Der Mann mit Brustkrebs – das unbekannte Wesen

Autor: Dr. Katharina Arnheim

Eine internationale Studie liefert umfassende Informationen zu Brustkrebs bei Männern. © iStock/hidesy

Das Mammakarzinom ist mit einem Anteil von nur 1 % der Brustkrebsfälle einer der seltensten Tumoren beim Mann. Kein Wunder, dass die Kenntnisse gering sind und eine optimale Therapie noch nicht definiert ist. Das International Program on Male Breast Cancer soll dies ändern. Daten aus dem ersten Studienteil liegen mittlerweile vor.

Im Vergleich zum weiblichen Brustkrebs tritt dieser Tumor bei Männern nur selten auf: In Deutschland sind jährlich etwa 650 Männer betroffen, informierte Professor Dr. Stefan Aebi vom Luzerner Kantonsspital. Die diagnostische Abklärung unterscheidet sich dennoch nicht von der bei der weiblichen Patientin. Sie umfasst:

  • Mammographie
  • Mammasonographie

Bei Verdacht auf eine Thoraxwandbeteiligung:

  • Kernspintomographie
  • minimalinvasive Biopsie

Brusterhalt ist beim Mann die Ausnahme

Anders als bei Frauen ist allerdings bei der Operation laut AGO* weiterhin die Mastektomie Standard (++). Ein brusterhaltendes Vorgehen ist nur im Einzelfall bei einem günstigen Größenverhältnis zwischen Tumor und Brust möglich, erklärte Dr. Friederike Hagemann, Kliniken Essen-Mitte in Essen. Die in diesen Fällen notwendige Nachbestrahlung habe allerdings zur Folge, dass die Brustbehaarung nicht mehr wächst, was viele Männer trotz eines operativ guten Resultats als kosmetisch störend empfinden. Daher sei vor einem brusterhaltenden Vorgehen die umfassende Aufklärung des Patienten unverzichtbar. Postoperativ dürfe nicht auf die (onko)plas­tische Wiederherstellung der Brust verzichtet werden: „Der Mann hat ebenfalls ein Recht auf eine Rekonstruktion“, betonte Dr. Hagemann.

Auch die Systemtherapie erfolgt in Analogie zum weiblichen Mammakarzinom und umfasst die adjuvante Chemotherapie und die endokrine Therapie bei Hormonrezeptor(HR)-positiven Tumoren, wobei laut AGO-Leitlinien in erster Linie Tamoxifen eingesetzt wird (++). Aromatasehemmer sind bei männlichen Patienten vermutlich weniger wirksam als das Antiöstrogen. In der palliativen Situa­tion wird geraten, den Aromatasehemmer mit einem GnRH-Analogon zu kombinieren, um so eine verbesserte Effektivität zu erreichen.

Risikofaktoren für Brustkrebs bei Männern

Ein wichtiger Risikofaktor für das männliche Mammakarzinom ist die positive Familienanamnese: Männer mit einer BRCA1-Mutation haben ein Lebenszeitrisiko von etwa 1 %, im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs zu erkranken. Bei der BRCA2-Mutation ist das Lebenszeitrisiko mit rund 7 % höher, berichtete Dr. Hagemann. Zum Vergleich: bei Frauen mit BRCA1/2-Mutation ist das Risiko mit 65 bzw. 45 % weitaus höher. Als weitere Risikofaktoren nannte die Expertin die Bestrahlung der Brust, Östrogeneinnahme und Erkrankungen mit Hyperöstrogenismus wie das Klinefelter-Syndrom.

Bislang größte Studie liefert erste Ergebnisse

Vor wenigen Jahren wurde das International Program on Male Breast Cancer initiiert, um diese seltene Tumorerkrankung besser zu verstehen und optimale Therapiekonzepte zu entwickeln, berichtete Prof. Aebi. Im ersten Studienteil wurden bislang Daten von 1483 zwischen 1990 und 2010 diagnostizierten Patienten ausgewertet und archiviertes Tumormaterial analysiert. Die Betroffenen waren median 68,4 Jahre alt und zum Diagnosezeitpunkt mehrheitlich (95 %) nicht metastasiert. Entsprechend der AGO-Empfehlung wurden 96 % der Männer mastektomiert; in 76 % der Fälle erfolgte eine axilläre Lymphadenektomie. Seit der Jahrtausendwende nimmt der Anteil der Lymphadenektomien jedoch zugunsten der Sentinel-Lymphknotenbiopsie ab. Daten des Memorial Sloan Kettering Cancer Centers zufolge ist diese Maßnahme auch bei männlichen Brustkrebspatienten machbar und sicher.

Männliche Mammakarzinome sind mit wenigen Ausnahmen HR-positiv: Dieser Subtyp repräsentiert den Studiendaten zufolge über 99 % aller Tumoren. HER2-positive Mammakarzinome sind mit einer Rate von nur 8,7 % selten (Frauen: 17 %). Außerdem exprimieren 97 % aller männlichen Mammakarzinome auch den Androgenrezeptor.

Fast jeder zweite männliche Brustkrebspatient erhielt eine adjuvante Radiatio, 30 % eine adjuvante Chemotherapie. Prof. Aebi kritisierte, dass nur 77 % der Patienten in der adjuvanten Situation mit einer endokrinen Therapie – überwiegend Tamoxifen – behandelt wurden, obwohl bei nahezu allen ein HR-positiver Brustkrebs vorlag und das Antiöstrogen laut einer retrospektiven Studie das Überleben verlängert. Allerdings hat sich die Therapie in den letzten zwanzig Jahren intensiviert: So kommen seit 1996 vermehrt Chemotherapien und insbesondere auch die endokrine Therapie zum Einsatz. Das wirkt sich mittlerweile auch prognostisch aus: Die Überlebenswahrscheinlichkeit hat in der Kohorte der zwischen 2006 und 2010 erkrankten Männer im Vergleich zu früheren Kohorten erfreulicherweise deutlich zugenommen, resümierte Prof. Aebi.

*Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Onkologie

Quelle: 38. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie