Immer erschöpft? Wachsam sein bei müden Patienten und keine Pseudodiagnosen stellen

Autor: Dr. Andrea Wülker

Bei Müdigkeit nicht nur körperliche, sondern auch soziale und psychologische Ursachen suchen. © fotolia/Antonioguillem

„Und außerdem bin ich immer so müde!“ Das hören Sie in der Sprechstunde wohl ständig. Dennoch: Verschlafen Sie es nicht, die Ursache genau abzuklären! Eine neue Leit­linie der DEGAM* unterstützt Sie dabei und hilft, Trugschlüsse zu vermeiden.

Rund 30 % der Hausarztpatienten geben eine „stark“ oder „sehr stark“ ausgeprägte Müdigkeit an – Frauen häufiger als Männer. Allerdings ist die Müdigkeit nur bei einem Teil von ihnen der Hauptgrund für den Arztbesuch. Geht es um Patienten mit unerklärter, über mindestens einen Monat anhaltender Müdigkeit, wird die Prävalenz in Deutschland mit ca. 11 % angegeben.

Hinter dem Symptom Müdigkeit können die unterschiedlichsten psychischen, organischen und sozialen Störungen stecken. Bei den meisten Patienten lassen sich diese Aspekte nicht sinnvoll voneinander trennen. Sie sollten deshalb integriert behandelt werden, fordern die Leitlinienautoren unter Federführung von Professor Dr. Erika Baum, Universität Marburg.

In der Diagnostik immer biopsychosozial denken

Wie umfangreich sollte die haus­ärztliche Diagnostik sein? Die Leitlinie rät dazu, in der Anamnese Charakteristika des Symptoms „Müdigkeit“ und assoziierte Beschwerden zu erfassen. Auch die Beeinträchtigung im Alltag und die Vorstellungen des Patienten zu den Ursachen seiner Müdigkeit gilt es zu eruieren, ebenso Symptome von Angst und Depression.

Bei primär ungeklärter Müdigkeit sollten außerdem erfragt werden:

  • Vorerkrankungen,
  • Schlaf, Verlauf des Körpergewichts, Tabakkonsum,
  • kardiale, respiratorische, gastrointestinale, urogenitale und ZNS-Funktion,
  • Medikamente, psychotrope Substanzen,
  • soziale, familiäre, berufliche Situation,
  • chemische oder Lärmbelästigung,
  • ähnliche Symptome im privaten/beruflichen Umfeld,
  • Schnarchen, Einschlafen am Steuer und
  • (habitueller) Schlafmangel.

Die körperliche Untersuchung richtet sich nach den Hinweisen in der Anamnese. Wenn keine Anzeichen für körperliche Störungen vorliegen, sollten untersucht werden:

  • Herz, Puls und Blutdruck,
  • Atemwege, Schleimhäute,
  • Abdomen,
  • Lymphregionen sowie
  • Muskeltrophik, -kraft, -tonus und -eigenreflexe.

Auch die Labordiagnostik orientiert sich an Auffälligkeiten in der Anamnese und körperlichen Untersuchung. Wenn es keine Zeichen einer definierten körperlichen Störung gibt, sollten lediglich folgende Parameter untersucht werden: Blutglukose, Blutbild, Blutsenkung/CRP, Transaminasen oder γ-GT sowie TSH.

Im gesamten diagnostischen Ablauf soll ein biopsychosozialer Ansatz eingehalten werden. Demgemäß sind meist mehrere Erklärungen für die Müdigkeit anzunehmen und zu behandeln, betonen die Kollegen. Bei ungeklärter Müdigkeit oder Hinweisen auf relevante psychosoziale Belastungen sollten dem Patienten feste Folgetermine angeboten werden. Die Behandlung körperlicher Erkrankungen, etwa einer Herzinsuffizienz, soll optimiert werden.

Was Ärzte oft falsch machen

1. Fehler: Pathologische Laborwerte werden vorschnell als ausreichende Erklärung akzeptiert. Beispiel: Eine subklinische Hypothyreose kann – muss aber nicht – die Ursache für Müdigkeit sein. Auch nach Normalisierung des TSH-Werts kann die Müdigkeit weiterbestehen. Konsequenz: Kritische Evaluation von subjektivem Befinden und auffälligen Befunden im Zeitverlauf. Überdiagnostik vermeiden!

2. Fehler: Ärzte schließen zuerst körperliche Ursachen aus und bearbeiten erst danach den psychosozialen Bereich. Wenn sich die somatische Abklärung über Wochen hinzieht, kann sich beim Patienten die Überzeugung fixieren, dass sich hinter dem Symptom Müdigkeit eine körperliche Erkrankung verbergen muss. Daher: Schon beim Erstkontakt mit dem Patienten ein psychosoziales Verständnis erarbeiten! Auch somatische Erkrankungen haben eine psychische und soziale Komponente.

3. Fehler: Bei bekannter chronischer Grundkrankheit wird die Müdigkeit vorschnell auf diese Erkrankung zurückgeführt. Mindestens genauso bedeutungsvoll sind aber Faktoren wie gestörter Schlaf, Schmerz, Therapie-Nebenwirkungen, erschöpfte psychische Kompensationsmöglichkeiten und Depression. Diese Faktoren erfordern gezielte Behandlungs- oder Rehamaßnahmen!

4. Fehler: Vorschnelle Etikettierung. Bei unspezifischen Befindensstörungen, die ohne pathologische somatische Befunde oft mit starken Beeinträchtigungen einhergehen, ist die Versuchung groß, eine unzureichend belegte (Pseudo-)Diagnose zu stellen (beispiels­weise Eisen­mangel, Hypotonie, Amalgam­belastung, Allergien, postvirale Syndrome etc.). Problematisch sind solche Etikettierungen insbesondere, wenn sie bei Patient und Arzt zu einer eingeengten Perspektive führen, die z.B. psychosoziale Faktoren außer Acht lässt oder sich anbahnende abwendbare gefährliche Verläufe vorschnell ausschließt.

Raucherentwöhnung und ggf. Verhaltenstherapie anbieten

Bei einem Substanzabusus (wie Tabakabhängigkeit) sollte eine Entwöhnungsbehandlung angeboten werden. Im Übrigen weisen die Autoren darauf hin, dass bei vielen zugrundeliegenden Störungen eine Verhaltenstherapie oder symptom­orientierte aktivierende Maßnahmen die Müdigkeit lindern und das Allgemeinbefinden bessern können. Sie sollten deshalb ausdrücklich empfohlen werden.

*Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Quelle: S3-Leitlinie „Müdigkeit“, AWMF-Register-Nr. 053-002, www.awmf.org