Ein Mediziner kennt keinen Stress?

Autor: Michael Brendler

Die Ohnmacht, Belastungen wegzustecken, wird als eigene Schwäche gedeutet. © Fotolia/PR Image Factory

Lange Arbeitstage, permanenter Stress, strapaziöse Arbeitsbedingungen – da drohen Burnout oder gar Sui­zid. Resilienz­trainings für Ärzte können nur zum Teil helfen und in einigen Fällen sogar kontraproduktiv wirken.

Das Problem drängt auf eine Lösung: Ärzte in Job und Ausbildung gehören zu den Arbeitnehmern mit dem höchsten Burnout- und Suizidrisiko überhaupt. Gerade die Allgemeinmediziner und andere erstversorgende Ärzte sind am härtesten von dem Übel betroffen, mahnt Professor Dr. Alan J. Card. In vielen Gesundheitssystemen sei die unhaltbare Situation zwar immerhin erkannt worden, schreibt der Wissenschaftler von der Pädiatrie der University of California in San Diego in einem Essay. Aber mit den bisherigen Lösungsversuchen dürfe man nicht zufrieden sein.

Bewältigungstraining sinnvoll für „unvermeidliche Leiden“

Vielerorts, so beschreibt der Mediziner, versuche man, die Stressbewältigungsstrategien der Kollegen zu verbessern. Das aber sei keineswegs die richtige Antwort auf Missstände am individuellen Arbeitsplatz oder im Gesundheitswesen allgemein, stellt der Autor klar. Ohne Frage seien bestimmte Formen von psychologischem Stress fester Bestandteil des ärztlichen Berufs: Therapiebemühungen scheitern, Angehörige drängen und klagen, über Leben und Tod wird manchmal basierend auf dürftigster Datenlage entschieden – bei der Bewältigung solcher „unvermeidlichen Leiden“, räumt Prof. Card ein, könne eine gut trainierte psychologische Widerstandskraft dem Einzelnen sicherlich gute Dienste leisten.

Andere belastende Situationen seien jedoch keineswegs unvermeidbarer Bestandteil des Arztberufs: Stressoren wie permanente Überlastung, schlechte Ausstattung oder eine unkollegiale, feindselige Arbeits­atmosphäre könne und müsse man mit entsprechenden Maßnahmen begegnen. Probate Maßnahme gegen derartige „vermeidbare Leiden“, wie Prof. Card sie nennt, sei jedenfalls nicht, die Mitarbeiter darin zu trainieren, die Kalamitäten bereitwilliger hinzunehmen. Notwendig seien Systemverbesserungen, die die Missstände präventiv und nachhaltig unterbinden.

Eine gute Kommunikation kann schon helfen

„Ein Resilienztraining trägt nicht dazu bei, die Ursachen für vermeidbare Leiden zu beseitigen. Vielmehr kann es selbst Probleme auslösen“, kritisiert der Autor. Indem es zum einen die Illusion fördert, es gäbe einfache Lösungen – und dadurch notwendigen Veränderungen eher im Weg steht. „Zum anderen gibt es betroffenen Ärzten das Gefühl, eine Mitschuld an den Schwierigkeiten zu tragen. Dass ihre Ohnmacht, die Belastungen wegzustecken, ein Zeichen für ihre persönliche Schwäche ist.“

Schon mit dem Lösen alltäglicher Probleme, zum Beispiel mithilfe guter Kommunikation, lassen sich die Arbeitsbedingungen für Ärzte erheblich verbessern. Dabei hätten Krankenhäuser und andere Einrichtungen der medizinischen Versorgung oft schon die Werkzeuge zur Hand und verfügten über die entsprechende Infrastruktur.

„Nun müssen wir bloß sicherstellen, dass man die Ressourcen nutzt, um nicht nur die Patienten zu schützen – sondern auch die Ärzte“, fordert der Autor. Danach ist seiner Meinung nach ein Resilienztraining als weitere Maßnahme immer herzlich willkommen.

Quelle: Card AJ. Ann Fam Med 2018; 16: 267-270