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Kreuzreaktivität: Genaue Allergiediagnostik gelingt nur molekular

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Manchmal ist eine Erdnusssensibilisierung nicht eine genuine, sondern eine birkenpollenassoziierte. Manchmal ist eine Erdnusssensibilisierung nicht eine genuine, sondern eine birkenpollenassoziierte. © Jiri Hera – stock.adobe.com
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In der modernen Diagnostik von Allergien verliert das Konzept der Pflanzenfamilie immer mehr an Bedeutung. Viel aussagekräftiger ist es, sich die jeweils enthaltenen Proteine genauer anzusehen. Denn die können für Kreuzreaktionen verantwortlich sein – auch außerhalb einer Familie.

Proteine spielen bei Sensibilisierungen eine große Rolle. „Wir müssen weg davon, die Verwandtschaft von Pflanzen – z.B. Birke, Hasel, Erle – diagnostisch zu nutzen, sondern sollten die ihrer Proteine betrachten“, erklärte Professor Dr. Thilo  Jakob von der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Gießen. Denn eine hohe Sequenzidentität bedeutet eine große Kreuzreaktivität. Beispiel: Profiline. Sie sorgen sowohl für Kreuzreaktionen zwischen Pollen unterschiedlicher Pflanzenarten als auch zwischen Pflanzen und Nahrungsmitteln. Außerdem haben sie viele Strukturhomologien mit Polcalcinen aus Gräsern.

Ein weiteres Beispiel sind die PR-10-Proteine, zu denen das Major­allergen der Birke, das Bet v1, gehört. Proteine aus der Bet-v1-Familie finden sich z.B. auch in Apfel, Karotte, Sellerie, Kiwi, Erdnuss und Kirsche.

„Um eine genuine Allergie von einer Kreuzreaktion abzugrenzen, muss man das Markerallergen identifizieren“, betonte der Referent. Das gelingt nur molekulardiagnostisch. „Wenn wir dieses Allergen nicht finden, sollten wir nicht desensibilisieren“, so Prof. Jakob. Denn je mehr Kreuzreaktionen Anteil an den Symptomen haben, umso schlechter sind die Erfolgsaussichten einer Immuntherapie.

Selektionsvorteil durch spezifisches IgE vermutet

In einem repräsentativen Kollektiv von 4231 Menschen entwickelten nach einem Insektenstich 92–94 % normale, 4–5 % überschießende lokale Reaktionen. Bei 2–3 % beobachtete man ein systemisches Geschehen. 41,6 % der Teilnehmer lagen mit ihrem spezifischen IgE (sIgE) gegen Biene und/oder Wespe über dem Grenzwert von 0,35 KU/l, 55,3 % oberhalb von 0,10 KU/l. In einer Kohorte von 257 aktiven Jägern und Fischern mit einer kumulativen Lebenszeitstichexposition von 98,3 % hatten 7 % eine bekannte Insektengiftallergie, 18 % mit systemischen Reaktionen. 49 % lagen mit ihrem sIgE > 0,35 KU/l und 73 % > 0,10 KU/l. „Ist die IgE-Bildung gegen Insektengift also vielleicht eine normale Reaktion, die uns sogar nützt?“, fragte Prof. Jakob. Einiges deutet darauf hin. Mastzellen produzieren Proteasen und Proteasen inaktivieren Giftstoffe. Die lokale IgE-vermittelte Aktivierung von Mastzellen bessert das Ausschalten der Toxine, d.h., IgE verschafft einen Selektionsvorteil. Hinsichtlich des Grenzwerts muss man bedenken, dass nur 1 % des IgE auf der Zelloberfläche spezifisch sein muss, um eine allergenabhängige Aktivierung auszulösen, erläuterte Prof. Jakob. Bei niedrigem Gesamt-IgE kann es daher passieren, dass man mit einem Cut-off-Wert von 0,35 kU/l eine relevante Sensibilisierung übersieht. Der Kollege riet dazu, bei klarer Anamnese besser den dia­gnostischen Bereich zwischen 0,10 und 0,35 KU/l zu berücksichtigen.

Genuine Erdnussallergie oder birkenpollenassoziierte?

Auch bei den gefürchteten Erdnuss- und Insektengiftallergien gilt es, genau zu differenzieren. Viele vermeintliche Erdnussallergiker haben eine isolierte Sensibilisierung auf Ara h8, das Bet-v1-Homolog der Hülsenfrucht – also eine birkenpollenassoziierte Erdnusssensibilisierung, keine genuine. Eine Studie an 144 Kindern zeigte, dass man bei dieser Form entweder mit gar keinen Beschwerden oder einem milden oralen Allergiesyndrom nach Exposition rechnen kann. Ein erhöhtes Risiko für systemische Reaktionen besteht nicht. Bei Hymenopteren geht es vor einer Immuntherapie meist darum, herauszufinden, ob eine echte Doppelallergie gegen Bienen- und Wespengift vorliegt oder aber eine Doppelpositivität durch Kreuzreaktionen. Das gelingt ebenfalls nur über eine molekulare Allergiediagnostik.

Quelle: Allergologie im Kloster 2020

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