„Dreck, der in die Lunge geht“: E-Zigarette, Tabakerhitzer und Shisha

Autor: Manuela Arand

Die Gefahr des Passivrauchens besteht bei der E-Zigarette nur für wenige Sekunden. © fotolia/interklicks

Viele Raucher betrachten E-Zigarette und Shisha als die gesünderen Alternativen. Für die E-Zigarette stimmt das womöglich sogar, aber Shishas produzieren laut einem Pneumologen „unfassbar viel Dreck, der in die Lunge geht“. Bislang unklar ist das Gefährdungspotenzial der Tabakerhitzer, die von der Industrie derzeit gepusht werden.

THS steht für Tobacco Heating System und bezeichnet eine Art Zwitter zwischen normaler und E-Zigarette. Mit ihm hat die Industrie darauf reagiert, dass viele Raucher die E-Zigarette nicht als „richtige“ Zigarette empfinden und den Spaß am Rauchen vermissen. Wenn sich jemand gewundert hat, dass die Tabakindustrie seit Kurzem Kampagnen gegen das Rauchen fährt – das ist die Erklärung.

Das System funktioniert, indem mit einer Art Heizstab im Gerät Tabakstränge erhitzt und verdampft, aber nicht verbrannt werden. Das riecht und schmeckt wie echter Zigarettenrauch, berichtete der Pneumologe Professor Dr. Wolfram Windisch von der Lungenklinik Köln-Merheim. Dabei werden Verdampfungstemperaturen von etwa 300 Grad erreicht statt 600 bis 800 Grad bei der Normalzigarette. Der Gedanke dahinter: Beim Verdampfen entstehen weniger toxische Produkte, aber der Raucher bekommt genauso viel Nikotin und das „echte Zigarettenfeeling“.

Es gibt eine große Batterie von Tierversuchen und Studien, mit denen die Harmlosigkeit der THS für Herz und Lunge nachgewiesen werden soll. Schönheitsfehler: Sie sind allesamt von der Tabakindustrie finanziert und durchgeführt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in einer Stellungnahme vom Juni 2017 angekündigt, in Kürze selbst Emissionsuntersuchungen vornehmen zu wollen.

Die meisten Shisha-Konsumenten ahnen nicht, was sie ihrer Gesundheit damit antun. „Shisha ist keinesfalls eine gesündere Alternative zur Zigarette, sondern eher noch schlimmer“, betonte Prof. Windisch. Der Rauch enthält mindestens so viele Schadstoffe wie der von Zigaretten, der Gehalt an Kohlenmonoxid ist sogar zehnmal so hoch. Übrigens auch im Nebenrauch: „Wenn Sie in Shisha-Bars gehen, bekommen Sie irgendwann eine CO-Vergiftung“, so der Pneumologe.

Bei der Anamnese explizit nach Shishagebrauch fragen

In Studien konnte gezeigt werden, dass Wasserpfeifenkonsum die inflammatorische Aktivität und die Produktion aggressiver Sauerstoffradikale deutlich erhöht. Auch pulmonale Schäden sind nachgewiesen. So führt chronischer Shisha-Gebrauch zu DNA-Schäden, Lungenfunktionsverlust und Alveolardestruktion und er begünstigt Emphyseme. Deutschland kommt unter Jugendlichen und Erwachsenen auf eine Shisha-Konsumentenrate von etwa 5 %. Deshalb sollte man bei der Raucheranamnese eben nicht nur nach Zigaretten, sondern auch nach Shisha fragen.

