Kunstimplantat: Bakterien töten noch 20 Jahre später

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Sämtliche beweglichen Einheiten der Prothese müssen entfernt und ersetzt werden, um den Bakterien die Angriffsfläche zu entziehen. © wikimedia/Fpjacquot~commonswiki

Tückische Folgen der Gelenkersatz-Operationen: Mit der Zahl der Revisionseingriffe steigt auch die Zahl der Infektionen und die Mortalität.

Viele Patienten möchten im Alter noch aktiv bleiben, auch wenn dies nur mit einem künstlichen Hüft- oder Kniegelenk möglich ist. Doch viele unterschätzen die mit dem Gelenkersatz verbundenen Gefahren. Nach aseptischer Lockerung und Luxation folgt an dritter Stelle der Komplikationen die periprothetische Infektion. Bei Revisionseingriffen liegt das bakterielle Risiko fast fünfmal so hoch wie bei einem primären Gelenkersatz, sagte Privatdozentin Dr. Norma Jung, Innere Medizin I, Uniklinik Köln.

Außerdem verkürzt der periprothetische Bakterienbefall die Lebenserwartung, wie zwei große Studien zeigen konnten: Eine dänische Arbeit ermittelte einen infektbedingten Anstieg der Sterblichkeit im ersten Jahr nach der Implantation. Und US-Forscher fanden heraus, dass Patienten mit Gelenkinfektion bis zu 20 Jahre nach dem Einsetzen der Endoprothese noch ein erhöhtes Todesrisiko tragen. Die Konsequenz: Dr. Jung rät dazu, die Kandidaten ehrlich über das erhöhte Sterberisiko zu informieren.

Die häufigsten Erreger dieser Infektionen sind Staphylokokken, insbesondere die koagulasenegativen Vertreter. In den letzten Jahren kam es auch zu einer leichten Zunahme gramnegativer und multiresistenter Keime. Streptokokken spielen vor allem bei hämatogenen Infektionen eine Rolle. Sie erfordern eine spezielle Fahndung nach Endokarditiden und anderen Quellen sowie Eintrittspforten (kutan, dental, urethral etc.).

Verzicht auf Prothesentausch theoretisch möglich

Kann man das Problem auch ohne Endoprothesenwechsel in den Griff bekommen? In einer Multicenter-Studie wurden 462 Betroffene mit periprothetischer Gelenkinfektion (in 50 % der Fälle hämatogen verursacht) nur mittels Débridement und Antibiotikatherapie behandelt.

Grundsätzlich geht das, doch in dieser Studie war das Ergebnis enttäuschend: In 42 % der Fälle versagte die konservative Behandlung – nach im Median 62 Tagen. Als Ursache vermutete die Referentin unter anderem ein zu zaghaftes Débridement. Denn die gründliche Wundreinigung ist für die Sanierung des periprothetischen Infekts unerlässlich. Außerdem müssen sämtliche mobilen Teile der Endoprothese ausgetauscht werden, um den Bakterien ihr Versteck zu nehmen.

Schließlich ist in einer Entzündung mit Fremdmaterial auch der Einsatz des biofilmwirksamen Rifampicins sinnvoll. Besondere Risikofaktoren für ein Therapieversagen waren eine rheumatoide Arthritis mit einer adjustierten Hazard Ratio (aHR) von 2,36, späte post­operative Infektionen (aHR 2,20) und eine Bakteriämie (HR 1,69).

Quelle: 6. Infektiologie-Update-Seminar