Das diabetologische Telemedizin-Projekt ViDiKi: Telemedizinische CGM-Daten-Beratung von Kindern und Jugendlichen

digitalcorner Autor: Gabriele Faber-Heinemann

Die ViDiKi-Teilnehmer nehmen die Online-Beratung gut an, auch andere Familienmitglieder sind oft dabei. © fotolia/AndreyPopov

Die Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche (ViDiKi) ist Realität geworden. Wir fragen bei den Leitern, Dr. Simone von Sengbusch und Dr. Fabian-Simon Frielitz, wie das telemedizinische Beratungsprojekt läuft.

Frau Dr. von Sengbusch, Sie haben als eine der ersten Diabetologinnen in Deutschland eine Förderung für ein telemedizinisches Projekt erhalten. Es geht dabei um einen innovativen Ansatz der Patientenbetreuung. Können Sie kurz erläutern, was Sie genau machen?

Dr. Simone von Sengbusch: Unsere Studie ist für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes konzipiert, die in Schleswig-Holstein betreut werden. Wir untersuchen den Effekt von strukturierter, monatlicher Telemedizinberatung durch einen diabetologisch qualifizierten Kinderarzt zu CGM-Daten des Patienten. Diese Beratung wird zusätzlich zur Regelversorgung angeboten, welche meist ein bis zwei Kontakte in einer Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche pro Quartal beinhaltet. Die Intervention läuft über ein Jahr, also 12 Termine. Danach können die Familien entscheiden, ob sie noch bis Ende 2019 weiter Telemedizin – dann angeboten im Team aus Arzt und Diabetesberaterin – erhalten wollen oder ob sie die Studie beenden möchten. Alle Kinder unterhalb einer festgelegten geographischen Linie durch Schleswig-Holstein werden in Lübeck mit betreut, das ist die Startergruppe. Die Kinder oberhalb dieser Linie werden durch die Kinderkliniken im UKSH Kiel und im Städtischen Krankenhaus Kiel betreut. Sie bilden die Wartekontrollgruppe und starten sechs Monate nach Einschreibung. Die Kinder verbleiben dabei grundsätzlich in der Betreuung bei ihrem Kinderdiabetologen, erhalten aber in der Studienphase zusätzliche Beratung durch ihr Telemedizinteam. Wir untersuchen den Einfluss auf die Stoffwechsellage, Hospitalisationsrate, Lebensqualität, die Zufriedenheit mit Telemedizin und die Kosten, die durch die Diabetestherapie mit und ohne Telemedizin entstehen.

Ihr Antrag an den Innovationsfonds war einer der Ersten aus dem Bereich Diabetologie, der eine Zustimmung erhalten hat. Was macht Ihr Projekt so besonders?

Dr. Simone von Sengbusch: Ich denke, dass unser Antrag mit dem hochaktuellen Thema „Telemedizin“ für eine besondere Zielgruppe, nämlich Kinder und Jugendliche, und das zeitnah zum G-BA Beschluss für die CGM-Versorgung für gesetzlich Versicherte einfach gut in das Forschungskonzept gepasst hat. Unsere Studie erprobt eine neue Beratungsform, die aus meiner Sicht zu der Diabetes­technologie CGM gehört. Weiterhin haben wir von vornherein eine gesundheitsökonomische Analyse und eine Fokusgruppenanalyse (Hürden und Zufriedenheit mit Telemedizin) in die Studie inkludiert. Das alles zusammen macht unser Projekt vielleicht so besonders.

Wie funktioniert die telemedizinische Betreuung der Patienten und ihrer Familien im Alltag?

Dr. Simone von Sengbusch: Die Kinder der Startergruppe, die am UKSH Lübeck betreut werden, erhalten schon jetzt alle vier Wochen einen extra Termin, den sie von zu Hause aus wahrnehmen. Je nach CGM-System, mit oder ohne Insulinpumpe, laden sie die Daten entweder in eine Software ihrer Wahl, erstellen ein PDF und senden uns dieses verschlüsselt zu. Alternativ laden sie die Daten auf den Server des Herstellers und mit ihrer Einwilligung laden wir die Daten vom Server herunter. Der Arzt wertet dann die Daten aus und versieht sie mit einem positiven, motivierenden Kommentar sowie Vorschlägen zur Insulinanpassung und schickt das PDF per verschlüsselter E-Mail zurück. Zum vereinbarten Termin treffen wir uns im Arzt-Video-Portal und besprechen die Daten, passen den Insulinplan an und vereinbaren den nächsten Termin.

Wie viele Ärzte und Beraterinnen arbeiten inzwischen in dem Projekt?

Dr. Simone von Sengbusch: Die telemedizinische Betreuung findet für alle Kinder in drei Kliniken statt, dem UKSH Lübeck (Startergruppe) und dem UKSH Kiel und dem Städtischen Krankenhaus Kiel (Wartekontrollgruppe). Im Projekt arbeiten aktuell vier Ärzte, davon zwei aus Lübeck, die auch schon Telemedizin durchführen (Startergruppe) und insgesamt drei Diabetesberaterinnen sowie andere ebenso wichtige Mitarbeiter, ohne die diese Studie gar nicht laufen könnte: ein wissenschaftlicher Gesundheitsökonom, eine medizinische Dokumentarin, eine wissenschaftliche Psychologin und eine Projektadministratorin.

