Darmkrebs: Die einsamen Rufer in der Wüste

Autor: Dr. Hansjörg Meyer

Die Kosten für eine Darmkrebstherapie überschreiten die Kosten der Vorsorge bei Weitem. (Rechts: Dr. Hansjörg Meyer) © Fotolia/Jürgen Fälchle; MT-Archiv

Darmkrebs lässt sich nur vermeiden, wenn er früh erkannt wird. Was kann man also tun, was sollte man tun? Und wie sinnvoll sind Information und Aufklärung? Dieser Fragen nimmt sich Dr. Meyer in seiner Kolumne an.

Pro Jahr erkranken in Deutschland ca. 60 000 Menschen am Kolorektalkarzinom, ungefähr 30 000 sterben an dieser Krankheit. Das macht fassungslos, vor allem deshalb, weil Darmkrebs als vermeidbar gilt. Vermeidbar aber nur dann, wenn man die Vorstufen früh erkennt und pathologische Veränderungen der Darmschleimhaut rechtzeitig entfernt. Die Betonung liegt auf rechtzeitig. Hat der Tumor bereits Beschwerden verursacht, ist es häufig schon zu spät. Die gut gemeinte medikamentöse Therapie ändert am Krankheitsverlauf ja oft nur wenig, von Heilung will man gar nicht sprechen. Eine chirurgische Intervention ist zwar im Prinzip möglich, aber meistens mit unvermeidbaren Kollateralschäden verbunden. Was also kann man, was sollte man tun?

Informationskampagne zur Darmkrebsvorsorge

Unwissenheit schützt vor Erkrankung nicht. Und weil das so ist, hat man den März zum Darmkrebsmonat erklärt. Er ist jährlich immer wieder der Auftakt für eine nationale Informationskampagne mit Anzeigen, Interviews, Video-Clips etc. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, den Kampf gegen die Erkrankung zu thematisieren und in der Bevölkerung Aufmerksamkeit für die Vorsorge zu erzeugen. Bereits im Jahr 2002 wurde sie von zwei Organisationen gemeinsam ins Leben gerufen: der Stiftung Lebensblicke (Ludwigshafen) und der Felix Burda Stiftung (München).

Nun ist Öffentlichkeitsarbeit eine durchaus schwierige Aufgabe, zumal der Themenbereich „Verdauung, Darm, Ausscheidung, invasive Untersuchung“ mit einem gewissen Ekel behaftet ist und deshalb sehr gerne verdrängt wird. Aber Ekel hin oder her: Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll. Dass man sie für sich und keineswegs für andere durchführen lässt, geht in die Köpfe der Menschen nicht so richtig hinein. Zumal die im Darmkrebsmonat (vielleicht) gewonnenen Erkenntnisse keinen längeren Bestand haben und nur selten Konsequenzen im Sinne des Darmkrebsscreenings nach sich ziehen. Die tägliche Reizüberflutung ist zu groß und somit das wichtige Thema schnell vergessen. Die Devise „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ gilt eben kaum.

Die unbequeme Frage muss daher lauten: Machen die ganzen Aufklärungsaktivitäten überhaupt Sinn? Erhöhen sie die Bereitschaft der Menschen, an der Vorsorgeuntersuchung teilzunehmen? Und nimmt durch sie die Zahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen ab?

„TV-süchtige Männer bekommen öfter Darmkrebs“ betitelte eine medizinische Zeitschrift ihren Bericht. Bei einem mehr als fünfstündigen täglichen TV Konsum erhöhe sich das Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, im Vergleich zum einstündigen Konsum um 26 %. Dies zeigt das ganze Dilemma auf: Die gut gemeinten Aufklärungsaktivitäten gehen an der Zielgruppe vorbei, werden nicht wahrgenommen und verpuffen.

Aufklärung wird großgeschrieben

Bei Männern ist die Ignoranz am ausgeprägtesten. Der Vorsorgegedanke „Ich tue es für mich…“ ist bei ihnen nur rudimentär ausgeprägt. Das belegen leider die Zahlen der Vorsorgekoloskopien in den letzten Jahren. Das Robert Koch-Institut belegt zwar eine „leicht“ rückläufige Tendenz von Inzidenz und Mortalität des Kolorektalkarzinoms. Angesichts der ganzen Aufklärungsaktivitäten darf man aber eigentlich mehr erwarten. Eine erfolgreiche Kampagne sieht anders aus!

Die Frage ist, was kann man ändern, verbessern, erfolgreicher machen? Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Jürgen F. Riemann, dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Lebensblicke, wurde zusammen mit gastroenterologischen Fachkollegen aus Klinik und Praxis sowie Vertretern der Hausärzte und Kassen ein Positionspapier verabschiedet. Da der ganze Präventionskreislauf beim Hausarzt anfängt, lautet sein Titel: Hausärzte – Weichensteller der Vorsorge. Sie sind die Vertrauten der Patienten, sie kennen ihre Stärken und Schwächen und ihr positiver Einfluss muss genutzt werden. Das Positionspapier formuliert verschiedene Kernthesen, u.a.:

  • Genderspezifische Einladungsschreiben zur Darmkrebsvorsorge sind ein wichtiger Schritt vorwärts.
  • Die Vorsorge von Risikogruppen bedarf besonderer Aufmerksamkeit.
  • Eine qualifizierte Schulung für Medizinische Fachangestellte fördert die Aufklärungs- und Informationsmöglichkeiten der Patienten.

Darüber hinaus unterstützt die Stiftung Lebensblicke dezentrale Patientenveranstaltungen von niedergelassenen Gastroenterologen und Informationsveranstaltungen in Firmen und Betrieben für die Mitarbeiter. So erreicht man die Zielgruppe, auch und gerade die Männer.

Neue Stuhltests sind zwar schön, erhöhen aber nicht die Zahl derjengen, die sie tatsächlich durchführen. Eine Senkung des Vorsorgealters bei den Männern auf 50 Jahre ist zwar sinnvoll, steigert aber nicht automatisch die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen.

Gemeinsame Aufgabe – gemeinsame Verantwortung

Die Bevölkerung muss aufgeweckt, die einsamen Rufer in der Wüste müssen erhört werden. Primärprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Schließlich überschreiten die Kosten für eine Darmkrebstherapie die Kosten der Vorsorge bei Weitem. Wir müssen dazu beitragen, den Rückwärtstrend der Kolonkarzinominzidenz zu stärken. Im Sinne der Stiftung Lebensblicke: „Vermeiden statt leiden – Aktiv gegen Darmkrebs“.