Komplikationen (Superinfektion etc.). Der Betroffene sollte mehrmals am Tag für fünf bis zehn Minuten mit entspanntem Brustkorb und Schultern langsam durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Dadurch können sich Hustenreiz, Kurzatmigkeit und Fatigue bessern.

Zur Einschätzung des Schweregrads einer persistierenden Dyspnoe eignet sich die Pulsoximetrie. Ein belastungsinduzierter Abfall (Benommenheit oder schwere Kurzatmigkeit) lässt sich mit zwei einfachen Tests erfassen: Dabei wird die O2-Sättigung nach 40 Schritten und nach mehrfachem, möglichst schnellem Aufstehen aus dem Sitzen (1 Minute) erfasst. Ein Abfall um ≥ 3 % bei leichter Erschöpfung muss genauer abgeklärt werden. COVID-19-Patienten mit ausgeprägter respiratorischer Erkrankung können von einer pulmonalen Reha profitieren.

Post-COVID-Symptome

  • Husten, leichtes Fieber, Fatigue (am häufigsten)
  • Dyspnoe, Brust- und Kopfschmerz, neurokognitive Einschränkungen, Muskelschwäche und -schmerzen, gastrointestinale Störungen, Stoffwechselentgleisung (Diabetes), thromboembolische Ereignisse
  • Hauterscheinungen: vesikulär, makulopapulär, urtikariell oder frostbeulenähnlich (sog. COVID-Zeh)

Gegen die Fatigue empfehlen die Autoren ein leichtes Training (s.o.), das im Fall einer Verschlechterung (Fieber, Muskelschmerz, starke Müdigkeit) zurückgefahren wird. Wichtig ist eine verständnisvolle Haltung des Arztes, auch wenn es nur langsam vorangeht.

Ein besonderes Problem ist die kardiale Beteiligung, die wahrscheinlich mindestens 20 % der COVID-19-Patienten entwickeln. Das Spektrum reicht von der Myo- oder Perikarditis bis zum Herzinfarkt. Auch Wochen nach der Akutphase muss man noch mit derartigen Komplikationen rechnen. Besonders gefährdet sind kardiovaskulär Vorerkrankte, aber auch junge aktive Menschen kann es treffen.

Wenn Patienten in der post­akuten Phase über Brustschmerzen klagen, gilt es zunächst, zwischen unspezifischen Beschwerden (muskuloskelettal, Lungenbrennen) und kardialen Ursachen zu differenzieren. Bei akuter Verschlechterung oder unklarer Diagnose steht eine fachärztliche Abklärung an. Intensives Training ist in den ersten drei Monaten nach einer Myo- oder Perikarditis verboten. Bei einer Thromboembolie wird eine leitliniengerechte Antikoagulation empfohlen, wobei noch unklar ist, wie lange die gesteigerte Gerinnungsneigung anhält.

Zu den häufigsten neurologischen Symptomen zählen Kopfschmerzen, Schwindel und kognitive Einschränkungen („vernebeltes Gehirn“). Solange es dafür noch keine spezifische Therapie gibt, empfehlen die Autoren eine unterstützende Behandlung und Kontrolle durch den Hausarzt.

Ältere Patienten, die COVID-19 überleben, tragen ein besonders hohes Risiko für Sarkopenie, Malnutrition, Depression und Delir. Auch chronische Schmerzen scheinen bei ihnen häufiger aufzutreten. Viele benötigen individuelle Unterstützung (Hausbesuch, Einkaufen etc.), um zu Hause zurechtzukommen.

Auch Hoffnungslosigkeit, Ängste und Schlafstörungen werden häufig mit einem prolongierten COVID-19-Syndrom in Verbindung gebracht. Eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln vor allem Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Von einer Überweisung zum Spezialisten dürfte allerdings nur eine Minderheit profitieren, meinen die Autoren und warnen davor, die große Mehrheit der COVID-Patienten zu pathologisieren.

Die meisten Patienten mit post­akutem COVID-19-Syndrom erholen sich unter hausärztlicher Therapie, betonen die Verfasser abschließend. Dabei sollte man immer den ganzen Menschen im Blick zu behalten und auch seltsam erscheinende Beschwerden ernst nehmen. Diese dürfen keinesfalls als Hypochondrie abgetan werden, wie es immer noch häufig geschieht, betonen die Autoren.

Quelle: Greenhalgh T et al. BMJ 2020; 370: m3026; DOI: 10.1136/bmj.m3026