Mittlerweile sind die ersten Monate ins Land gegangen. Wie viele Familien haben sich angeschlossen und gibt es bereits erste Erfahrungen?

Dr. Simone von Sengbusch: Wir haben eine „Interessentenliste“, auf der sich bereits 116 Kinder – also knapp die Hälfte der notwendigen Teilnehmer – jetzt 3 Monate nach Projektstart eingetragen haben. Von diesen ist etwa die Hälfte „eingeschrieben“, sie haben also alle Formalitäten erfüllt und erhalten auch schon Telemedizin, wenn sie in die Startergruppe gehören. Fast alle Teilnehmer haben es geschafft, die technischen Hürden zu nehmen, das heißt, sie haben gelernt, ihre Diabetes-Software zu nutzen, PDF zu erstellen, verschlüsselt zu versenden und ein Arzt-Video-Portal zu nutzen. Oft sitzt die ganze Familie vor der Kamera und bisher spiegeln uns alle wider, dass es ihnen Spaß bringt.

Was waren denn die größten Hürden, ein solches Projekt zu starten, und wo haben Sie Unterstützung bekommen?

Dr. Simone von Sengbusch: Die Hürden betreffen mehrere Bereiche:

  1. Es ist und bleibt schwierig, ein CGM-Gerät der Firma A und eine Insulinpumpe der Firma B mit zwei Auswertungen „vor dem geistigen Auge“ übereinander zu legen. Es gibt zu wenig Softwarelösungen für Patienten, wo so einfach – wie „plug-and-play“ – zwei verschiedene Datensätze zusammengeführt werden können und eine übersichtliche, leicht verständliche Auswertung erscheint. Da das Zusammenführen von Insulinpumpen-Einstellung (1. Dokument), CGM-Daten (2. Dokument) und Insulinpumpen-Nutzungsdaten (3. Dokument) so schwierig ist, haben wir oft nur CGM-Daten zur Verfügung, was für eine gute Beratung nicht ausreicht.
  2. Das Einüben sicherer Datenübermittlung (d.h. Verschlüsselung) ist eine Herausforderung. Auch die Nutzung eines Arzt-Video-Portals ist weit aufwendiger, als Skype oder ähnliche Programme zu nutzen. Ohne die IT des UKSH und regen Austausch mit den Anbieterfirmen von Softwarelösungen, die wir verwenden, hätten wir die praktische Umsetzung nicht geschafft. Die Erstellung eines Datenschutzkonzeptes ist eine weitere Herausforderung, die wir zusammen mit der IT des UKSH letztlich bewältigen konnten.
  3. Eine so große Studie, bei der viele Krankenkassen einem Versorgungsvertrag beitreten müssen und auch Sozialdaten analysiert werden, braucht einen starken Partner von Anfang an. Das ist bei uns die AOK NORDWEST. Sie hat von vornherein die Aufgabe gehabt, die Ausarbeitung von Verträgen und die Einbeziehung weiterer gesetzlicher Krankenkassen zu leiten. Die Erstellung all der umfangreichen Verträge hat Monate in Anspruch genommen und auch noch aktuell werben wir um Krankenkassen, damit sie dem Vertrag beitreten. Die Analyse von Sozialdaten ist eine große Hürde, da diese Daten ganz besonders schützenswert sind. Es ist definitiv möglich, alle diese „Hürden“ zu meistern, aber es braucht Zeit und gute Zusammenarbeit mit allen Konsortialpartnern.

Ein erklärtes Ziel des Innovationsfonds ist es, die Förderprojekte später in die Regelleistung zu übernehmen. ViDiKi ist zunächst nur auf Schleswig-Holstein beschränkt, ein kleines, überschaubares Bundesland mit viel Fläche und weiten Wegen. Glauben Sie, dass eine telemedizinisch-unterstützende Betreuung auch bundesweit funktioniert?

Dr. Simone von Sengbusch: Natürlich! Schon jetzt ist es ja üblich, dass Familien bei ihrem Diabetologen anrufen und (unaufgefordert und unverschlüsselt) Daten senden, wenn sie Hilfe benötigen. Problematisch ist es nur, dass wir Ärzte darauf nicht unverschlüsselt antworten dürfen und die telemedizinische Beratung im Bereich der pädiatrischen Diabetologie ja noch nicht gesondert vergütet wird. Für eine telemedizinische Beratungsstruktur in der Regelversorgung müssen daher sowohl die gesetzlichen Vorgaben und die Sicherheitsaspekte beachtet, entsprechende Arbeitsplätze geschaffen werden (schallgeschützte Räume mit guter Technikausstattung) und die Ärzte und Diabetesberater/Innen eine neue Beratungsform erlernen. Telemedizin ist nicht nur „ein Termin mit Video“, sondern eine strukturierte Beratung, die sowohl Technikkompetenz als auch besondere Kommunikationsfähigkeiten vom Arzt bzw. von der Diabetesberaterin verlangt. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann Telemedizin in vielen Bereichen, wo Datenbesprechung der Schwerpunkt des Kontaktes ist, aus meiner Sicht erfolgreich eingesetzt werden.