Das sagen die Fachgesellschaften

Viele medizinische Institutionen haben Stellung zur E-Zigarette bezogen. Das DGP-Positionspapier von 2015 ist zwar schon ein bisschen in die Jahre gekommen, steht aber in einer Linie mit den Aussagen von Deutschem Krebsforschungszentrum, American Heart Association und internationalen Pneumologie-Gesellschaften. Alle bewerten E-Zigaretten als weniger schädlich als konventionelle Zigaretten, aber gesundheitlich bedenklich. Insbesondere seien die Langzeitwirkungen nicht abzuschätzen. Außerdem könnten E-Zigaretten die mühsam erkämpfte öffentliche Meinung ändern, dass Rauchen schädlich ist. Zudem wenden sich alle gegen die unregulierte Produktion und den unregulierten Verkauf der Nikotin-Dampfer. „Das ist in der Tat ein Problem“, konstatiert Prof. Windisch. Denn bei der Nikotinextraktion aus dem Tabak können toxische Nebenprodukte entstehen. „Für alle Nikotinersatzprodukte hat man klare Regeln – nur für die Liquids gibt es solche Bestimmungen nicht.“

Die E-Zigarette erzeugt keinen Rauch, sondern nikotinhaltigen Dampf. Das macht insofern einen Unterschied, als dass der Dampf keine schwebenden festen Teilchen enthält. Neben Wasser und den vielfältigen Aromastoffen aus den Liquids stecken darin Propylenglykol – in diesem Kontext als unbedenklich eingestuft –, Glycerin und natürlich Nikotin in unterschiedlicher Konzentration. Der Dampf hält sich in der Luft nur wenige Sekunden. „Die gute Nachricht: Passivrauchen ist nach wenigen Sekunden vorbei“, so Prof. Windisch.

Der Absatz von E-Zigaretten hat in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen, wie britische Statistiken zeigen. Dazu haben wohl auch die jugendaffinen Geschmacksrichtungen der Liquids beigetragen. 2012 lag die Zahl der „Vapers“ noch bei etwa 700 000, 2017 waren es schon fast drei Millionen. Die Hälfte davon sind Ex-Raucher, fast ebenso viele greifen zur „echten“ und zur E-Zigarette – eine Praxis, die gemäß einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie besonders gesundheitsschädlich sein dürfte.

Bloß nicht Erdbeere oder Kaffee dampfen

Der Verdacht, dass E-Zigaretten eine Einstiegsdroge für den Konsum normaler Zigaretten sind, hat sich erhärtet. So zeigt eine Umfrage unter amerikanischen College-Studenten, dass einer sehr viel wahrscheinlicher anfängt zu rauchen, wenn er mal gedampft hat. „Aus meiner Sicht ist dies das größte Problem“, kommentierte Prof Windisch.

Ein anderes liegt natürlich darin, dass E-Zigaretten zwar möglicherweise weniger schädlich sind, aber ganz sicher nicht harmlos. In einer aktuellen Umfrage berichtete die Mehrzahl der E-Raucher über Beschwerden wie Husten, Giemen, Atemnot und Kopfschmerzen. Neben dem Nikotin enthält E-Rauch genauso wie Tabakrauch eine ganze Latte von Substanzen, die noch kaum untersucht wurden. Erste Tests deuten darauf hin, dass es besonders problematische Geschmacksrichtungen gibt: „Wenn Sie E-Liquids dampfen wollen, dann bitte nicht Erdbeere oder Kaffee“, riet Prof. Windisch.

Hautausschlag von Eisbonbon

Ein Beispiel, dass E-Zigaretten unvorhersehbare Risiken bergen können, schilderte eine Kollegin aus dem Auditorium. Ihre Patientin berichtete, sie habe Hautausschlag im Gesicht, seit sie auf E-Zigaretten umgestiegen sei. Ihre bevorzugte Geschmacksrichtung: Eisbonbon. Tatsächlich wird im Internet geraten, Schleimhautkontakt mit Eisbonbon-Liquids zu vermeiden und sie nicht in die Hände von Kleinkindern gelangen zu lassen. „Solche Einzelfälle sind in Studien nicht erfassbar“, meinte Prof. Windisch. „Insofern sind wir Versuchskaninchen.“

Ein spezielles Risiko stellen Explosionsverletzungen dar. Denn eine E-Zigarette geht leicht mal hoch. Je nachdem, wo sie sich dann befindet, kann es u.a. zu Tätowierungsverletzungen der Haut kommen oder, wenn das Gerät beim Rauchen explodiert, zu Zahnverlust und Verbrennungen. Das sind keine Einzelfälle mehr, es gibt inzwischen ganze Fallserien.