Haben Sie weitere Unterstützung für ViDiKi bekommen?

Dr. Simone von Sengbusch: „Unterstützer“ hatten und haben wir viele. Die Idee zu dieser Studie wurde schon vor zwei Jahren von der AOK NORDWEST und uns entwickelt und die Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse und deren Unterstützung war beim Antrag beim Innovationsfonds sehr gewünscht. Unterstützer haben wir auch im Sozialministerium gefunden, bei vielen anderen Krankenkassen, die jetzt auch dem Vertrag beigetreten sind, im UKSH, in der IT des UKSH und natürlich in unserem Team, und das sind all diejenigen, die mit genauso viel Freude wie wir dieses Projekt vorantreiben und immer nach einer Lösung suchen, wenn ein Problem auftaucht. Wer als Erste/r ein Telemedizinprojekt in einer Klinik implementieren möchte, muss viel Ausdauer mitbringen und ein starkes Team um sich haben, denn fest eta­blierte Strukturen und Ansprechpartner gibt es im Regelfall nicht. Wir haben fast alle Hürden genommen, aber das war und ist noch ein langer Weg.

Kurzbiographie Dr. Simone von Sengbusch und Dr. Fabian-Simon Frielitz

Dr. Simone von Sengbusch arbeitet als Oberärztin in der Kinder-Diabetologie in der Universitätsklinik Schleswig-Holstein, Campus Lübeck und engagiert sich seit vielen Jahren dafür, die Versorgung der Kleinsten unter den Diabetespatienten zu verbessern. Dazu gehören nicht nur die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern auch ihre Eltern und Familien. Für eines ihrer ambitionierten Projekte, die telemedizinische Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes, ViDiKi (Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche), hat sie eine Förderung aus dem Innovationsfonds erhalten. Mit ihr zusammen arbeitet Dr. Fabian-Simon Frielitz, der als Jurist und Gesundheitsökonom am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck, die Evaluation der Studie leitet.

Herr Dr. Frielitz, Sie leiten die Evaluation der Studie. Welche Erwartungen haben Sie und was erhoffen Sie sich von der Studie sowie von der gesundheitsökonomischen Analyse?

Dr. Fabian-Simon Frielitz: Wir sind selbst auf die Ergebnisse gespannt. Erst durch die Evaluation der Studie ist es möglich, eine Aussage über die verschiedenen Effekte der telemedizinischen Intervention zu treffen. Dabei sind es gerade unerwartete Erkenntnisse, die wir aus einer wissenschaftlichen Perspektive besonders begrüßen, da sie uns unterstützen, die Lebenswirklichkeit besser zu verstehen. So ist uns beispielsweise die telemedizinische Technik als solche nicht fremd, dennoch haben uns zu Beginn der Studie die Erfahrungen aus den Probeläufen mit Patienten gezeigt, dass einfache Grundlagen der technischen Handhabung zunächst bei allen Teilnehmern auf ein einheitliches Niveau gebracht werden mussten, d.h. beispielsweise der Versand von verschlüsselten E-Mails. Entsprechend haben wir unser Konzept noch vor Beginn überarbeitet und ein noch detaillierteres, standardisiertes telemedizinisches Einweisungskonzept entwickelt, um die möglichen Ängste vor und Schwierigkeiten mit der Technik in den Griff zu bekommen. Entsprechend erwartungsvoll blicken wir auf die Studie, ob unser Konzept sich in der Praxis behaupten kann.

Wir erhoffen uns, durch die Studie auch etwas mehr Transparenz und Verständnis in die Thematik Telemedizin bringen zu können, denn der Aufbau von Telemedizinstrukturen in Klinik und Praxis wird schon lange in Deutschland diskutiert und steht an vielen Stellen quasi in den „Startlöchern“. Telemedizin bietet vielfältige Möglichkeiten, die hochtechnisierte Medizin mit moderner Kommunikation zu verbinden und darf keine Zukunftsvision bleiben. Jede Einführung einer neuen, kostenintensiven Intervention sollte heute auch mit einer gesundheitsökonomischen Analyse einhergehen, um eine Aussage über Kosteneffizienz treffen zu können. Denn für die Implementierung in die Regelversorgung wird die Frage nach Nutzenparametern, Qualität und Wirtschaftlichkeit gestellt werden. Wir hoffen daher, durch die Evaluation des Projektes eine detaillierte Aussage über den Einfluss der Telemedizin und deren mögliche Effekte auf die Behandlungskosten und die Versorgungssituation machen zu können.

Vielen Dank, Frau Dr. von Sengbusch und Herr Dr. Frielitz.

Dr. Simone von Sengbusch, UKSH Campus Lübeck, Klinik für Kinder und Jugendmedizin. © zVg
UKSH Campus Lübeck, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie © zVg